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Schwedische Ideen

Was ist schwedischer als das Label mit dem unbeholfen gezeichneten Elch? Natürlich ist IKEA in Schweden ein Nationalheiligtum, und die Schweden denken, wenn sie mal zwei Wochen lang nicht da waren, dann haben sie irgendwie was versäumt, aber ganz ohne geht es auch bei uns nicht. Ich darf an dieser Stelle bekannt geben, dass in Kürze bei mir ein Wohnungswechsel ins Haus steht, dass ich so zu sagen, einen eigenen Hausstand zu gründen im Begriffe bin, und daher nicht umhin kommen werde, allerlei Kleinigkeiten anzuschaffen. Graus!

Glücklich bist nur auf da Wööt
schwimmst' 'an rechtan Haffa Gööd

Francois Villon, Erwiderung an Jean Gaultier, übersetzt von dem leider viel zu früh verstorbenen H. C. Artmann

Chronischerweise hat mein Portemonnaie einen bisher unbekannten physikalischen Aggregatzustand eingenommen, nämlich den des Untervakuums, auch Überleerheit genannt, doch leider hat der schwedische König die Tragweite dieser Entdeckung nicht erfasst und es verabsäumt, mir den Nobelpreis samt dem dazugehörigen Kleingeld umzuhängen, und das letzte mir zur Verfügung stehende Zahlungsmittel, nämlich die Kreditkarte wird in Möbelhäusern nicht angenommen, so dass ich die allerletzten Pfennige zusammenkratzen musste.

Unter diesen Vorraussetzungen bin ich also mit nicht gerade besonders guter Laune in einem geliehenen Auto auf der Autobahn Nü,rnberg nach Eching gefahren, einem ewig faden Nest, das durch nichts anderes bekannt ist als durch den zu München gehörigen IKEA. Meine Stimmung wurde auch nicht dadurch gehoben, dass es unter der von Jan, dem grössten Kurpfuscher aller Zeiten, in meinen linken unteren Sechser gespachtelten Kompositfüllung zu gären angefangen hat, und dass ich jetzt mit einem offenen Krater im Mund rumlaufen muss. Dr. L., Jans Nachfolger, sagte, so was habe er schon lang nicht mehr gesehen, aber ich war froh, als er in meinen Zahn einen drei Zentimeter tiefen Entlüftungsschacht bohrte. Jetzt bin ich wenigstens schmerzfrei, zumindest, solang ich nicht mit dem linken unteren Sechser auf ein Gelbe-Rüben-Schnitzel beisse, das sich tief in den krater hineinbohrt, und selbst meinen von Jan einst abgetöteten Nerv wieder zum Leben erweckt.

Der IKEA in Eching hat erst vor Kurzem umgebaut. das Ergebnis ist ein dreistöckiges, luxuriöses, aber viel zu kleines Parkhaus. Die Schlange der Kunden fährt durch das Erdgeschoss, durch den erstenStock, durch den zweiten Stock, auf das Dach, und wieder hinunter ins Erdgeschoss. Dabei konnte ich eine ganz besondere Beobachtung machen: Es gibt IKEA-Kunden, die setzen sich in ihr im Parkhaus geparktes Auto, lassen den Motor an, und schalten den Rückwärtsgang ein. Meinem Adlerauge entgeht das nicht, und ich setze mich sofort dahinter, hoffend, den gleich leer werdenden Platz selbst einzunehmen. Diese Kunden jedoch fahren mit ihrem Auto rückwärts zu etwa drei Viertel aus der Parklücke heraus, bleiben stehen, fahren wieder vorwärts in die Parklücke hinein, stellen den Motor ab, steigen aus, schließen ihr Auto ab und gehen davon. Warum sie das wohl tun, ist mir ganz unbegreiflich, entweder wollen sie etwas zur Erheiterung der Parkplatz suchenden beitragen, oder sie wollen zum Ausdruck bringen, dass die Ökosteuer zu niedrig sei.

Dennoch, jemand, der sich gern am Unglück anderer aufgeilt, findet im IKEA in Eching immer seinen Trost. Vom weinerlichen "Alles, was ich mag, gefällt Dir nicht" bis zum aggressiven "Mama! halt jetzt endlich Deine Fresse" war jede Ausdrucksform der Gereiztheit vertreten. Es ist immer gut, an einem Samstag zum IKEA zu fahren. Wenn nix los ist, dann ists nicht lustig.

Geduld im Umgang mit meinen Mitmenschen gehört nicht zu meinen Stärken, deshalb belaste ich mich in Geschäften ungern mit sperrigen Einkaufswägen, denn wenn ich nicht im Ferkeltrab die drögen Menschenschlangen links und rechts überholen kann, dann staut sich in mir der Stress, wie der Eiter in einem Zahnwurzelabszess. Ich behänge mich deshalb lieber mit drei der strapazierfähigen gelben IKEA-Tragetaschen, die ich an strategisch günstigen Stellen ablege, und in denen ich meine Beute zwischenlagere.

Da so ein Umzug eine größere Äkschn ist, kann man nicht alles auf einmal schaffen. Würde ich einen Innenarchitekten mit der Einrichtung beauftragen, müsste ich mich um nix kümmern. Ich würde zu gegebener Zeit an der Haustüre klngeln, mein Vermieter würde mich begrüßen, mit mir in den Keller gehen, den Gaszähler ablesen, mir noch einmal die Hand drücken, und wenn ich dann zurück in meine neue Wohnung käme, dann würden schon die ersten Möbelpacker mit der Waschmaschine an mir vorbeischnaufen. Bei amerikanischen Präsidenten ist es so, aber amerikanische Präsidenten sind vom Geschmack her auch nicht besonders wählerisch (wenn sie sich so einrichten, wie sie ihre ehelichen und ausserehelichen Geschlechtspartner wählen). Wer aus dem einen oder anderen Grund auf die Bestallung eines Innenarchitekten verzichtet und alles sebst in die Hände nimmt, der muss vor allem Prioritäten setzen. Waschmaschine zum Beispiel kann warten. Ein Hemd kann ich zur Not dreimal anziehen. Wenn ich Sonntags nicht aus dem Haus gehe, dann sogar am Sonntag zum vierten Mal. Unter dieser Vorraussetzung reicht meine Wäsche für zweieinhalb Monate.

Besteck dagegen braucht man dringend. Eine Tiefkühlpizza kann man mit der Hand essen, aber für eine Tiefkühlpizza braucht man einen Mikrowellenherd. Preisgünstiger kommt man weg, wenn man keinen Mikrowellenherd sondern Besteck kauft, dann kann man statt Pizza Spagetti essen. Beim IKEA funktioniert es so, dass auf einem Regal die einzelnen Bestecke zum Anschaun und Anfassen ausgelegt sind, die zum Kaufen in 24-er Kartons sind dagegen auf dem Boden gestapelt. Auf Anhieb gefiel mir das Messer Dragon. Dragon liegt gut in der Hand, der Griff hat einen Druchmesser von zweieinhalb Zentimeter, und eben so breit ist die Klinge. Aus massivem Schwermetall und gut ausbalanciert, so dass man es von hinten über die Schulter werfen kann, wenn einem danach ist, oder wenn die Nudeln zu lange gekocht worden sind. Mit so einem Messer hat bestimmt der Schwedenkönig Gustaf Adolf im dreissigjährigen Krieg gegessen. Das wäre genau das Richtige fü,r mich, denk ich mir, und suche zwischen den Kartons am Boden nach einem 24-teiligen Set von Dragon.

Leider, leider, ausgerechnet Dragon war ausverkauft. Ein von mir herbeizitierter Verkäufer konnte auch nichts weiter tun, als zu bestätigen, dass Dragon "wahrscheinlich" ausverkauft sei. Es gab nur noch Kartons mit Förnunft. Aber Förnunft hat nur einen Durchmesser von 8 Millimeter und eignet sich allenfalls dazu, Makaroni auf die Gabel zu schieben, Mit Förnunft kann man nicht mal ein Schnitzel in schluckgerechte Häppchen schneiden, wenn man zufällig an einem Wurzelabszess leiden sollte, und wenn man es wutentbrannt gegen das unbehandelte Kiefernholzregal Ivar schmeissen möchte, dann wird es mit einem lächerlichen KLACK auf den Boden plumpsen statt im Gebälk stecken zu bleiben. Nein, mit Förnunft hat König Gustaf Adolf bestimmt nicht gegessen. allerhöchstens vielleicht Olof Palme.

Was es aber immer gibt, sind die schönen Küchengeräte, voll verpseudochromt, in glänzend und edelmatt. Pfannenwender, Schneebesen aller Größen, Schöpflöffel, alles made in China, kostet nur jeweils sechs mark. Für sechzig Mark kann man jedem Gast die Illusion verschaffen, es sei ein kleiner Witzigmann an einem verloren gegangen. In einem farblich passenden Fünflitertopf für nur 32.90 lässt sich alles auch noch gut transportieren.

Der Sessel PS, ein Klassiker in einem so unverschämten Rot, dass jeder Gast einen sofort als IKEA-Kunde erkennen wird, passt leider nicht in die gelbe Tragetasche. Ich werde ihn mir bei Gelegenheit telefonisch bestellen und schicken lassen.

Im Verlauf eines Einkaufs steigt der Kaufrausch mit Zeit exponentiell an. Mehrfachstecker Koppla dreimal und vierundzwanzig Kleiderbügel Bumerang. Mein Leben lang musste ich unter dem Trauma leiden, nicht genügend Bügel zu haben, das soll mir in Zukunft nicht mehr passieren. Kissen - eine wahre Wonne. Die Kissen hägen zum Anfühlen von der Decke, und in riesigen Trögen darunter die Exemplare zum mitnehmen. Die Schweden lieben im Allgemeinen schön weich, flauschige Kissen, in denen das Haupt versinkt, wie in einer Schäfchenwolke. ich mag nur feste, eng gestopfte Kissen, die einen gewissen Widerstand bieten, deshalb bin ich mit der Kissenauswahl bei IKEA nicht hundertprozentig zufrieden. Es gibt immerhin zwei Modelle, die meinen Vorstellungen nahekommen. Meine erste Präferenz war natürlich ausverkauft, im dazugehörigen Trog lagerten die ganz und gar falschen Modelle, wenn ich darauf läge würde ich so weit einsinken mit dem Kopf, dass sich das Blut in meinem Hirn stauen, und ich beim Atmen Erstickungsanfälle bekommen würde. Aber immerhin gibt es noch das andere Modell. Lustig ist, dass diese Kissen Vakuumverpackt sind. Dabei ist das Volumen zusamengeschnurrt und die Plastikfolie eng an die Kissen angeklatscht. Ein kissen, dass im Gebrauch auf dem Bett vielleicht zehn Zentimeter hoch ist, ist unter der Folie höchstens zwei zentimeter stark. Trotzdem sind zwei Kopfkissen (in den Köpfen der wacheren unter den Tagebuchleserinnen wird es jetzt rattern, warum ich wohl zwei Kopfkissen brauche, männlichen Tagebuchlesern fallen solche Dinge ja in der Regel nicht auf. Aber davon ein anderes mal) und vier Sitzkissen zum auf dem Boden hocken, Vakuum hin oder her, ein ganz schönes Hindernis bei der Bewegungsfreiheit.

Hab ich was vergessen? Ach ja, in Stockholm im IKEA gab es Bettwäsche im Design der Fellzeichnung des gefleckten Holsteinrindes. Mangels Transportkapazität musste ich diese Bettwäsche vor meinem Umzug in die Tonne schmeissen. Ich tat es leichten Herzens, denn ich habe gehofft, das gleiche Modell in München wieder zu bekommen. Leider habe ich mich geirrt. Es herrscht in Deutschland eine bittere Armut an originellem Bettwäsche-Design. Nur Sonne-Mond-und-Sterne und großgeblümt, bestenfalls noch Uni. Als gerade noch akzeptabel erstehe ich weiss mit blauen, grünen und roten Kringeln. Was soll man machen?

An einem Samstag in einem IKEA an der Kasse anzustehen wäre sicher das geeignete Selbstbeherrschungstraining für Novizen in einem Zen-Kloster. Eine besondere Boshaftigkeit liegt in der Anordnung der Kassen. Die Kassierer jeweils zweier kassen sitzen nicht neben sondern hintereinander. Deshalb ist jede zweite Schlange etwa zweite Meter länger als die anderen. Als ich mich anstellte, waren die Schlangen gut zwanzig Meter lang, ich konnte also nur abschätzen, wo eine kürzere Schlangen sein könnte. Erst nach dreissig Minuten merkte ich, dass ich mich genau in der falschen Reihe angestellt hatte, und dass ich daher mindestens drei Kunden mehr vor mir hatte, als ich andernfalls gehabt hätte. Gerade eben wollte ich mich wahnsinnig darüber ärgern, aber in diesem Moment fiel einer Frau in der Schlange neben mir ein riesengroßer Topf mit einem Gummibaum um. Das heisst, ich weiss nicht, ob es tatsächlich ein Gummibaum war, Botanik ist nicht meine Stärke, jedenfalls eine mehr als einen Meter hohe Topfpflanze. Am Boden liegen Erde, weissglasierte keramikscherben, und der Gummibaum. Soso, dachte ich. So bestraft also der liebe Gott die, die sich einfach vordrängeln wollen. Die Frau mit dem kaputten Gummibaum war jetzt sichtbar in einem Gewissenskonflikt. Man konnte an ihrem Gesicht lesen, dass sie den aus der Erde gerissenen Gummibaum hinter einem Stapel Schubladenkästen Moppe 3 entsorgen, die Erde mit dem Fuß unter eine Palette Mehrfachstecker Koppla schieben und ihren Lover losschicken wollte, ganz schnell noch einen neuen Gummibaum zu holen. Ein strenger Blick von mir genügt, sie seufzt, fügt sich in ihr Schicksal, und nimmt den verwundeten, Erde verbröselnden Baum wieder zu sich auf den Wagen. Ich habe ein Pflanzenleben gerettet.

Inzwischen habe ich Probleme ganz anderer Art. Die vakuumverpackten Kopfkissen Ängsvide sowie vier namenlose Sitzkissen sind in zu engen Kontakt mit Korkenzieher Konics geraten und beginnen eins nach dem anderen, zu ihrer eigentlichen Größe anzuschwellen. Sie passen quasi nur noch symbolisch in die gelben Tragetaschen und müssen zwischen Tasche und Arm eingeklemmt werden, um nicht auf den Boden zu fallen.

Endlich, endlich bin ich mit dem Bezahlen an der Reihe. zur Strafe dafür, dass mich der IKEA so lange hat anstehen lassen, lege ich meine Gegenstände extra langsam auf das Förderband. Macht nix, es gelingt mir gar nicht, langsamer zu sein, als der Kassierer, der die Gegenstände einskännt. Und bald muss ich ihn stoppen, weil die Waren am hinteren Ende des Bandes bereits über die Brüstung zu purzeln drohen. ich sammle also alles erst mal in blaue Tragetaschen (die gelben musste ich abgeben) ein, bevor weiterkassiert wird. Kein Wunder, dass er für zwanzig Meter Schlange fünfzig Minuten zum Abkassieren braucht.