(heilkundiges süddeutsches Musiktalent)
Das erste Mal seit Langem wieder ein schöner Nachmittag, der die Bezeichnung "schöner Nachmittag" auch wirklich verdient. Ich fahre in einem schönen blauen Auto (das natürlich nicht mir selbst gehört) über die Autobahn München - Salzburg. Links und rechts auf den Feldern liegt eine unberührte gleichmäßige Schneedecke, bei der noch nicht die Oberfläche angefangen hat, zu verkrusten, ein Wolkenmeer auf Erden könnte man fast sagen, und die orange Spätnachmittagssonne wird von der flauschigen Schneeoberfläche in indifferentem Winkel in alle Richtungen reflektiert, und strahlt von links, von rechts, von oben und von unten gleichzeitig, weiss und blendend gegen die Windschutzscheibe. Die Windschutzscheibe jedoch ist über und über gesprenkelt mit hellbraunen Drecksspritzern. Dreck scheut bekanntlich das Licht, und deshalb werden vor diesem Lichtermeer die Flecken vor Wut kohlrabenschwarz und stören bösartig den Genuss dieses Naturschauspiels. Ein paar kalte Duschen aus der Waschwasserdüse, einige Sekunden vollständig umgeben von Seifenschaum, und dann - welch eine Erleuchtung! Absolute Lichtheit, das reinste Weiss. ...leider nur kurze Zeit, denn sobald die Seifenlauge von den Wischerblättern abgewischt worden ist, treten die hässlichen braunen Flecken wieder hervor, und treiben ihr abschäuliches Unwesen.
Wer so etwas schon mal erlebt hat, der weiss, warum es entlang der Autobahn München - Salzburg so viele schöne Rokokokirchen gibt, in denen man statt unter einer schnöden weissen Zimmerdecke unter einem blauen Himmel steht, mit weissen Schäfchenwolken, und vielen putzigen rosigen Engelchen, die sich wie Drecksspritzer zwischen den Wolken tummeln.
Zu diesem Naturschauspiel gehört selbstverständlich die passende Musik-Untermalung. Das Autoradio hat schon vor Zeiten seinen Geist aufgegeben, und sondert nichts als ein gräßliches Rauschen ab. Schnell wieder ausschalten. Aber aus dem Mund des Kasettenteils ragt das eine Ende einer hellgrauen Musikkasette, ich schiebe es in den Schlund des Geräts und drücke den Wiedergabeknopf. Freudige Erwartung. Ich hoffe auf etwas Heiteres, vielleicht ein Streichquartett, hoffentlich nicht Orgelmusik... Ich hör' immer noch nichts? Vielleicht sollte ich ein bischen lauter...?
Ich wäre fast gegen die Leitplanken gebrettert. Ein Mensch, (ich glaube, es ist ein Mensch) keucht Reime zu dem Thema Abfallrecycling. Die Melodie (ich habe so eine Ahnung, dass er sich selbst auf der Klampfe begleitet) erinnert vage an moderne "Jazz"-Kirchenlieder aus der Zeit meines Firmunterrichtes, und der Kerl wird und wird nicht müde zu reimen und zu reimen und zu reimen, und die Wörter in in so brutaler Weise zu verbiegen und zu vergewaltigen, dass sich eigentlich jedes Wort irgendwie entweder auf Recycling oder auf Abfall reimt. Ich riskiere mein Leben und anstatt auf die Straße zu achten, such ich verzweifelt nach dem Ausschaltknopf. Aber so einen knopf gibt es bei diesem Radio seltsamerweise nicht. Es gibt nur "Wiedergabe", "Vorspulen" und "Zurückspulen".
Na schön, denke ich, ich spule einfach vor, irgendwann ist das Band ganz vorn angekommen, und es hat sich ausgeabfallt. Tatsächlich herrscht einige Minuten lang Ruhe. In dieser Zeit gerät mir auch die Schachtel zu dieser Kasette in die Finger: "Münchner Arzt singt für die Umwelt". Unglaublich - man sollte ihm die Approbation entziehen!
Inzwischen hat das Band sein Vorwärtsspulen beendet, und es folgt etwas Schreckliches: Dieses Autoradio hat den automatischen Kasetten-Umdreh-Service. Wie von Geisterhand wird die Kasette im Radio umgedreht, und ohne meine Erlaubnis einzuholen, die Umweltlieder auf der Rü,ckseite abgesungen. Ich drü,cke wieder Vorwärtsspulen und dann och mal, und irgendwann drücke ich aus Versehen "Vorwärtsspulen" und "Rückwärtsspulen" gleichzeitig, und siehe - die Kasette fliegt mir entgegen, die Musik ist aus - Gerettet.