Treffend und aktuell für "Schöpfung" argumentieren

Dr. Reinhard Junker


Die Schöpfungsthematik ist nach wie vor aktuell. Sie wird vielleicht im großen und ganzen nicht mehr so "heiß" diskutiert wie noch vor 10 bis 15 Jahren, doch taucht diese Thematik häufig in Gesprächen über den christlichen Glauben auf, und zwar als Argument gegen die Glaubwürdigkeit der Bibel. Bis auf wenige Ausnahmen abgesehen, wird in den Schulbüchern und in säkularen populären Beiträgen wie auch in Museen die Evolutionsanschauung und das mit ihr verbundene Bild vom Menschen als Tatsache präsentiert oder mindestens als so gut begründete Theorie bezeichnet, gegen die es kaum vernünftige Argumente gebe.

In den Beiträgen der Serie "Treffend und aktuell für 'Schöpfung' argumentieren sollen in dieser Situation Gesprächshilfen gegeben werden. Die wichtigsten Argumente zu den einzelnen Themen sollen knapp zusammengefaßt werden, wobei auch wohlmeinende, aber schlecht begründete oder unhaltbare Argumente gegen Evolution aufgegriffen werden und durch fundierte Kritik ersetzt sollen. Die mit diesem Beitrag beginnende Serie soll also sachliche Informationen auf aktuellem Diskussionsstand liefern. Diese Informationen sollen helfen, Angriffen gegen die Glaubwürdigkeit der biblischen Überlieferung und gegen das biblische Schöpfungszeugnis begegnen zu können. Diese Absicht schließt nicht aus, daß gute Argumente für die Gegenseite auch beim Namen genannt werden. Auch sollen offene Fragen im eigenen Glaubens- und Denkrahmen nicht vertuscht werden. Die Faktenlage ist nicht "schwarz/weiß", d. h. in der Regel gibt es sowohl ein Für als auch ein Wider - bei der Evolutionslehre wie bei der auf die Bibel gründende Schöpfungslehre. Oft wird nur möglich sein, zu zeigen, daß die wissenschaftlichen Daten (die sog. "harten Fakten") den biblischen Berichten nicht widersprechen. Biblischer Glaube und Wissenschaft sind keine Gegensätze. Aber wir werden dennoch - naturwissenschaftlich betrachtet - nicht durchweg die "besseren Karten" als die Evolutionstheoretiker haben.

Wenn wir eine schlüssige Zusammenschau zwischen dem biblischen Zeugnis und der Wissenschaft feststellen können, freuen wir uns natürlich darüber, ohne jedoch hochmütig zu werden. Die Faktenlage kann sich nämlich bei neuer Kenntnislage ändern. Im übrigen sind gute Argumente Diener und keine "Keulen", mit denen man es den anderen "zeigt". Wir wollen aber auch den Mut nicht verlieren, wenn wir keine (guten) Antworten haben - auch das kann sich ändern. Es ist uns nicht verheißen, daß wir Wissenschaft und Glaube immer glatt zusammenbringen können. Wissenschaft ist interessant und spannend, aber - im Gegensatz zu Gottes Wort - vorläufig! Im übrigen darf sich der Glaube nicht auf gute wissenschaftliche Argumente gründen, sondern seine Basis muß das biblische Wort bleiben. Die Argumente sind Hilfen, auf die wir dankbar zurückgreifen können, nicht aber das Fundament. Der Glaube bleibt Glaube; er stützt sich nicht auf Menschenweisheit (1 Kor 2,5).

Im einzelnen sind folgende Themen vorgesehen (Änderungen sind möglich):

1. Von Menschenaffen und Affenmenschen

2. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm (Deutung von Ähnlichkeiten)

3. Was bedeutet "Ein jedes nach seiner Art"?

4. Der Mensch - eine Fehlplanung?

5. Welche Sprache spricht versteinertes Leben? (Fossilien)

x. Mechanismenfrage

6. Wie alt ist die Erde?

7. Was kochte in der "Ursuppe"

8. Gab es einmal den "großen Knall"? (Kritisches zur Urknallkosmologie)

Von Menschenaffen und Affenmenschen

Die Auseinandersetzung um die Schöpfungsthematik wird oft besonders brisant, wenn es um den Menschen geht. Dann wird deutlich, daß wir persönlich betroffen sind - oder sein könnten, und es fällt nicht mehr ganz leicht, die Thematik mit innerem Abstand anzugehen. Daher soll dieses wichtige Thema als erstes angepackt werden.

Teil I: Was ausgegraben wurde - menschenartige Fossilien

Wichtige Indizien zur Erhellung der Herkunft des Menschen sind zweifellos Fossilien. Damit werden Überreste früherer Lebewesen oder ihrer Spuren (Fußspuren, Ausgüsse von Schalen, Rollmarken von beschalten Organismen, Eier, Kotreste und dergleichen) bezeichnet. Zu den berühmtesten Fossilien gehören wohl Skelette von Dinosauriern. Fossilien gibt es aber auch von Menschen und Menschenaffen. Und die Evolutionstheoretiker sind überzeugt, daß es darüber hinaus auch Übergangswesen zwischen Menschenaffen und Menschen gegeben hat - "Affenmenschen". Für viele gilt die Existenz von Affenmenschen als Fossil gut belegt.

Wir können hier nicht allzusehr in Details gehen und konzentrieren uns auf diejenigen Formen, die in der aktuellen Diskussion als die heißesten Kandidaten für eine solche Übergangsstellung zwischen Affen und Menschen gelten. Hier sind einerseits die Gruppe der Australopithecus-Arten zu nennen, zum anderen menschliche Formen, die wie wir den Gattungsnamen Homo (Mensch) tragen.

Die "Südaffen"

Für Australopithecus (Abb. 1). gibt es keinen eingebürgerten deutschen Namen. Übersetzt bedeutet der Name "Südaffe". Diese Affengruppe erhielt ihren Namen nach der geographischen Region, in der der erste Fund gemacht wurde, nämlich Südafrika (1924 durch den Paläontologen Raymond Dart). In den Schulbüchern werden diesen Formen menschliche Merkmale zugeschrieben, vor allem der aufrechte Gang und ein menschenähnliches Becken. Zum Teil wird bei ihnen sogar Wergzeuggebrauch behauptet, doch das ist in der Fachwissenschaft nicht anerkannt. Tatsächlich sind diese Formen (man unterscheidet vier oder fünf Arten) dem Menschen ähnlicher als die heute lebenden Menschenaffen - ein für die Evolutionslehre sprechendes Argument, das anerkannt werden muß. Auf der anderen Seite besitzt diese Gruppe so viele affentypischen Merkmale (z.B. die Gehirnstruktur, Schnauze, Brustkorb, Schulterblatt, gekrümmte Zehen- und Fingerknochen), daß die Deutung als "Affenmensch" fragwürdig wird. Dazu kommt, daß zahlreiche Merkmale in einer Ausprägung vorkommen, wie sie weder bei Menschenaffen noch beim Menschen vorkommen. Diese Daten kommen in Schulbüchern und Museen kaum zur Sprache, werden aber in der Fachwelt intensiv diskutiert. Australopithecus befindet sich also nicht auf einem gedachten Weg vom Affen zum Menschen, sondern steht sozusagen abseits davon. Ein einfacher Einbau in einen gedachten Stammbaum vom Affen zum Menschen gelingt nicht. Das wird auch von manchen Evolutionstheoretikern eingeräumt, die deshalb nach geeigneteren Zwischengliedern zwischen Menschenaffen und dem Menschen suchen. Inzwischen hat sich auch herausgestellt, daß der aufrechte Gang von Australopithecus nicht menschentypisch war und daß er möglicherweise nur eine gelegentliche Fortbewegungsweise darstellte. So sprechen die schon erwähnten Krümmungen der Finger- und Zehenknochen und Merkmale des Schultergürtels deutlich für eine Fortbewegung im Geäst. Eine Zwischenstellung zwischen Affen und Menschen ist also mit dieser Fossilgruppe nicht erwiesen. Man kann vielmehr einen deutlichen Unterschied zum Menschen erkennen. Der Name "Südaffe ist daher berechtigt.

Der Neandertaler und der "aufrechtgehende Mensch"

Kommen wir zur anderen genannten Gruppe, den Homo-Arten. Auch hier werden verschiedene Ausprägungen unterschieden. Am bekanntesten ist zweifellos der Neandertaler (Abb. 2), der wie wir den Namen Homo sapiens trägt (mit dem Unterart-Zusatz neanderthalensis; "Unterart" hat nichts mit "Untermensch" zu tun, sondern ist eine biologische Feineinteilung). Viele Zeitgenossen verbinden mit dem Neandertaler immer noch die Vorstellung von einem geistig unterentwickelten und bucklig gehenden Wesen. Doch diese Vorstellung ist schon lange überholt und wird auch unter Evolutionstheoretikern heute nicht mehr geteilt. Vielmehr ist inzwischen durch umfangreichen Formenvergleich gezeigt worden, daß die Körpermerkmale des Neandertalers vereinzelt auch bei heutigen Menschenrassen vorkommen, wenn auch nicht in der typischen Neandertaler- Kombination. Es gibt keinen Beweis dafür, daß der Neandertaler "weniger entwickelt" gewesen wäre als der heutige Mensch. Manches spricht dafür, daß sein eigentümlicher, robuster Körperbau im Zusammenhang mit dem kalten Eiszeitklima steht, in dem der Neandertaler gelebt hat. Da der Neandertaler z. T. in gleichen Schichten vorkommt, wie der "moderne" Homo sapiens sapiens und nicht älter datiert wird, scheidet er auch aus diesem Grund als Übergangsform zwischen Affen und Menschen aus.

Etwas schwieriger ist die Situation bei Homo erectus, dem "aufrechtgehenden Menschen" (Abb. 3). Er hat eine ungewöhnlich kleine Durchschnittsgehirngröße, und manche anatomischen Merkmale sind in einer Weise ausgeprägt, wie sie bei heutigen Menschen nicht vorkommen (z. B. kräftige Überaugenwülste). Wie kann man diese Formen im Rahmen der Schöpfungslehre deuten? Zunächst muß berücksichtigt werden, daß die geschaffenen Arten und mit ihnen auch der Mensch nicht völlig unveränderlich waren. Die Bibel sagt, daß alle Menschenrassen von Adam und Eva bzw. nach der Sintflut von der Noahfamilie abstammen. Also wurde im Laufe der Zeit eine erhebliche Vielfalt ausgeprägt, wobei die Menschen natürlich immer Menschen blieben. (Wie diese Vielfalt entstehen konnte, soll in einer späteren Folge erläutert werden.) In diesem Sinne läßt sich auch Homo erectus deuten: als bestimmte Variante im Spektrum der Ausprägungsmöglichkeiten des Menschen. Das heißt: Die körperlichen Unterschiede zum heutigen Menschen oder auch zum Neandertaler sind nicht als evolutionäre Abstufungen oder Höherentwicklungen zu deuten, sondern als Ausdruck einer gewissen Flexibilität des geschaffenen Menschen. Welche Indizien können wir für diese Sichtweise anführen? Zum einen liegen die Gehirngrößen des Homo erectus fast vollständig in der Bandbreite heutiger Gehirngrößen. So ungewöhnlich klein ist das Gehirn von Homo erectus also gar nicht. Möglicherweise steht die relativ geringe Gehirngröße im Zusammenhang mit klimatischen Verhältnissen, doch das ist nicht gesichert. Bemerkenswert ist weiter, daß die Gehirnstruktur in wesentlichen Merkmalen der des heutigen Menschen gleicht. Von diesen Daten her kann eine evolutionär tiefere Stellung des Homo erectus gegenüber dem heutigen Menschen nicht bewiesen werden. Ähnlich kann bei anderen Merkmalsunterschieden zum heutigen Menschen argumentiert werden: Die bei Homo erectus auftretenden von Homo sapiens abweichenden Merkmale wie Überaugenwülste, zurückstehendes Kinn, flache Stirn, vorstehende Mundpartie und andere finden sich in etwas schwächerer Ausprägung auch bei manchen heutigen Menschenrassen, z. B. bei den australischen Ureinwohnern (Aborigines; Abb. 4). Es handelt sich also nicht um ganz unterschiedliche Merkmale, sondern um verschieden extreme Zustände derselben Merkmale. Daher ist die Vorstellung begründet, daß diese Unterschiede gar nichts mit Evolution im Sinne einer Höherentwicklung zu tun haben, sondern nur Variation auf der Grundlage des Erschaffenen darstellen. Schließlich muß noch Homo habilis erwähnt werden der sog. "fähige Mensch". Von dieser Form sind nur wenig Fossilien bekannt und die Berechtigung der Existenz von Homo habilis ist nicht unbestritten. Manche Funde müssen vielleicht zu Homo erectus gestellt werden. Für die Schöpfungsforschung bleiben hier einige Fragen offen.

Was sonst noch wissenswert ist und oft gefragt wird, soll abschließend in Frage- und Antwortform zusammengestellt werden.

Sind nicht viel zu wenig Funde bekannt, um Rückschlüsse ziehen zu können?

Von Australopithecus, Homo erectus und dem Neandertaler ist jeweils eine ganze Reihe von Funden gemacht worden, z. T. an zahlreichen Lokalitäten in Afrika, Europa, dem Nahen und dem Fernen Osten; es handelt sich vor allem um Schädelteile, die am ehesten erhalten bleiben. Vom Neandertaler und von Homo erectus sind einige (fast) vollständige Skelette bekannt. Fossilien gibt es auch von Homo sapiens, der heutigen Formen am meisten gleicht. Der Körperbau kann daher recht sicher rekonstruiert werden.

Ist es möglich, daß aufgrund von Krankheiten und Mißbildungen Fehlschlüsse gezogen werden?

Das ist zwar in der Tat möglich und wird bei einem Neandertaler-Fund auch vermutet, doch sind menschliche Fossilfunde zahlreich genug, daß die Aussagen über das Aussehen durch Daten genügend belegt sind. Mit Mißbildungen kann man nicht gegen Evolution argumentieren.

Kann das Aussehen der fossilen Formen überhaupt rekonstruiert werden?

Der Knochenbau ist je nach Erhaltungszustand u. U. sehr genau rekonstruierbar. Fehlende Teile können gemäß der vorliegenden Teilen symmetrisch ergänzt werden, oder es ist möglich, durch Vergleich mit ähnlich gebauten heute lebenden Formen fehlende Teile zu ergänzen - ein Verfahren, das sich bewährt hat und bei dem in der Regel wenig Unsicherheiten bleiben. Ebenfalls kann der versierte Anatom Muskeln, Sehnen, Bindegewebe und Haut ergänzen. Spekulativ bleiben Hautfarbe, Behaarung und Haarfarbe und der Gesichtsausdruck.

Spielt bei den Rekonstruktionen nicht Phantasie eine größere Rolle als die Fakten?

Im Einzelfall mag das der Fall sein, wenn etwa nur wenig Fundmaterial vorliegt. Generell kann man aber nicht sagen, daß Rekonstruktionen stark von der Phantasie abhängen oder daß etwa Beweise erfunden werden, wo keine gefunden wurden.

Wurde nicht einiges gefälscht?

Außer dem bekannten Betrug mit dem "Piltdown-Menschen" (ein Menschenschädel wurde mit einem Affenunterkiefer zusammengesetzt) spielen Fälschungen in der Forschungsgeschichte keine erwiesene Rolle. Auch hier lassen sich keine Argumente gegen Evolution konstruieren und mit Unterstellungen sollte man zurückhaltend sein.

Kann man die wesentlichen evolutionskritischen Argumente kurz zusammenfassen?

Ein Versuch: Eine eindeutige "Affenmenschen-Natur" kann anhand der bekannten Fossilien nicht belegt werden; es zeichnet sich vielmehr ein an konkreten Merkmalen nachvollziehbarer Sprung zwischen Menschenaffen und dem Menschen ab, auch bei fossilen Formen. Die Australopithecus-Arten hatten eine einzigartige Merkmalskombination und stellen kein Zwischenwesen zwischen Affen und Menschen dar. Die unterschiedlichen körperlichen Ausprägungen bei den fossilen Menschen können als Ausdruck einer Vielfalt und Flexibilität des geschaffenen Menschen verstanden werden, nicht als Belege einer evolutionär aufsteigenden Reihe.

In der nächsten Folge soll es um ganz andere Argumente für die Affenabstammung gehen: um Ähnlichkeiten zwischen heutigen Affen und heutigen Menschen sowie um die Embryonalentwicklung des Menschen: Gibt es ein "Affenstadium" im Mutterleib?

Reinhard Junker Literaturhinweise: Populär geschriebene, sehr anschauliche Broschüre:

R. Junker / S. Hartwig-Scherer: Stammt der Mensch von Adam ab? Hänssler, 2. Aufl. 1994.

Fachliteratur: M. Brandt: Gehirn und Sprache. Fossile Zeugnisse zum Ursprung des Menschen. Studium Integrale. Berlin, 1992

M. Brandt: Die Fortbewegungsweise der frühen Hominiden. Studium Integrale. Neuhausen, 1995 (in Vorbereitung)

S. Scherer (Hg.): Die Suche nach Eden. Neuhausen, 1991.

Von Menschenaffen und Affenmenschen, 2. Teil

In unserer Serie über Gesprächshilfen zur Auseinandersetzung um die Schöpfungslehre der Bibel haben wir mit Fragen begonnen, die besonders den Menschen betreffen. In der ersten Folge ging es um "Menschenaffen und Affenmenschen". Es wurde gezeigt, daß die Fossilfunde (z. B. Versteinerungen von Schädeln) von Menschen und Menschenaffen im Rahmen der biblischen Überlieferung gedeutet werden können und daß die Merkmale der Fossilien eine deutliche Trennung zwischen Affen-Grundtypen und dem Menschen erlauben.

Aber nicht nur Fossilfunde gelten gewöhnlich als Belege für eine gemeinsame Abstammung von Menschenaffen und Menschen, sondern auch Beobachtungen an heute lebenden Organismen. In den Schul- und Lehrbüchern nimmt die Deutung von Ähnlichkeiten einen relativ breiten Raum im Kapitel über die Evolutionslehre ein. Dieser Thematik widmet sich die zweite Folge unserer Serie.

Teil II. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm (Deutung von Ähnlichkeiten)

Jeder weiß, daß der Mensch im Körperbau anderen Merkmalen den Tieren mehr oder weniger ähnelt, am meisten den Menschenaffen - die ja daher ihren Namen haben (Abb. 1). Bei Zoobesuchen zieht es uns oft besonders zu den Affen. Ihr Verhalten spricht uns an; wir können etwas "damit anfangen". Wir "verstehen" ihre Gesichtsausdrücke; wir empfinden eine gewisse "Verwandtschaft". Woher rührt diese Verwandtschaft?

Machen wir uns an diesem Beispiel etwas klar, was generell wichtig ist: den Unterschied zwischen Daten und Deutungen. Daten können direkt beobachtet (oder mit Meßinstrumenten ermittelt) werden. Sie sagen etwas darüber aus, wie die Welt (in unserem Fall die Lebewesen) beschaffen ist. Solche Daten gehören zum Bereich der Naturwissenschaft; sie untersucht die Phänomene der Welt (Was-Frage) und fragt danach, wie etwas gegenwärtig funktioniert. Die "Was"- und "Wie"-Fragen können durch Beobachtung und Experiment geklärt werden (oder man kann es wenigstens versuchen). Eine ganz andere Sache ist es, die Daten bezüglich ihrer Herkunft oder Entstehung zu deuten, also die Woher-Frage zu stellen. Dazu kann der Naturforscher keine direkten Beobachtungen vornehmen; er ist hier unvermeidlich auf weltanschauliche Vorgaben angewiesen und muß eine Grenzüberschreitung vornehmen. Wie das gemeint ist, wird gleich deutlich werden, wenn wir uns diesen Unterschied am Beispiel der Deutung von Ähnlichkeiten klarmachen. Die Feststellung von Ähnlichkeiten aller Art kann mit dem "Handwerkzeug der Naturwissenschaft" vorgenommen werden. Wir stellen fest: es gibt abgestufte Ähnlichkeiten unter den Lebewesen ("Was" und "Wie"). Aber woher kommen diese Ähnlichkeiten? Evolutionstheoretiker deuten sie durch gemeinsame Abstammung: Menschen und Affen sollen gemeinsame Vorfahren gehabt haben, und durch Vererbung soll sich diese Gemeinsamkeit in der Ähnlichkeit von heutigen Menschen und Affen niedergeschlagen haben. Schließlich, so wird weiter argumentiert, folgern wir aus speziellen Ähnlichkeiten von Menschen, daß es sich um Geschwister oder um Eltern und ihre Kinder handelt könnte. Diese Schlußfolgerung wird dann auf Affen und Menschen übertragen. Wir werden weiter unten sehen, daß diese Argumentation ein gewichtigen Haken hat.)

Doch ist die Übertragung der Ähnlichkeit von Affen auf Menschen Beobachtungssache? Offenbar nicht. Die Auffassung, Affen und Menschen seien abstammungsmäßig miteinander verbunden, muß zunächst unbewiesenermaßen angenommen ("geglaubt") werden. Gemäß dieser weltanschaulichen Voraussetzung kann Ähnlichkeit gedeutet werden - eben als Indiz für die vermutete gemeinsame Abstammung. Nochmal: Niemand hat beobachtet, wie aus Affen Menschen wurden. Das heißt: Die Deutung der Ähnlichkeiten von Affen und Menschen durch gemeinsame Abstammung ist nicht durch Beobachtung belegt, sondern Ausdruck einer weltanschaulichen Überzeugungen. Die tatsächlichen Daten (der Befund der Ähnlichkeit) werden dann nachträglich in das vorgegebene Konzept eingebaut, was durchaus möglich ist. Nur - man kann unter Berufung auf genau dieselben Beobachtungen auch ganz anders deuten. Statt von gemeinsamer Abstammung können wir genausogut von einem gemeinsamen Schöpfer ausgehen. Auch dann sind Ähnlichkeiten unter den Geschöpfen zu erwarten - bis in die Verhaltensweisen hinein -, die hier als Schöpfungsverwandtschaft gedeutet werden. Die Schöpfungsakte Gottes sind hier ebenfalls nicht beobachtbar. Es ist - hier wie dort - nur das Ergebnis der Entstehung einsehbar, ob man nun von Evolution oder direkter Schöpfung ausgeht.

Daß Ähnlichkeit als Ergebnis der Erschaffung durch ein und desselben Schöpfers verstanden werden kann, kann man sich leicht anhand von Vergleichen aus der Technik oder aus der Kunst klarmachen. So zeigen etwa Automodelle derselben Firma typische Ähnlichkeiten ("Markenzeichen") z. B. in der Form (Abb. 2). Sie weisen auf denselben Konstrukteur hin. Oder es ähneln sich die Bilder eines Künstlers in gewissen Stilmerkmalen. Ein Musikkenner kann am Stil des Musikstückes erkennen, von welchem Komponisten die Musik stammt. In allen diesen Fällen rührt die Ähnlichkeit von einer gemeinsamen Urheberschaft her. So kann man auch bei den Lebewesen deuten: Sie zeigen Ähnlichkeiten, weil sie vom selben Schöpfer geschaffen wurden.

Beide Deutungen - Evolution oder Schöpfung - sind also grundsätzlich beim Vorliegen von Ähnlichkeit denkbar. Die Feststellung von Ähnlichkeiten alleine ermöglicht noch keine sichere Entscheidung. Weitergehende Aussagen kann der Naturwissenschaftler aufgrund seiner Erkenntnismethode nicht machen; er muß verschiedene Deutungsmöglichkeiten bezüglich der Herkunft der Ähnlichkeit offenlassen, eben auch die Möglichkeit der Deutung durch direkte Schöpfung, wie es die Bibel berichtet.

Erstaunlicherweise räumen gelegentlich auch evolutionstheoretisch überzeugte Wissenschaftler diese Deutungsmöglichkeit ein. So schreibt der Zoologe G. Osche: "Als Informationsspeicher (er meint die Ursache für Ähnlichkeit) kann ein 'Schöpfer' angenommen werden, nach dessen 'Plan' die verglichenen Strukturen erstellt worden sind." Der Ornithologe D. S. Peters stellt fest (1984), daß der Befund der Ähnlichkeit ohne Zusatzannahmen keineswegs zu einem Glauben an Evolution zwinge.

Kommen wir nochmals auf die speziellen Ähnlichkeiten unter Geschwistern oder näheren Verwandten zurück: Wenn sich Menschen besonders ähneln, müssen sie gar nicht unbedingt nahe verwandt sein. Eine genaue Klärung bringen erst Stammbücher oder die persönliche Auskunft, also zusätzliche, andersartige Beweismittel. Bei der Deutung von Ähnlichkeiten zwischen Menschenaffen und Mensch stehen diese Beweismittel nicht zur Verfügung. In der Paläanthropologie sind solche "zusätzlichen Beweismittel" die Fossilien, um die es in der ersten Folge ging. (Dort wurde dargestellt, daß die Fossil-Indizien ebenfalls mehrdeutig sind.) Als Christen sehen wir aber auch den biblischen Bericht als historisches Zeugnis, sozusagen als geschichtswissenschaftliches "Beweismittel" an. Vom biblischen Schöpfungszeugnis her wird klar, daß die Ähnlichkeiten zwischen Mensch und Tieren durch Schöpfungsverwandtschaft zu deuten sind.

Wie können wir also kurz zusammengefaßt argumentieren: Der Befund der Ähnlichkeit läßt sich aus dem Blickwinkel naturkundlicher Daten gleichermaßen durch Schöpfung oder durch gemeinsame Abstammung deuten. Ähnlichkeiten an sich bilden weder einen Beweis noch eine Widerlegung weder des Evolutionsgedankens noch des biblischen Schöpfungszeugnisses. Vor dem Hintergrund der Tatsache, daß die Lehrbücher oft von einem Ähnlichkeitsbeweis für Evolution sprechen, ist das eine wichtige Feststellung. Den "Ähnlichkeitsbeweis der Evolution" gibt es nicht. Aus biblischer Sicht deuten wir die Ähnlichkeiten als "Markenzeichen" des Schöpfers, der sich in der Heiligen Schrift geoffenbart hat.

Das Problem der Konvergenz

Ein wichtiges Stichwort muß noch angesprochen werden: Die Biologen kennen zahlreiche Beispiele von tiefgreifenden Ähnlichkeiten, die nicht auf gemeinsame Abstammung zurückgeführt werden. Wie kann das sein, wo doch Ähnlichkeit sonst als Indiz für gemeinsame Abstammung gewertet wird? Ein Beispiel soll es klar machen: Säugetiere und Vögel unterscheiden sich in zahlreichen Merkmalen und weisen untereinander zahlreiche Gemeinsamkeiten auf. Deswegen werden die Säugetiere im Rahmen der Evolutionslehre auf einen gemeinsamen Ur-Säuger und die Vögel auf einen "Urvogel" zurückgeführt. Zusammen mit den meisten Vögeln besitzen aber einige Säugetiergruppen einen Brustbeinkiel, nämlich grabende und fliegende (Maulwurf, Fledermäuse und Flattermakis). Auch die ausgestorbenen Flugsaurier besaßen einen Brustbeinkiel. Er wird als Muskelansatzstelle für die Flugmuskulatur bzw. die Muskulatur der Grabbeine benötigt. Da diese Tiergruppen mit Brustbeinkiel nicht auf einen gemeinsamen Vorläufer zurückgeführt werden können, der bereits einen Brustbeinkiel besaß, muß im Rahmen der Evolutionslehre angenommen werden, daß dieses Merkmal mehrmals (mindestens fünfmal) unabhängig entstand. Evolutionstheoretiker sprechen in solchen Fällen von Konvergenz. Eine offenkundige Bauplanähnlichkeit wird hier nicht als abstammungsbedingt gedeutet, sondern als unabhängiger evolutiver Erwerb. Im Rahmen des Schöpfungsmodells können wir hier argumentieren, daß der Schöpfer quasi wie in einem "Baukastensystem" unterschiedliche Bauteile je nach den Erfordernissen der Lebensweise beliebig kombinieren kann.

Das Phänomen der Konvergenz ist keine Randerscheinung, mit der es die Biologen nur in seltenen Sonderfällen zu tun hätten, sondern es ist weit verbreitet. Einige besonders augenfällige Beispiele sind die Warmblütigkeit bei Vögeln und Säugetieren (sie soll unabhängig erworben worden sein), pneumatisierte (lufthaltige) Knochen bei Flugsauriern und Vögeln. Mindestens 40 mal unabhängig voneinander sollen im Laufe der Evolution Photorezeptoren oder Augen erworben worden sein. Fleischfressende Pflanzen verteilen sich auf ganz unterschiedliche Familien, ebenso sukkulente Pflanzen. Weiter können zahlreiche Bestäubungs- und Verbreitungsmechanismen von Samen und Früchten (z. B. Federschweifflieger- und Schirmchenbau, Angelhaken-Mechanismen etc. in nicht näher verwandten Pflanzenfamilien) oder der Besitz von Ölkörpern an Samen zur Anlockung von Ameisen und zur Verbreitung durch sie u. v. a. m. genannt werden. Das häufige Vorkommen von Konvergenzen schwächt die Glaubwürdigkeit des Arguments, Ähnlichkeit würde auf Evolution hinweisen, kann aber im Schöpfungsmodell verständlich gemacht werden, da der Schöpfer Merkmale frei kombinieren kann.

Auch in dieser Folge sollen noch einige Einzelfragen zur Thematik aufgeworfen werden, die mir hin und wieder begegnen:

Ist die Ähnlichkeit des Erbguts zwischen Affen und Menschen und die Ähnlichkeit bei Serumreaktionen ein Argument für Evolution?

Diese Frage muß verneint werden. Zunächst gilt für Ähnlichkeiten des Erbguts und von Stoffwechseleigenschaften dasselbe wie für sonstige Ähnlichkeiten (etwa des Körperbaus, wie oben besprochen). Darüber hinaus kann es ja kaum verwundern, daß ein ähnlicher Körperbau mit einem ähnlichen Stoffwechsel und einem ähnlichen Erbgut einhergeht - das ist grundsätzlich nicht anders zu erwarten. Dazu kommt noch folgende Überlegung. Die Ähnlichkeit der Bausteine - hier die der "Bausteine" (Gene) des Erbguts - sagt nicht unbedingt etwas über die Ähnlichkeit der Baupläne aus. Sprich: Sehr ähnliches Erbgut kann mit deutlichen Unterschieden im Bau und Verhalten einhergehen. Ein Vergleich soll das deutlich machen: Eine moderne Kirche und ein modernes Gefängnis sind sehr verschieden gebaut (verschiedene Baupläne). Doch das Material, mit dem sie gebaut sind, kann sehr ähnlich sein (Bausteine wie Backsteine, Türen, Fensterglas, Ziegel usw.). Das Erbgut entspricht den Bausteinen, nicht aber dem Bauplan. Was und wo der Bauplan der Lebewesen wirklich ist, gehört zu den großen Geheimnissen der Biologie. Diese interessante, aber auch schwierige Frage soll hier nicht thematisiert werden.

Ist es ein Argument gegen Evolution, daß Menschen und Affen verschiedene Anzahlen von Chromosomen haben?

Auch diese Frage ist zu verneinen. Aufgrund zahlreicher Studien an Tieren und Pflanzen geht hervor, daß die Chromosomenzahl alleine noch kein arttrennendes Merkmal sein muß. Nicht die Anzahl der Chromosomen ist entscheidend, sondern die Qualität der niedergelegten Information. Es kommt sogar vor, daß verschiedene Rassen derselben Art unterschiedliche Chromosomenzahlen haben. Änderungen der Chromosomenzahlen können durch Chromosomenbrüche eintreten; dadurch ändert sich am Gehalt an Information gar nichts.

Es gibt Merkmale, nach denen der Mensch anderen Tieren ähnlicher als den Affen. Ist das ein Argument gegen Evolution?

Auch diesmal nein. Das evolutionstheoretische Argument der Ähnlichkeit bezieht sich auf den Gesamt-Merkmalsbestand, der verglichen wird. Und insgesamt gesehen ähneln eben dem Menschen am meisten die Menschenaffen. Einzelne Ausreißer (bei bestimmten Merkmalen) erschüttern die Evolutionslehre nicht, denn in solchen Fällen wird eine konvergente Evolution vermutet (s. o.), d. h. eine gleichgerichtete Evolution durch ähnliche Auslesebedingungen. Wie überzeugend solche Erklärungen durch Konvergenz sind, ist eine andere Frage, die im jeweiligen Einzelfall geprüft werden muß.

1: Menschen und Affen besitzen einen besonders ähnlichen Körperbau. (aus "Stammt der Mensch von Adam ab?")

Abb. 2: Porsche und VW-Käfer ähneln einander in der Form und haben den Motor hinten und den Kofferraum vorne. Diese besonderen Ähnlichkeiten sind ein "Markenzeichen" desselben Konstrukteurs, Ferdinand Porsche. (aus "Stammt der Mensch von Adam ab?")

Osche G (1973) Das Homologisieren als eine grundlegende Methode der Phylogenetik. Aufs. Reden Senckenb. naturf. Ges. 24, 155-165.

Peters DS (1984) Evolutionstheorie - Zwangsläufigkeit und Grenzen. In: Kaiser P & Peters DS (Hg.) Evolutionstheorie und Schöpfungsverständnis. Regensburg, S. 193-218.

Das ist deswegen unmöglich, weil dieser Vorfahre sonst flugfähig gewesen sein müßte oder eine grabende Lebensweise wie Maulwürfe gehabt hätte (sonst hätte er einen Brustbeinkiel nicht gebraucht), was im evolutionstheoretischen Denkrahmen auszuschließen ist.

Mayr E (1984) Die Entwicklung der biologischen Gedankenwelt. Heidelberg, S.491.
 
 

Von Menschenaffen und Affenmenschen, 3. Teil

von Henrik Ullrich

Nachdem in den bisherigen Folgen unserer Serie die wichtigsten menschenähnlichen Fossilfunde und die Tatsache der Ähnlichkeiten zwischen Affen und Menschen behandelt wurden, fehlt noch ein wichtiger Aspekt aus der Diskussion um die Stellung des Menschen in der Schöpfung, nämlich die menschliche Entwicklung im Mutterleib (Embryonalentwicklung, Ontogenese).

Gibt es Tierstadien im Verlauf der menschlichen Entwicklung (Ontogenese) im Mutterleib ?

Stammesgeschichte (Phylogenese) und individuelle Entwicklung (Ontogenese)

Vertreter der Evolutionslehre betonen immer wieder, daß gerade die scheinbar eigenartig ablaufenden Prozesse und manche kurios erscheinende Gebilde wie "Kiemenbögen", "Schwänzchen" und "Fell" während der Entwicklung des Menschen von der befruchteten Eizelle zum geburtsreifen Kind unsere evolutive Herkunft klar dokumentieren sollen und deshalb wichtige Einblicke in unsere Stammesgeschichte ermöglichen. Das in vielen Lehrbüchern zitierte Biogenetische Grundgesetz (von Ernst Haeckel 1866 erstmals entworfen und 1872 so benannt)1 versucht einen naturgesetzlichen Zusammenhang von Stammesgeschichte und Individualentwicklung festzuschreiben. Bei der Suche nach tragfähigen Mechanismen für den Ablauf der Evolution orientiert man sich spekulativ in letzter Zeit vermehrt auf durch Mutationen (erbliche Änderungen des Erbgutes) ausgelöste Abwandlungen von Entwicklungsgeschwindigkeiten und - abläufen. Der Mensch wird unter diesem Blickwinkel z.B. als ein unvollständig ausgebildeter, unreifer Affe angesehen, der jedoch vorzeitig geschlechtsreif wurde und deshalb seinen evolutiven Siegeszug antreten konnte. Diese kurzen Bezüge mögen genügen, um die Bedeutung des Themas zu unterstreichen. Zunächst beschäftigen uns einige grundlegende Kenntnisse zum Verständnis der Ontogenese des Menschen. Danach beleuchten wir kurz den geschichtlichen Werdegang des "Biogenetischen Grundgesetzes" und dessen umstrittenen Wert für die biologische Forschung. Eine kritische Auseinandersetzung mit falschen Deutungen embryonal auftretender Strukturen steht am Ende dieser Erörterungen. Dem Interessierten dient die angegebene Fachliteratur zur Vertiefung der konzentriert vorgelegten Zusammenhänge.

Ontogenese - Was ist das?

Wie schon bei der Behandlung der vorangegangenen Themen soll am Beispiel des Menschen die Problematik angegangen werden. Mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle im mütterlichen Eileiter beginnt die Existenz eines neuen Menschen Zellvermehrung und Wachstum, Strukturbildung und Differenzierung in einer zeitlich und räumlich exakt vorgegebenen Weise schließen sich in den folgenden neun Monaten an. Voraussetzungen dafür sind vielfältige regulierende Wechselbeziehungen, die innerhalb des kindlichen und mütterlichen Organismus bzw. zwischen ihnen zum Tragen kommen. Eine zentrale Rolle für die normale Form- und Funktionsentwicklung besitzt das genetische Material des Kindes, welches väterliche und mütterliche Erbinformationen zu gleichen Anteilen enthält.

Aber Gene sind nicht die alleinigen Informationsquellen, die für Gestaltungsvorgänge notwendig sind. Eiweißverbindungen im Zellkörper (Plasma) und komplizierte Oberflächenmoleküle der Zellmembranen, die als Sender und Empfänger (Rezeptoren) fungieren, können Signale des Kindes oder der Mutter speichern, aufnehmen und abgeben, seien sie nun mechanischer oder biochemischer Natur. Dazu zwei Beispiele: Bei der Einnistung des menschlichen Keims in die Schleimhaut der Gebärmutter werden Botenstoffe (Hormone) ausgetauscht. Dem mütterlichen Körper wird signalisiert, daß er sich auf eine Schwangerschaft einzustellen hat. Der kindliche Keim empfängt nach Prüfung seiner Artzugehörigkeit durch mütterliche Spezialzellen die Genehmigung, sich in ihrem Organismus einzubetten. Der Ablauf der Entwicklung im Mutterleib ist heute trotz allem modernen Wissen über wichtige Details ein für die Wissenschaft größtenteils unverstandenes Phänomen. Aus biblischer Sicht kann menschliches Leben ohnehin nicht ohne Berücksichtigung der geistig-geistlichen Ebene in seinem Wesen erfaßt werden. Darüber hinaus offenbart sich dem gläubigen Beobachter der Ontogenese, sei er nun Wissenschaftler oder nicht, die schöpferische Allmacht und Weisheit Gottes besonders eindrucksvoll.

"Denn Du bildetest meine Nieren. Du wobst mich in meiner Mutter Leib." Psalm 139,13

Rein formal unterteilt man die Entwicklung des Menschen im Mutterleib in drei Phasen. Die ersten zwei Wochen nach der Befruchtung bezeichnet man als Blastogenese oder als Periode der menschlichen Frühentwicklung. In dieser Zeit geschieht der Transport des menschlichen Keims durch den Eileiter und dessen Einnistung in die Gebärmutter. Nach vielen Zellteilungen ähnelt er von seiner Form her zunächst einer Kugel (Morula, später Blastula; Abb. 1). Am Ende dieser Phase bildet sich an einem Pol der Kugel eine Zellverdichtung, die Keimscheibe. Der zweite Abschnitt, die Embryonalperiode, dauert von der 3. bis zur 8. Schwangerschaftswoche. Darin kommt es zur Anlage aller menschlichen Organe und zur Gestaltung der endgültigen Körperform. Wichtiges Detail in dieser Phase, in der die Frucht Embryo genannt wird, ist auch die Bildung des Mutterkuchens (Plazenta), welcher im Verlauf der Entwicklung lebensnotwendige Funktionen (Ernährung, Atmung, Blutbildung etc.) des Embryos garantiert. Den letzten und längsten Abschnitt der Ontogenese von der 9. bis zur 40. Schwangerschaftswoche bezeichnet man Fetalperiode. Diese ist durch das Wachstum und die funktionelle Reifung der einzelnen Organanlagen und Körperteile des Fetus gekennzeichnet und wird mit der Geburt abgeschlossen.

Geschichtlicher Rückblick auf Deutungsweisen der menschlichen Entwicklung vor Darwin (1859)

Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts glaubte man, daß die menschliche Entwicklung nichts anderes sei als das Heranwachsen eines bereits im Samen komplett ausgebildeten fertigen Menschen (Man stritt sich darüber, ob dieser "Homunkulus" nun im Samen des Mannes oder dem "Samen" der Frau zu finden sei.) Auf der Grundlage dieser Sichtweise behauptete man, daß alle Menschen bereits mit dem Samen Adams bzw. Evas in Miniaturform geschaffen worden seien. Diese auch als Einschachtelungslehre bekannte Ansicht harmonierte mit dem damaligen Schöpfungsverständnis der Kirche und hatte eifrige Verteidiger unter den Gebildeten der damaligen Zeit. 1756 belegte jedoch Friedrich Wolff in seiner herausragenden Arbeit "Theoria Generationis" anhand der Entfaltung des Hühnchens im Ei, daß Entwicklung nicht nur ein bloßer Wachstumsprozeß ist, sondern von einer Aufeinanderfolge von Strukturneubildungen und -umbildungen bestimmt wird. Vorerst konnte sich diese Sicht jedoch trotz guter Begründung nicht durchsetzen. Ca. 50 Jahre später war jedoch die alte Lehre, welche damals unter dem Begriff "Evolutionslehre" bekannt war, nicht mehr zu halten. (Der Begriff "Evolutionslehre" wurde damals anders gebraucht als heute!) Im Wechselspiel mit naturphilosophischen Vorstellungen interpretierten die Forscher jetzt die Entstehung des menschliches Organismus als ein unmittelbares Spiegelbild der Naturordnung Gottes oder einer imaginären schöpferischen Idee. So wie bereits von den Systematikern die Pflanzen und Tiere in Reihen oder in Stufenleiten, bei den einfachen beginnend und zu den komplizierteren aufsteigend, angeordnet wurden, schien ebenso die Entwicklung des Menschen als ein Durchlaufen aller dieser Stufen verstehbar zu sein. Schon 1811 behauptete J. Fr. Meckel, daß der Mensch im Verlauf seiner Entwicklung ein Fischstadium durchlaufe und deshalb Fischmerkmale wie Kiemen und Flossen beim Embryo sichtbar, wenn auch nur für kurze Zeit, in Erscheinung treten müßten. In den folgenden Jahren entdeckten dann Anatomen, dank der sich stetig verbessernden technischen Möglichkeiten, immer detailliertere, meist nur millimetergroße Strukturelemente menschlicher Embryonen. Und sie gaben diesen Bildungen Namen, wie Kiemen, Schwanz oder Flossen, die gut mit ihren Grundvorstellungen übereinstimmten. Die natürlichen Systeme der Naturordnungen und die humane Ontogenese dokumentierte auf diese Weise für sie eindrucksvoll die Stellung des Menschen als "Krone der Schöpfung". Wieder war es die gute Harmonisierbarkeit wissenschaftlicher Vorstellungen mit den kirchlichen Lehren, welche dem Stufenleiterdenken bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts eine hohe Geltung garantierte. Widerspruch meldeten zwar auch hier viele Gelehrte an, z.B. der berühmte Karl Ernst von Baer, aber den Grundgedanken einer Repräsentation einfacherer Lebensformen oder -typen in der Embryonalentwicklung höherer Tiere behielt man bei. Er erfuhr sogar durch den Siegeszug der Darwinschen Lehre einen ungeahnten Auftrieb.

Das Biogenetische Grundgesetz

Das prinzipiell Neue an der Abstammungslehre Darwins lag in dem Versuch einer alternativen, streng naturalistischen Deutung des vorhandenen biologischen Wissens. Alle Systeme und Ordnungen innerhalb der lebenden Welt, Ähnlichkeiten im Verhalten und in den Bauplänen der Pflanzen und Tiere sowie der Ablauf der Ontogenese beim Menschen galten jetzt als naturgesetzlich bedingte Folgen der alles verbindenden und verursachenden Stammesgeschichte. Der Jenaer Biologe Ernst Haeckel (1834-1920) begeisterte sich in einer unnachahmlichen Weise für die Darwinsche Lehre und war maßgeblich an ihrer erfolgreichen Durchsetzung in Deutschland beteiligt. Er bemühte sich mit absoluter Konsequenz, die Mannigfaltigkeit natürlicher Daten dieser Weltanschauung unterzuordnen oder anzupassen. Als Monist gab es für ihn nur die Gesetze der Natur, aus denen heraus Antworten für alle Fragen des Menschen gefunden werden mußten. Mit Hinblick auf die Ontogenese höherer Organismen formulierte er 1866:

 "Die Ontogenesis ist die kurze und schnelle Rekapitulation [Wiederholung, d. Verf.] der Phylogenesis, ... Das organische Individuum (...) wiederholt während des raschen kurzen Laufes seiner Entwicklung die wichtigsten von denjenigen Formveränderungen, welche seine Voreltern während des langsamen und langen Laufes ihrer paläontologischen Entwicklung ... durchlaufen haben." (1866, 300)

Alle Phänomene der Ontogenese sind nach diesem Gesetz nur durch die Phylogenese in ihrem Erscheinungsbild und in ihrem Werden kausal begreifbar. Die Vorstellung einer Vererbung erworbener Eigenschaften, die im Zentrum der älteren Lamarckschen Evolutionsvorstellungen (um 1800) stand, bildete dabei eine wichtige theoretische Voraussetzung In den Schriften Haeckels kursieren eine Menge von Formulierungsvarianten und Ausnahmeregelungen zu seinem "Gesetz". Dies resultiert aus seinem Bemühen, stets ein Argumentationssystem vorzulegen, das flexibel, faszinierend und plausibel zugleich erscheinen sollte. Die große Nähe zu den früheren naturphilosophischen Positionen und der große Erfolg der Abstammungslehre Darwins garantierten Haeckel eine weitgehend kritiklose Annahme seiner Thesen durch die allgemeine Öffentlichkeit. Demgegenüber waren es vor allem Fachkollegen, die aufgrund unverkennbarer Zirkularitäten seiner Argumentationen, falscher Grundannahmen über den Verlauf der Ontogenese (z.B. der des Menschen) und zweckorientierter Abbildungen oder "Fälschungen" Haeckel lebenslang (und weit über seinen Tod hinaus) mit wissenschaftlichen und persönlichen Vorwürfen begegneten. Sein Einfluß auf die Lehre vom Bau der Organismen (Anatomie) und auf die Embryologie blieb dessenungeachtet wegweisend bis in die heutige Zeit hinein. Die Ursache dafür liegt zum großen Teil in folgender Tatsache begründet: Haeckel und seine Anhänger nutzten ganz gezielt den Umstand aus, daß die Akzeptanz seiner Thesen und Gesetze sowie seiner Person als Wissenschaftler mit der Annahme der Abstammungslehre gleichgezetzt wurde und umgekehrt. (Vgl. dazu Haeckels Auseineinandersetzungen mit dem Keplerbund in Gursch 1980.13) Die kausalen Mechanismen (Vererbung erworbener Eigenschaften), die Haeckel seinem "Gesetz" zugrunde legte, waren schon Ende des 19. Jahrhunderts in der Wissenschaft kein Thema mehr. Die Bewertung embryonal auftretender Strukturen hingegen als Relikte stammesgeschichtlicher Vorfahren oder als wichtige Indizien für die Stammbaumrekonstruktionen blieb demgegenüber fester Bestandteil phylogenetischer Argumentationen.

Beispiele: "Kiemen", "Schwänzchen", "Fell"

Haeckel bewertete nicht jede embryonale Bildung als eine Rekapitulation (Wiederholung) von Merkmalen phylogenetischer Ahnen. Er unterschied zwischen sog. palingenetischen Merkmalen, die für ihn wirkliche Wiederholungen darstellten, und caenogenetischen Strukturen. Letztere seien zwar von hoher funktioneller Bedeutung für den Embryo, aber sie verfälschten den wahren phylogenetischen Zusammenhang, weil sie keine Merkmale stammesgeschichtlicher Vorläufer repräsentieren (z.B. der Dottersack oder die Nabelschnur). Als (palingenetische) Paradebeispiele für die Evolutionslehre aus ontogenetischer Sicht gelten bis in die heutige Zeit hinein u.a. die sogenannten Kiemenbögen, das Schwänzchen und ein Fellkleid, welche auch in der Entwicklung des Menschen auftreten und nur deshalb vorkommen würden, weil der Mensch vom kiemenbesitzenden, schwanztragenden bzw. mit Fell ausgestatten Vorfahren abstammen soll. Was sich dahinter nach heutigem Kenntnisstand verbirgt, soll nun kurz vorgestellt werden.

Als "Kiemenbogen" (inkl. Kiemenspalten) wurden 1825 durch H. Rathke14 erstmals bogenartige Strukturen beim Schweineembryo im Übergangsbereich des Kopfes zum Hals bezeichnet, die auch beim menschlichen Embryo von der dritten bis zur fünften Entwicklungswoche in Erscheinung treten. Rathke glaubte zunächst, geprägt durch sein naturphilosophisches Verständnis, daß hier wirkliche Kiemen wie bei Fischen kurzzeitig vorhanden seien. Wenige Jahre später relativierte er seine Meinung und betrachtete jene Bögen nur noch als kiemenähnlich. Diese Sichtweise wird heute noch in vielen Lehrbüchern vertreten, jetzt natürlich unter dem Aspekt, die stammesgeschichtliche Verknüpfung des Menschen mit den Fischen plausibel zu machen.

"Der embryonale Kopf des Menschen ähnelt in den Frühstadien der Entwicklung noch einem Fischembryo. ... Der Bau des embryonalen Kiemenapparates ist nur von der Evolution her zu verstehen" (Moore 1990, S. 199).

 Viele Embryologen, unter Ihnen auch Erich Blechschmidt, haben jedoch mit Nachdruck darauf hingewiesen, daß jene für die Gestaltung des Gesichts und des Halses so entscheidenden "kiemenähnlichen" Anlagen nichts mit den Kiemen von Fischen in ihrer Funktion und in ihrem Bau zu tun haben. Kiemen sind hochdifferenzierte Atmungsorgane von im Wasser lebenden Organismen, die ganz unterschiedlich aufgebaut sein können.

Der menschliche Embryo nutzt die angesprochenen Bögen nie zum Atmen. Sie stellen notwendige Zwischenstufen bei der Formierung des Unter- und Oberkiefers, des Zungenbeins der Gehörknöchelchen sowie der Halseingeweide dar. Die Form des Bogens ist das Resultat örtlich unterschiedlich starker Zellvermehrungsprozesse im Zusammenhang mit der Beugung des Kopfes nach vorn und der vordergründigen Entwicklung des Gehirns in dieser Phase. In einer exakten Reihenfolge treten in diesen Bögen Blutgefäße auf, welche zunächst ganz im Dienste der Versorgung des Gehirns mit sauerstoffreichem Blut stehen. Im Weiteren bilden sich die Aortenbogen- oder Visceralbogenarterien (nicht Kiemenbogenarterien!) teilweise zurück oder werden integrative Anteile der Hauptschlagader (Aorta), der Kopfarterien und anderer Gefäße des Gesichts und Schultergürtels. Der Prozeß der Entstehung und der Umformung dieser Arterien verläuft abgestimmt auf die Gesamtentwicklung des Kindes. Dabei ist jeder Schritt unbedingt notwendig für eine fehlerfreie Form und Funktion z.B. des Ohres oder des Kauapparates beim Menschen. Die Behauptung Haeckels ist falsch18, hier das Beispiel eines phylogenetisch bedingten Umweges über fischspezifische Baumerkmale in der Ontogenese des Menschen vorzufinden.

Auch im Hinblick auf die sogenannte "Schwanzanlage", die beim menschlichen Embryo von der 4. bis zur 6. Woche vorhanden sei, läßt sich der suggestive Wert von Begriffen dokumentieren, die ihrem eigentlichen darzustellenden Inhalt jedoch nicht adäquat gewählt sind. Typische Baumerkmale des Schwanzes der Wirbeltiere sind knöcherne Elemente die in Verlängerung der Wirbelsäule mehr oder weniger beweglich mit Muskeln eine funktionelle Einheit bilden. Beim menschlichen Embryo erscheint am unteren Ende des Körpers eine kegelförmige Struktur, in welcher das Ende des sich entwickelnden Rückenmarkes und andere wichtige Vorläuferferzellen anderer Differenzierungswege enthalten sind. Von Knochen oder Muskeln als phylogenetische Relikte eines Schwanzes ist hier keine Spur. Ausgehend von diesem Kegel erfolgt die Bildung des unteren Anteiles der Wirbelsäule beim Menschen (von welcher der Kegel letztlich selbst eingeschlossen wird), die Anlage der Knochen und Muskulatur der Beine, der Hüftregion sowie der sie versorgenden Nerven.4,3 Durch das relativ verstärkte Längenwachstum der Wirbelsäule gegenüber dem Nervensystem findet sich das Ende des Rückenmarks beim geburtsreifen Menschen in Höhe des 3. Lendenwirbels. Im Rahmen der menschlichen Embryogenese vom Auftreten eines Schwanzes zu reden, widerspricht den vorliegenden Fakten und ist m.E. eine unbegründbare und unzulässige, jedoch sehr wirkungsvolle Abstraktion.

 In diesem Zusammenhang sei noch kurz auf ein interessantes Merkmal des menschlichen Fetus eingegangen, das z.T. spekulativ mit dem Fell affenähnlicher Vorfahren in Beziehung gebracht wird. Die ersten Anlagen der zukünftigen Haare bilden sich in der Haut schon in der 9. Woche. Ab der 20. Schwangerschaftswoche findet sich die erste feine Beharrung des ganzen Körpers, die auch Lanugo (lat. lana = feine Wolle) genannt wird. Bis zur 36. Schwangerschaftswoche wird sie beibehalten. Und das aus gutem Grund. Durch diese Behaarung wird eine spezielle Schutzschicht, die Käseschmiere (Vernix caseosa), welche aus abgeschilferten Hautzellen und Drüsensekrete gebildet wird, an der Oberfläche des Feten verankert. Aggressive Substanzen und Ausscheidungsprodukte in der Amnionflüssigkeit, die den Embryo bzw. den Feten umgibt, haben so keine Chance, dessen zarte Haut zu schädigen19. Aus den bereits erwähnten Haaranlagen bildet sich dann später auch die für das menschliche Antlitz typische Behaarung. Das Auftreten der Lanugobehaarung ist ein entwicklungsfunktionell notwendiger Vorgang und braucht zu seinem Verständnis nicht die Zurückführung auf das Fell vermeintlicher phylogenetischer Ahnen. Sie tritt übrigens auch bei felltragenden Tieren auf.

Ähnlichkeiten, die nicht zu leugnen sind

Was hat es nun aber mit den Ähnlichkeiten auf sich, die dem aufmerksamen Beobachter beim Vergleich von Ontogenesestadien unterschiedlichster Tierarten innerhalb der Wirbeltiere ins Auge fallen müssen? Es gilt hier das gleiche Argument, welches schon an anderer Stelle zur Problematik der Deutung von Ähnlicheiten vorgestellt wurde. (Bibel u. Gemeinde, 1/95). Ähnlichkeiten werden evolutionär als Belege für gemeinsame Abstammung interpretiert. Ihr Vorkommen ist unbestreitbar. Doch können solche Übereinstimmungen, deren es noch etliche mehr gibt, auch als Indiz für Grundkonzepte schöpferischer Konstruktionen gewertet werden, die durch den einen Schöpfergott gesetzt und in einer unvorstellbaren Breite in artspezifische Variationen abgewandelt wurden. So grundverschieden der Körperbau eines Frosches von dem eines Vogels und dem eines Menschen im Detail auch ist, lassen sich dennoch bei den genannten Organismen gemeinsame Konstruktionsprinzipien (Homologien) finden. Es verwundert nicht, Entsprechendes in ihrer Embryonalentwicklung zu sehen. Im Detail verläuft die Entwicklung des Gesichtsschädels bei den Amphibien, bei den Vögeln und Säugetieren deutlich verschieden, und trotzdem lassen sich auf einer abstrahierten Betrachtungsebene vergleichbare Elemente (Ausbildung von Visceralbögen, einer Chorda, Somiten, Keimblätter etc.) finden. Eine zwanghafte und alleinige Interpretation dieser Tatsachen in Richtung phylogenetischer Kausalitäten ist nicht gerechtfertigt.

Ausblick

 In dem unter Medizinstudenten geschätzten Lehrbuch von Moore zur Humanembryologie begründet der Autor die begriffliche Unterscheidung von Embryonal- und Fetalperiode u.a. mit folgendem Argument:

"Ungeachtet dessen ist der Wechsel in der Bezeichnung gerechtfertigt, denn er charakterisiert die Tatsache, daß sich der Embryonalkörper aus einer undifferenzierten Zellmasse nunmehr in ein menschenähnliches Lebewesen verwandelt hat." (1990, S. 101)

Nicht jeder Anhänger der Evolutionslehre läßt sich zu solch einer sachlich falschen und vom biogenetischen Denken durchsetzten Äußerung hinreißen. Sie charakterisiert dennoch beispielhaft die Konsequenzen eines vom Gott der Bibel getrennten Suche des menschlichen Selbstverständnisses. Der Mensch ist jedoch typisch und unverwechselbar Mensch vom ersten Moment seiner Existenz an. Alle folgenden Entwicklungsschritte sind unverwechselbarer Bestandteil seiner Induvidualität.3 Wie jeder andere Organismus kann er allein aufgrund der ihm eigenen Ontogenese von einem artfremden Wesen unterschieden werden. Darüber hinaus dürfen wir uns als gewollte und geliebte Gegenüber Gottes verstehen (1. Mose 1 und 2). Diese Tatsache charakterisiert uns als Menschen, nicht die morphologische Konstellation unserer Erscheinung im Verlauf einer spekulativen Stammesgeschichte, ebensowenig wie der Übergang des Embryo zum Föten.

Literatur

 1 Haeckel E (1866) Natürliche Schöpfungsgeschichte. Berlin: Georg Reimer; Haeckel E (1872) Die Kalkschwämme (Calcispongae). Eine Monographie. Berlin.

2 Gould SJ (1977) Ontogeny and Phylogeny. Cambridge.

3 Blechschmidt E (1985) Die Erhaltung der Individualität. Neuhausen-Stuttgart.

4 Drews U (1994) Taschenatlas der Embryologie. Stuttgart, New York.

5 Rabl E (1915) Zur Geschichte der Biologie von Linné bis Darwin. In: Hinneberg P (Hrsg) Die Kultur der Gegenwart 3(4), 1-29.

6 Meckel J F (1811) Ueber den Charakter der allmähligen Vervollkommnung der Organisation oder den Unterschied zwischen höheren und niederen Bildungen: Beyträge der vergleichenden Anatomie. Leipzig: Carl Heinrich Reclam, S. 61- 123.

7 Oken L (1809-1811) Lehrbuch der Naturphilosophie. 3 Bände. Jena: F. Frommand.

 8 Baer KE von (1828; 1837) Entwicklungsgeschichte der Thiere: Beobachtung und Reflexion Teil 1 und 2. Leipzig: Gebr. Bornträger.

9 Fischel A (1915) Die Richtungen der biologischen Forschung mit besonderer Berücksichtigung der zoologischen Forschungsmethoden. In: Hinneberg P. (Hrsg) Die Kultur der Gegenwart 3(4): 30-55, Leipzig, Berlin.

 10 Darwin Ch (1859). The origin of species. London.

11 Haeckel E (1877) Anthropogenie 3. Auflage. Leipzig: W. Engelmann.

 12 Peters S (1980) Das Biogenetische Grundgesetz - Vorgeschichte und Schlußfolgerungen. Medizinhist. J. 15, 57-67.

13 Gursch R (1980) Die Auseinandersetzungen um Ernst Haeckels Abbildungen Diss. med. Marburg.

14 Rathke H (1825) Kiemen bey Säugethieren. Okens Isis Bd. XVI Spalte 747-749.

15 Romer AS & Parson TS (1983) Vergleichende Anatomie der Wirbeltiere. Berling und Hamburg.

16 Hörstadius S & Hall BK (1988) The neural crest. Oxford.

 17 Blechschmidt E (1973) Die pränatalen Organsysteme des Menschen. Stuttgart.

18 Haeckel E (1899) Welträthsel. Jena.

 19 Moore R (1990) Embryologie. Berlin, New York.

 20 Agassiz L (1849) Twelve lectures on comparative Embryology. Bosten: Henry Flanders.

 Abb. 1: Menschliche Blastula im Stadium der Implantation; 0,2 mm groß, ca. 4. Tage alt. (Aus Blechschmidt 1985, Abb. 2a, S. 53)

 Abb. 2: Menschlicher Embryo, 28 Tage alt, 4,2 mm groß. (Aus Blechschmidt 1985, Abb. 9, S. 67)

 Abb. 3: Darstellung eines menschlichen Embryos, Alter ca. 5. Woche, vgl. mit Abb. 2. Haeckel hat hier bei seinem Embryo das Herz, die Leber weggelassen, die Visceralbögen in ihrer Anzahl und Gestalt sowie das Körperende falsch wiedergegeben. (Aus: R. Junker, Stammt der Mensch von Adam ab, Neuhausen: Hänssler, 1995, Abb. 41)

Abb. 4: 3,4 mm großer menschlicher Embryo. Rekonstr. der Kopfregion mit Visceralbögen. (Aus: Junker R & Scherer S, Entstehung und Geschichte der Lebewesen. Gießen, Weyel, 1992, Abb. 6.23, S. 132)

Anhang: Einige Fragen

von Reinhard Junker

 Gelegentlich werden Neugeborene mit einer Art "Schwänzchen" geboren. Ist das nicht ein Beleg für die Abstammung von geschwänzten tierischen Vorfahren?

 Bei den sehr selten vorkommenden "Schwänzchen" an Neugeborenen handelt es sich um eine nicht-erbliche Störung. Sie enthalten Fett und Bindegewebe, niemals jedoch ein Stück Wirbelsäule wie die Schwänze aller Wirbeltiere. Nur selten befinden sie sich an der "richtigen" Stelle (d. h. an der Stelle der gedachten Fortsetzung der Wirbelsäule). Darüber hinaus sind solche schwanzartigen Bildungen auch an ganz anderen Körperstellen und als Zusatzbildungen bei geschwänzten Tieren bekannt. Ein Rückschlag in frühere Evolutionsstadien können diese Bildungen also nicht sein.

Weshalb besitzt der Mensch einen Wurmfortsatz, da dieses Gebilde doch nutzlos ist und sogar gefährlich werden kann?

 Es ist schon lange bekannt, daß der Wurmfortsatz nicht funktionslos ist. Er hat ähnliche Aufgaben wie die Mandeln, d. h. er ist eine Art Abwehrorgan gegen Krankheitserreger. Daher wurde er auch als "Dickdarmmandel" bezeichnet. Bedeutsam ist, daß diese Funktion besonders in den ersten drei Lebensjahren wichtig ist, später verliert sie an Bedeutung (der Wurmfortsatz ist ja nicht das einzige Abwehrzentrum gegen Krankheitserreger). Dieses Beispiel ist insofern lehrreich, als es zeigt, daß man die gesamte Lebensentwicklung berücksichtigen muß, um beurteilen zu können, welche Funktionen ein Organ ausübt. Das Vorkommen des Wurmfortsatzes widerspricht nicht dem Schöpfungsgedanken. Die Tatsache, daß er sich entzünden kann, ist biblisch gesehen wie das Vorkommen von Krankheit allgemein mit dem Gefallensein der Schöpfung (Sündenfall; vgl. Röm 8,19-22) in Zusammenhang zu bringen.

Gibt es überhaupt nutzlose Organe?

 Dazu eine Gegenfrage: Wie stellen Biologen fest, ob ein Organ funktionslos ist? Das können sie gar nicht. Man kann nur die Feststellung treffen, daß eine Funktion bisher nicht gefunden wurde. Der deutsche Anatom Wiedersheim stellte gegen Ende des vorigen Jahrhunderts eine Liste von über 100 rudimentären Organen beim Menschen zusammen (er meinte allerdings nicht von allen, daß sie funktionslos seien, sondern teilweise nur, sie seien rückgebildet und hätten Restfunktionen). Von dieser Liste ist heute fast nichts mehr übriggebieben. Ist also die Funktion eines Organs unbekannt, so wurden vielleicht bisher die falschen Fragen gestellt, um die Funktion herauszufinden. (Näheres dazu in: R. Junker, Rudimentäre Organe und Atavismen. Berlin 1989).


4. Folge: Was bedeutet "Ein jedes nach seiner Art"?

 Was Darwin stutzig machte

Der Brite Charles Darwin (1809-1881) gilt als Begründer der Abstammungs- oder Evolutionslehre. Nach seiner heute weithin akzeptierten Vorstellung stammen alle heute lebenden Organismen von einfacher gebauten Vorläufern ab. Alle Lebewesen sind danach durch Abstammung miteinander verbunden. Es gibt einen einzigen Stammbaum aller Lebewesen - "von der Amöbe bis Goethe". Solche Vorstellungen äußerten auch viele andere Gelehrte vor Darwin, doch dieser konnte - im Gegensatz zu seinen Vorläufern - viele Fakten zusammentragen, mit denen er seine Theorie zu untermauern versuchte. Darwin ging in jungen Jahren zunächst dem biblischen Schöpfungsbericht folgend von einer Konstanz der Arten aus. Die Zweckmäßigkeiten der Lebewesen deuteten für ihn auf die Weisheit eines Schöpfers hin, der nach damals vorherrschender Auffassung alle Arten, auch nächstverwandte wie Hund, Wolf und Cojote getrennt, d. h. jede für sich, erschaffen hatte. Im Jahre 1831 begann er im Alter von 22 Jahren eine fünfjährige Weltreise mit dieser Vorstellung der völligen Unveränderlichkeit der (geschaffenen) Arten. Auf dieser Reise machte er jedoch viele Beobachtungen, die mit dieser Anschauung nicht vereinbar waren. Eine davon war die Entdeckung der später nach ihm benannten 13 Finkenarten auf den Galapagos-Inseln, die nur dort vorkommen (Abb. 1). Warum hat der Schöpfer sie nur dort erschaffen, fragte sich Darwin verständlicherweise. Ist die Annahme nicht viel naheliegender, daß diese Finkenarten von einer gemeinsamen Stammform abstammen? Darwin bemerkte noch in vielen anderen Fällen, daß Tiere auf Inseln etwas anders gestaltet waren als die entsprechenden Festlandsformen. Mußte sich da nicht der Gedanke aufdrängen, daß es Entwicklung gab? Aufgrund der besonderen Bedingungen auf den Inseln könnten sich Veränderungen ergeben haben. So mag es auch in anderen Fällen gewesen sein, so daß sich Arten im Laufe der Zeit total verändern konnten.

Das starre Artkonzept konnte in Darwins Augen also nicht mehr bestehen. Er begann nun, ins andere Extrem umzuschwenken und an eine beliebige Veränderlichkeit der Arten, an die Abstammung aller Arten von einer gemeinsamen Stammform (einem Urlebewesen) zu glauben. Doch diese Schlußfolgerung konnte Darwin nicht durch Beobachtung begründen. Er hatte zwar zweifellos recht damit, daß die geschaffenen Arten nicht völlig unveränderlich sein konnten. Andererseits konnte er nur relativ bescheidene Veränderungen nachweisen. Problematisch war auch die Tatsache, daß Darwin gar kein exaktes Konzept von einer "Art" hatte. Wo sind die Grenzen zwischen Arten zu ziehen? Diese Frage hätte in einer Theorie, die die Entstehung von Arten erklären soll, beantwortet sein müssen. Auch die Ergebnisse der Züchtungsforschung inspirierten Darwin. Durch Züchtung konnten Pflanzen und Tiere verändert werden. Vermutlich erfolgten Veränderungen in der Natur auf ähnliche Weise. Aber auch die durch Zucht erreichten Veränderungen belegen nur geringfügige Veränderungen - gemessen an den tiefgreifenden Wandlungen, die bei einer Evolution von einzelligen zu den kompliziertesten Lebewesen aufgetreten sein müßten.

Darwins Fragen sind aktuell geblieben

Was ist eine Art? Und wie entstehen neue Arten? Diese Frage beschäftigt die Biologen bis auf den heutigen Tag in besonderem Maße. Zu beiden Fragen konnte kein Konsens erzielt werden. Und ob überhaupt neue Arten entstehen, kann nicht beantwortet werden, ohne daß geklärt ist, was überhaupt Arten sind und wie sie voneinander abgegrenzt werden sollen. In der jüngeren Biologiegeschichte sind wohl etwa zwanzig verschiedene Artbegriffe vorgeschlagen worden. Diese Vielfalt der Artbegriffe läßt sich gleichwohl grob in zwei Gruppen unterteilen: Genetische und morphologische Artbegriffe. Genetische Artbegriffe beruhen auf der Kreuzbarkeit von Tieren oder Pflanzen (es muß festgestellt werden, ob Nachkommen erzeugt werden können). Morphologische Artbegriffe beziehen sich auf die wesentlichen gestaltlichen Merkmale der Lebewesen (ganz einfach gesagt: Zu einer Art gehören alle Lebewesen, die einander hinreichend ähnlich sind). Klar ist, daß bei Anwendung dieser beiden Artbegriffe oft unterschiedliche Ergebnisse herauskommen. D. h. z. B.: Gestaltlich fast identische Arten (also Angehörige derselben morphologischen Art) können zu verschiedenen genetischen Arten gehören (sie sind nicht kreuzbar) (ein umgekehrtes Beispiel in Abb. 2). Ungeachtet dieser Unklarheit über das "Wesen" einer Art hat sich der sog. "biologische Artbegriff" (Biospezies, biologische Art) als gebräuchlich und für viele Zwecke gut handhabbar herauskristallisiert. Danach gehören alle Individuen zur selben Art (Biospezies), die unter Freilandbedingungen (also nicht nur in der Zucht) fruchtbare Nachkommen hervorbringen können. Bekanntes Beispiel: Pferd und Esel gehören verschiedenen Biospezies an, denn ihre Mischlinge (Maulesel bzw. Maultier) sind unfruchtbar. Oder: Hunde und Cojoten können in Gefangenschaft zwar fruchtbare Mischlinge bilden, im Freiland kommt das aber gewöhnlich nicht vor. Daher handelt es sich um verschiedene Biospezies.

Die Entstehung neuer Arten: Eine Widerlegung der Bibel?

Es hat sich vielfach gezeigt, daß neue Biospezies durch natürliche Prozesse entstehen können. Viele heutige Biospezies gab es früher noch nicht, sind also nicht in der heutigen Ausprägung erschaffen worden. Stellvertretend sei ein Beispiel genannt: Im 15. Jahrhundert wurden einige Hauskaninchen auf der Insel Porto Santo nördlich von Madeira ausgesetzt. Die Tiere verwilderten und kreuzen sich inzwischen normalerweise nicht mehr mit den Wildkaninchen, von denen sie abstammen; daher sind sie als neue biologische Art anzusehen. Ist damit der Schöpfungsbericht widerlegt, wonach doch jedes nach seiner Art geschaffen wurde? Das kann erst beantwortet werden, wenn klar ist, was mit "Art" im Schöpfungsbericht gemeint ist. Und dies läßt nun der Bibeltext gerade offen. Die Bibel ist eben kein Naturkundebuch, obwohl sie hier etwas sehr Wichtiges für die Biologie aussagt, nämlich daß die Lebewesen nach "Arten" gegliedert geschaffen wurden. Aber die Bibel vertritt keine absolute Konstanz der Arten. Sie gibt auch keine eindeutigen Hinweise, wie man geschaffene Arten voneinander abgrenzen kann. Bekanntlich kann man in der Bibel auch lesen, daß alle Menschenrassen von Adam und Eva bzw. von der Noahfamilie abstammen. Damit ist angesichts der großen Zahl verschiedenster Menschenrassen klar, daß die Bibel keine strenge Unveränderlichkeit der Lebewesen lehrt. Es bleibt also vom biblischen Zeugnis her zunächst offen, wie man Arten umgrenzen kann. Es besteht Freiraum für unterschiedliche Ansätze. Klar ist allerdings, daß die geschaffenen Arten nicht mit den oben erwähnten Biospezies gleichgesetzt werden können. Offenbar müssen die "geschaffenen Arten" weiter gefaßt werden, d. h. sie umfassen mehrere Biospezies.

Halten wir also fest: Die Entstehung neuer Biospezies widerspricht der biblischen Überlieferung von der Schöpfung nicht. Die geschaffenen Arten dürfen nicht zu eng definiert werden; die Bibel läßt die Möglichkeit einer weiten Grenze zwischen den geschaffenen Arten offen. Die Entstehung neuer Biospezies kann innerhalb geschaffener Arten gedacht werden. Das soll im folgenden erläutert werden.

"Alles was sich schart und paart" - Was ist nun eine "geschaffene Art"?

Ausgerechnet diejenige Beobachtung, die zum Hinterfragen des Konzepts geschaffener Arten zu führen scheint, nämlich die Entstehung neuer Biospezies, führt uns auf die Spur der geschaffenen Arten. Der Einfachheit halber und um eine Begriffsverwirrung zu vermeiden nennen wir sie "Grundtypen". (Wird einfach von "Arten" gesprochen, sind in diesem Artikel nicht die Grundtypen gemeint, sondern die Biospezies = biologische Art.)
 
 

Grundtyp = "geschaffene Art"

Zahlreiche Untersuchungen belegen nämlich, daß die Bildung neuer Biospezies meistens mit einer Verarmung des Erbguts der betreffenden Arten und mit Spezialisierung einhergeht. Das heißt aber nichts anderes, als daß die Aufspaltung einer Biospezies in zwei Folgearten keinen evolutionären Fortschritt bedeutet, sondern eher mit einem "Ausreizen" vorhandener Möglichkeiten umschrieben werden kann. Die Bildung neuer Arten belegt also nicht Komplexitätszunahme, sondern Verlust an Vielfalt. Genau das passiert auch in der Zucht: Aus zunächst noch variablen Ausgangsgruppen werden spezialisierte Formen durch geschickte Auswahl und gezielte Kreuzungen erzeugt. Die speziellen Rassen sind aber genetisch gegenüber der Ausgangsgruppe verarmt (vgl. Abb. 3). Denken wir uns nun den Prozeß der Artaufspaltung oder der Züchtung in umgekehrter Richtung, also in die Vergangenheit zurück, so gelangen wir zu (in früherer Zeit) vielfältigeren und komplexeren Vorläufern im Vergleich zu den heutigen relativ spezialisierten Arten. Und diese können wir nun versuchsweise mit den geschaffenen Arten gleichsetzen. Woran erkennt man Grundtypen? Es gibt eine Reihe biologischer Gründe, Grundtypen wie folgt zu umschreiben: Alle Arten, die durch Kreuzungen direkt oder indirekt miteinander verbunden sind, also miteinander Nachkommen hervorbringen können, werden zu einem Grundtyp gerechnet (nach F. L. Marsh und S. Scherer). In der grundlegenden Publikation zu dieser Frage, "Typen des Lebens"1, wird eingehend begründet, weshalb "Grundtypen" gerade so definiert werden. (An dieser Stelle würde eine Diskussion darüber zu weit führen.) Auf den ersten Blick klingt diese Definition ähnlich wie die Definition der biologischen Art. Daher müssen einige wichtige Unterschiede besonders betont werden:

1. Nach der Grundtypdefinition wird nicht wie bei der Artdefinition die Fruchtbarkeit der Mischlinge gefordert. So gehören Pferd und Esel zwar zwei verschiedenen Arten, jedoch demselben Grundtyp an, denn sie können als Mischling den Maulesel bzw. das Maultier hervorbringen, die jedoch unfruchtbar sind.

2. Es wird nicht einmal verlangt, daß der gezeugte Mischling bis zur Geburt heranwächst. Eine Kreuzung ist sozusagen auch dann "gültig", wenn wenigstens die Embryonalentwicklung im Mutterleib beginnt. Dabei muß jedoch nachgewiesen werden, daß das Erbgut beider Eltern beim Wachstum gebraucht wird.

 3. Es spielt keine Rolle, ob die Kreuzungen im Freiland oder in Gefangenschaft erfolgen, ob die Kreuzungen häufig oder selten vorkommen.

 4. Auch indirekte Kreuzungen werden berücksichtigt. Das heißt: Zwei nicht miteinander kreuzbare Arten gehören doch zu einem Grundtyp, wenn beide Arten mit einer dritten kreuzbar sind (s. Abb. 4). Detaillierte Untersuchungen bei einer Reihe von Tier- und Pflanzengruppen haben bislang gezeigt, daß nach dem Grundtypkriterium einerseits klare Grenzen zwischen Nachbargruppen gezogen werden können. Andererseits erweisen sich die Angehörigen desselben Grundtyps als eng miteinander verbunden (Beispiel: Abb. 5). Das heißt, daß ein Großteil der Mitglieder der untersuchten Grundtypen durch Kreuzungen miteinander direkt oder indirekt verbunden sind. Kommen wir nocheinmal auf den genetischen und morphologischen Artbegriff zurück. Grundtypen umfassen beide Artbegriffe. Im Grundtyprahmen können die morphologisch und genetisch begründeten Arten als unterschiedliche Unterteilungsmöglichkeiten von Grundtypen verstanden werden.
 
 

Bei der Schöpfung vorausgedacht

Die geschaffenen Grundtypen waren offenbar sehr flexibel. Sie waren (und sind in eingeschränkter Weise meistens bis heute noch) in der Lage, auf veränderliche Umweltbedingungen durch Spezialisierung zu reagieren. Wie ist das gemeint? Nicht so, daß sich einzelne Organismen gezielt auf Veränderungen der Umwelt anpassen könnten. Diese Flexibilität ist so zu verstehen, daß die einzelnen Grundtypen in ihren Populationen variabel sind, d. h., kein Individuum gleicht dem anderen genau. Beispielweise haben Individuen eines Vogel-Grundtyps verschiedene Schnabellängen und -dicken. Der "Durchschnittsvogel" hat einen Durchschnittsschnabel. Wenn nun ein Teil dieses Grundtyps in eine andere Gegend als bisher, z. B. auf eine Insel gerät, in der es hauptsächlich Insekten als Nahrungsquelle gibt, sind die Vögel mit den feineren Schnäbeln besser dran als die anderen. Sie werden auf Dauer die meisten Nachkommen haben, so daß sich die Ausprägung des Schnabels im Laufe der Zeit entsprechend auf "Pinzettenform" spezialisiert. Eine andere Gruppe hat vielleicht hauptsächlich Körner als Nahrungsquelle. In dieser Situation sind kräftige Kernbeißer-Schnäbel vorteilhafter, so daß allmählich die Besitzer solcher Schnäbel sich durchsetzen werden. Eine solche Spezialisierung hat sich wahrscheinlich - auch in bezug auf andere Merkmale - bei den berühmten Darwinfinken (s. o.) eingestellt. Diese Finken leben nur auf den Galapagos-Inseln und haben sich vermutlich dort aus einer unspezialisierten Vorform heraus im beschriebenen Sinne entwickelt. Dabei entsteht nichts Neuartiges, sondern eine vorhandene Struktur wird variiert.

 Diese Flexibilitität ist eine sehr nützliche Fähigkeit der Grundtypen. Denn durch die Variabilität in den natürlichen Populationen sind die Organismen nicht so schnell zum Aussterben verurteilt, wenn sich die Umweltgegebenheiten verändern. Die Veränderlichkeit der Grundtypen (= Spezialisierung in den Grundtypgrenzen) erweist sich als Ausdruck der vorausschauenden Schöpfertätigkeit Gottes. Sehr spezifische Anpassungen dagegen erlauben in der Regel nur noch ein Überleben an speziellen Standorten. Werden diese Standorte ausgelöscht, gehen auch die entsprechenden Arten zugrunde. Das gilt z. B. für Hochmoorarten. Mit dem Verschwinden dieses Standorts ist auch der Verlust der dort speziell angepaßten Arten zu beklagen. Ein Gegenbeispiel ist der Löwenzahn. Er kommt mit sehr unterschiedlichen Lebensbedingungen zurecht und ist fast ein "Universalkünstler", was das Überleben unter verschiedensten Verhältnissen betrifft. In diesem Sinne kann man den Löwenzahn als Modell für einen ursprünglichen Grundtyp verstehen.
 
 

Wir fassen zusammen:

Die Tatsache, daß Arten sich ändern können, ist kein Widerspruch zum biblischen Schöpfungsbericht. Es kann daher nicht gegen die Evolutionslehre argumentiert werden, indem man die Entstehung neuer Arten bestreitet. Anstatt "Artbildung" in Frage zu stellen, muß nachgefragt werden, was für "Arten" entstehen. Beobachtete Artbildung bedeutet in der Regel Spezialisierung und Anpassung, in keinem Fall bedeutet sie Entstehung neuer Grundtypen. Grundtypen bleiben als solche bei allen Veränderungen erhalten. Artbildung erfolgt nur innerhalb von Grundtypen.

Abb. 1: Dreizehn Darwinfinkenarten kommen nur auf den Galapagos-Inseln vor.Sind sie dort in der heutigen Ausprägung als dreizehn verschiedene Arten erschaffen worden? (Aus: Junker, R. & Scherer, S., Entstehung und Geschichte der Lebewesen, Weyel, Gießen, 1992)

Abb. 2: Bach-Nelkenwurz (links) und Echte Nelkenwurz sind gestaltlich deutlich verschieden (verschiedene Morphospezies), können aber leicht miteinander gekreuzt werden. Wo die Verbreitungsgebiete überlappen entstehen bei geeigneten Umweltbedingungen auch natürliche Mischlinge. (Aus Junker 1994)

 Abb. 3: Rassenbildung bzw. Bildung spezialisierter Biospezies innerhalb von Grundtypen: Vom Vielfältigen (große Ovale) zum Spezialisierten (kleine Ovale). Heutige Rassen und Biospezies innerhalb eines Grundtyps sind nicht höherentwickelt, sondern stärker (einseitiger) spezialisiert als die (geschaffenen) Vorfahren (Grundtypen). Der Genpool ist die Summe aller Gene (Erbfaktoren) einer Population (Gruppe) derselben Biospezies. (Aus Junker 1994)

 Abb. 4: Anwendung der Grundtyp-Definition: Die Doppelpfeile zeigen an, welche Arten im Sinne des Grundtyp-Kriteriums miteinander kreuzbar sind. Oben rechts: Königsfasan, oben Mitte: Jagdfasan, links: Haushahn, unten Truthuhn, unten rechts: Stockente. Der Königsfasan gehört mit dem Truthahn zum selben Grundtyp, auch wenn keine direkten Kreuzungen vorliegen. Beide sind jedoch indirekt durch den Jagdfasan miteinander verbunden. (Aus: Junker, R. & Scherer, S., Entstehung und Geschichte der Lebewesen, Weyel, Gießen, 1992)

Abb. 5: Grundtyp der Pferdeartigen in einer Kreuzungsmatrix zusammengefaßt. Punkte stehen für gelungene Kreuzungen nach der Grundtypdefinition (d. h. es entstanden Mischlinge, indenen das Erbgut beider Eltern ausgeprägt wurde, meistens waren die Mischlinge steril). Fast alle Mitglieder sind durch Kreuzung direkt verbunden, alle sind mehrfach indirekt verbunden. Es gibt keine Mischlinge zwischen einem Pferdeartigen und einem anderen Säugetier. Damit ist der Grundtyp der Pferdeartigen deutlich erkennbar und gegen andere Grundtypen abgegrenzt. (Aus: Junker, R. & Scherer, S., Entstehung und Geschichte der Lebewesen, Weyel, Gießen, 1992)

1 S. Scherer (Hrsg.) Typen des Lebens. Studium Integrale. Berlin 1993 (257 S.). Erhältlich beim Hänssler-Verlag. Allgemeinverständlich ist das Thema aufgearbeitet in R. Junker, Evolution ohne Grenzen? Hänssler-Verlag Neuhausen, 1994 (2. Aufl.).

Berichtigung

 

Im vorletzten Artikel "Von Menschenaffen und Affenmenschen" unserer Serie in BuG 3/95, S. 26 ist mir leider ein Versehen unterlaufen. Der Text zu Abbildung 2 (VW/Porsche) mußte natürlich heißen: "Porsche und VW-Käfer ähneln einander in der Form und haben den Motor hinten und den Kofferraum vorne" (nicht umgekehrt). Das ist ja gerade eine Besonderheit dieser Konstruktion.

 

5. Folge

 Welche Sprache spricht versteinertes Leben? (Fossilien)

 Teil I: Allgemeine Befunde
 
 

Mit Fossilien haben wir uns in unserer Serie schon einmal befaßt, als es um die Frage ging, ob es Übergangsformen zwischen Menschenaffen und Menschen gibt (Bibel und Gemeinde 1/95, S. 42-46). Die menschlichen oder menschenähnlichen Fossilien mögen zwar die größte Aufmerksamkeit unter Wissenschaftlern wie auch bei interessierten Laien auf sich ziehen, doch gibt es eine immense Zahl von Formen versteinerten Lebens, die oft nur Spezialisten kennen. Die berühmten Dinosaurier sind nur ein kleiner Teil dieser enormen Vielfalt.

Da das Thema sehr umfangreich ist, wird es auf zwei Folgen unserer Serie verteilt. Zunächst befassen wir uns mit einigen allgemeinen Befunden der Fossilforschung (Paläontologie). In Teil II soll es dann um einige speziellere Daten und Argumentationen gehen. Außerdem soll dann wie immer auf häufig gestellte Detailfragen eingegangen werden.

Zur Erinnerung: Das Wort "Fossil" bedeutet wörtlich: "Das, was man ausgräbt." Gemeint sind Überreste früherer Lebewesen oder ihrer Spuren (Fußspuren, Ausgüsse von Schalen, Rollmarken von beschalten Organismen, Eier, Kotreste und dergleichen). Abb. 1 zeigt einige Beispiele.

Als Zeugnisse vergangenen Lebens haben Fossilien eine enorme Bedeutung für die Beurteilung der Entstehung und Geschichte der Lebewesen. Denn es handelt sich um Indizien, die aus der Vergangenheit stammen, um Momentaufnahmen früherer Lebensformen und Lebensgemeinschaften. Fossilien gibt es in großer, ja überwältigender Zahl. Die Angaben an fossilen Arten bewegen sich bei etwa 250.000 bis 300.000 Arten. Von manchen Arten sind nur eine Handvoll Exemplare bekannt (z. B. vom berühmten "Urvogel"), von anderen wiederum können es mehrere Millionen sein. Belegen Fossilien nun eine (allmähliche oder sprunghafte) Höherentwicklung? Oder handelt es sich eher um Belege für Schöpfung?

Die Meinungen über den "Fossilbeweis der Evolution" gehen weit auseinander, auch unter Evolutionstheoretikern. Manche halten die Fossilüberlieferung für eine der stärksten Stützen für Evolution und gleichzeitig für eines der größten Probleme für die Schöpfungslehre. Andere Evolutionstheoretiker wie Mark Ridley1 oder Niles Eldredge2 meinen, Fossilien hätten zum Verständnis der Evolution nichts wesentliches beigetragen. Wie wir sehen werden, ist die Datenlage für die Evolutionslehre gar nicht so schlecht, wie etwa die Einschätzung von Ridley vermuten läßt, obwohl es zweifellos bemerkenswerte Schwachpunkte der evolutionstheoretischen Deutung der Fossilien gibt.

Von der biblischen Schöpfungslehre her motivierte Wissenschaftler neigen teilweise dazu, nur eben diese Deutungsschwierigkeiten der Fossilüberlieferung für die Evolutionslehre hervorzuheben - und die zur Evolutionslehre passenden Daten zu unerwähnt zu lassen.3 So entsteht bisweilen der Eindruck, daß der Fossilbericht die Evolutionslehre faktisch widerlegt hätte und vollständig den Erwartungen der Schöpfungslehre entspreche. Sicher ist es vor dem Hintergrund einseitiger evolutionstheoretischer Deutungen (vor allem in Schulbüchern und popularisierenden Veröffentlichungen) notwendig, Evolutionskritik hervorzuheben, doch darf dies nicht auf Kosten der Ausgewogenheit gehen. Sonst würde derselbe Fehler einseitiger Information begangen werden, der z. B. vielen Schulbuchautoren und Lehrplanverfassern mit Recht vorgehalten werden muß.

Man macht es sich auch zu einfach, wollte man hinter grundverschiedenen Einschätzungen zur Frage um Schöpfung und Evolution nur weltanschauliche Gründe sehen (etwa: "Die Evolutionstheoretiker wollen eben Schöpfung nicht wahrhaben" oder: "Die Anhänger der Schöpfungslehreblenden alles aus, was nicht in ihr Konzept paßt" usw.). Zweifellos spielen solche Gründe zwar manchmal eine erhebliche Rolle in der Auseinandersetzung, doch sie liefern keine ausreichende Erklärung, weshalb es ein Für und Wider in dieser Frage gibt.

 Vielmehr gibt es einerseits gewichtige Daten, die schwer evolutionstheoretisch deutbar sind, ebenso aber nicht weniger aussagekräftige Befunde, die leichter im Rahmen der Evolutionslehre als durch Schöpfung deutbar sind. (Daß sich die Situation jederzeit durch neue Funde oder neue theoretische Überlegungen ändern kann, darf nicht vergessen werden.)

 Manchen Leser mag überraschen, daß der Autor dieses Beitrags der Evolutionslehre in Teilbereichen plausible Deutungsweisen zugesteht. Am Beispiel der Fossilüberlieferung wird deutlich werden, daß diese Einschätzung berechtigt ist. Allerdings: "Plausible Deutung" heißt nicht "einzig mögliche Deutung"! Die Feststellung, daß eine Theorie manche Daten plausibel deuten kann, schließt andere Deutungsmöglichkeiten nicht aus. Daher widerlegen evolutionstheoretische Deutungen an sich nicht die biblischen Inhalte. Auf diese grundsätzlicheren Fragen werden wir später in unserer Serie noch Weise zurückkommen. Wenden wir uns nun den konkreten Daten aus der Fossilüberlieferung des Lebens zu!

Im wesentlichen treten einem in der Paläontologie (der Wissenschaft von Lebensformen früherer Zeiten) zwei Datenfelder entgegen, von denen eines der Schöpfungslehre und eines der Evolutionslehre deutlich größere Deutungsschwierigkeiten bereitet: - Die Regelhaftigkeit der Fossilablagerungen - Das systematische Fehlen von Übergangsformen
 
 

1. Die Regelhaftigkeit der Fossilablagerungen

Die Fossilien finden sich in Sedimentgesteinen (durch Ablagerung entstandene geschichtete Gesteine) nicht in wahlloser Anordnung, sondern folgen einander in regelhaften Mustern, die weltweit korrelierbar sind (also einander als zeitgleich zugeordnet werden können).4 Nach dem gegenwärtigen Kenntnisstand ist dieser Befund sehr gut belegt (Abb. 2 zeigt dies für die Wirbeltiergruppen). Damit ist beispielsweise gemeint, daß in tieferen Lagen Fische und andere Meeresorganismen vorkommen, jedoch keine Landlebewesen, in höheren dagegen auch Reptilien, denen noch weiter oben Säugetiere u. a. folgen. Menschliche Überreste wurden bisher nur in den höchstgelegenen Schichten gefunden. Zur Fossilreihenfolge gehört z. B. auch der Befund, daß der sog. "Urvogel" Archaeopteryx unter den fossilen Vögeln ausgerechnet zu den (relativ) ältesten zählt. (Umstrittene, deutlich ältere und gleichzeitig "modernere" Funde müssen bis zu weiteren Klärungen außer Betracht bleiben.)

 Dieser Befund gilt allerdings nicht durchgängig (s. 2.). Vor diesem Hintergrund ist die Deutung durch Evolution zweifellos einleuchtend (wenn man einmal von Mechanismenfragen absieht). Das relative Übereinander läßt sich durch ein zeitliches Nacheinander des Auftretens und durch ein Abstammen voneinander deuten. Die Abstammung voneinander wurde zwar nicht beobachtet (sie ist gar nicht beobachtbar), aber sie paßt als eine Deutungsmöglichkeit einigermaßen zum beobachteten Befund. So gesehen ist die Fossilreihenfolge ein gutes Argument für Makroevolution. Andererseits besteht für die Schöpfungslehre die Aufgabe, verständlich zu machen, weshalb diese Ablagerungsreihenfolge auftritt angesichts der Tatsache, daß die Lebewesen gemeinsam in der Schöpfungswoche (1. Mose 1) erschaffen wurden - eine schwierige Aufgabe, wie sich herausgestellt hat (wir kommen in der nächsten Artikelfolge darauf zu sprechen).

Offenbar beziehen sich diejenigen, die die Fossilien für ein starkes, wenn nicht zwingendes Indiz für Evolution halten, auf diesen Befund. Und wenn nur dieser Befund zugrundegelegt wird, ist diese Überzeugung durchaus nachvollziehbar. Viele evolutionskritische Veröffentlichungen erwähnen diese wichtigen Indizien nicht. Man muß sie vielleicht nicht immer im einzelnen erläutern, sollte sie aber nicht übergehen. Sonst kann es dem nicht informierten Laien passieren, daß ein kundiger Gesprächspartner ihn der Einseitigkeit zeiht - kein gutes Zeugnis für Christen! Und ein Schüler, der beim Evolutionskurs halbwegs aufgepaßt hat, weiß hier Bescheid. Die Fossilreihenfolge (wie beschrieben) ist eines derjenigen Argumente, die man sich leicht merken kann. Wir werden also differenziert argumentieren müssen, wenn wir anhand von Fossilbefunden Anstöße zum Hinterfragen des Eolutionsgedankens geben wollen.

2. Die Regelhaftigkeit der Fossillücken

Nicht minder offenkundig als die Regelhaftigkeit der Fossilreihenfolge ist das systematische Fehlen von Übergangsformen. Die verschiedenen Hauptgruppen (Klassen, Stämme) tauchen im Fossilbericht bei ihrem jeweils ersten Auftreten in verschiedene Untergruppen (Ordnungen, Familien) differenziert auf. (Zur taxonomischen Einteilung s. Tab. 1.) Von Beginn ihres Auftretens lassen sich Fossilfunde in der Regel unterschiedlichen Familien zuordnen. Auf der Ebene der Familie gibt es kaum "Grauzonen". Das Familienniveau dürfte aber etwa dem Niveau der Grundtypen, also der geschaffenen Arten entsprechen. Das heißt: Von Beginn ihres (wenn auch z. T. zeitlich gestaffelten, vgl. 1.) Auftretens an sind die Fossilformen typgemäß unterscheidbar. Dies geht ebenfalls aus Abb. 2 hervor, wo die großen Übergänge gestrichelt dargestellt sind; das heißt sie sind fossil nicht oder unzureichend belegt. Mehr oder weniger fließende Übergänge finden sich nur innerhalb der Familien oder Gattungen (also im wesentlichen innerhalb der geschaffenen Grundtypen; vgl. die 4. Folge unserer Serie). Dieser Befund ist nun wiederum leicht im Schöpfungsmodell deutbar, da hier Übergangsformen nicht erwartet werden. Im Rahmen des Evolutionsmodells kommt dieser Befund dagegen unerwartet. Der Begründer der modernen Evolutionstheorie, Charles Darwin, hat dieses Fehlen von Zwischenformen sehr beklagt und die weitere paläontologische Forschung als Test angesehen, wie tragfähig seine Theorie ist. Er vermutete noch, das Fehlen von Übergangsformen könnte an der Lückenhaftigkeit der Fossilüberlieferung liegen und hoffte auf eine Lösung dieses Problems durch weitere Funde. Diese Hoffnung ist nicht erfüllt worden. Zwar wurden manche Formen gefunden, die von einigen Wissenschaftlern in eine evolutionäre Übergangsstellung gebracht werden, doch kann man in der Regel die Übergangsstellung mit biologischen Argumenten bestreiten (beispielhaft soll das in der nächsten Folge bei Archaeopteryx dargestellt werden). Zudem aber ändern diese "übergangsformnahen" Organismen nichts am generellen Befund, daß auf dem Familienniveau eine deutliche Scheidung vollzogen werden kann. So kann zwar etwa der "Urvogel" als Modell eines Übergangs zwischen Reptiltypus und Vogeltypus gewertet werden; dennoch besitzt er eine einzigartige Morphologie und Anatomie und wird in eine eigene Vogelordnung gestellt.

Das Beispiel der Säugetiere

Als typisches Beispiel für die Überlieferungssituation von Fossilien betrachten wir die uns vertrauten Ordnungen der plazentalen Säugetiere (Säuger, die eine Plazenta besitzen; Abb. 3). Die Schichtsysteme von Paläozän bis Pliozän (Abb. 3) sind Unterteilungen des Tertiärs. Wir können der Darstellung zum einen entnehmen, daß die "modernen" Säugergruppen im wesentlichen erst ab dem Tertiär überliefert sind (vgl. 1.). Zum anderen zeigt sich, daß die einzelnen Ordnungen ohne verbindende Zwischenformen auftreten. Die Punktierung zeigt ebenso wie die Biegungen der spindelförmigen Darstellung in Abb. 3 die evolutionstheoretische Deutung an, wonach alle Plazentalier von einem gemeinsamen Vorfahren abstammen sollten. Diese Abstammungsverhältnisse sind aber durch Fossilfunde gerade nicht belegt. Der bekannte Biologe Simpson stellt dies mit den Worten fest: Die Überlieferungslücken gelten "für alle 32 Ordnungen der Säugetiere. In den meisten Fällen ist der Bruch so scharf und die Lücke so groß, daß der Ursprung der (jeweiligen Säuger-)Ordnung spekulativ und viel diskutiert ist. . ."

 Diese Situation trifft nicht nur auf die plazentalen Säugetiere zu, sondern auf alle größeren Gruppen von Tieren und Pflanzen, wie ein Blick in paläontologische Lehrbücher schnell zeigt - die Stammbäume haben immer ein vergleichbares Aussehen: aus einer vermuteten Wurzel entspringen "explosionsartig" zahlreiche verschiedene Gruppen.

 Wenn schon nicht auf Ordnungs-Ebene stammbaumartige Aufspaltungen der Typen gefunden werden, so könnte man vermuten, daß dies innerhalb der Ordnungen, auf dem Familienniveau, möglich ist. Dies ist aber ebenfalls nicht der Fall, und zwar wiederum fast durchweg, mit wenigen Ausnahmen (die eine detaillierte Betrachtung erfordern, was den Rahmen dieses Beitrags sprengen würde). Das heißt: Auch die Familien (etwa die Familien der Paarhufer, zu denen Rinder, Hirsche, Ziegen, Kamele, Schweine und andere Familien gehören) lassen sich fossil von Beginn ihres Auftretens an gegeneinader abgrenzen. Das ermöglicht die Deutung, daß das Fehlen der Zwischenformen darauf zurückgeführt wird, daß es diese eben gar nicht gab, wie das im Rahmen des Schöpfungsmodells zu erwarten ist. Auch im Fossilbereich ist eine Aufteilung nach Grundtypen nachvollziehbar.

Zusammenfassung von Teil I und Ausblick auf Teil II: Die Fossilüberlieferung bietet insgesamt gesehen kein eindeutiges Bild. Die Grobreihenfolge der Fossilablagerung paßt einerseits zu evolutionären Vorstellungen und bereitet der Schöpfungslehre Erklärungsschwierigkeiten, andererseits paßt das regelhafte Fehlen von Zwischenformen und das abrupte Auftreten der Großgruppen von Tieren und Pflanzen nicht zur Evolutionslehre, kann aber im Rahmen der Schöpfungslehre plausibel gedeutet werden. Im zweiten Teil zum Thema Fossilien werden wir weitere Details kennenlernen und der Frage nachgehen, wie beide Modelle mit den genannten Erklärungsschwierigkeiten umgehen.

 1 Niles Eldredge, In: Hallam, A. (Hrsg.) Patterns of evolution as illustrated by the fossil record. New York, 1977.

2 Mark Ridley, Who doubts evolution? New Scientist No. 90, 25. 6. 1981, S. 830-832.

 3 So zu z. B. Duane Gish in: Fossilien - Stumme Zeugen der Vergangenheit. Bielefeld, 1992.

4 Die absolute Zeitstellung soll hier nicht thematisiert werden; es geht nur um relative Zeitgleichheit.

5 zitiert nach W.-E. Lönnig, Kann der Neodarwinismus durch biologische Tatsachen widerlegt werden? Köln, 1991, S. 25.

Abb. 1: Beispiele für verschiedene Fossiltypen: Fußabdruck eines Dinosauriers, in Eis eingefrorenes Mammut, Abdruck eines Blattes, in Bernstein eingeschlossene Ameise, Steinkern eines Schneckenhauses. (Nach: SG Wort und Wissen: Dinosaurier - faszinierende Geschöpfe, Friedrichshafen, 1994)

 Abb. 2: Die verschiedenen Wirbeltiergruppen (Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere) treten nicht gleichzeitig in den Gesteinsabfolgen auf, sondern zeitlich gestaffelt. Die Übergänge sind jedoch fossil nicht dokumentiert (gestrichelte Linien). Tert./Qu. = Tertiär / Quartär. (Nach: R. L. Carroll, Vertebrate Paleontology and Evolution. New York, 1988, verändert)

Abb. 3: Stammbaum der Plazenta-besitzenden Säugetiere (Plazentalier). Man müßte eher von einem "Busch" sprechen. Die schwarz gezeichneten spindelartigen Bereiche geben an, von welchen Ordnungen in welchem Ausmaß und in welchen Schichten fossile Überreste gefunden wurden. Die Schichtenfolge ist links angegeben (Aus: Junker, R. & Scherer, S.: Entstehung und Geschichte der Lebewesen, Gießen, 1992).

Tab. 1: Die Lebewesen werden in einem hierarchisch aufgebauten System angeordnet. Die gröbste Einteilung des Tierreichs bilden die Stämme, es folgen Klassen (mehrere Klassen bilden eine Stamm), die Ordnungen, Familien, Gattungen und Arten. Dazwischen werden es bei Bedarf weitere Feineinteilungen vorgenommen. Nachfolgend ein konkretes Beispiel.

 Stamm Chordatiere

 Klasse Säugetiere

 Ordnung Paarhufer

Familie Rinderartige

 Gattung Bos (Rind)

 Art Bos primigenius (Hausrind)
 
 

6. Folge

 Welche Sprache spricht versteinertes Leben? (Fossilien)

 Teil II: Fallbeispiele und Diskussion

In Teil I des Beitrags über Fossilien wurde gezeigt, weshalb die Fossilüberlieferung insgesamt gesehen kein eindeutiges Bild zur Bewertung der Geschichte der Lebewesen bietet. Die Grobreihenfolge der Fossilablagerung paßt einerseits zu evolutionären Vorstellungen und bereitet der Schöpfungslehre Erklärungsschwierigkeiten, andererseits paßt das regelhafte Fehlen von Zwischenformen und das abrupte Auftreten der Großgruppen von Tieren und Pflanzen nicht zur Evolutionslehre, kann aber im Rahmen der Schöpfungslehre plausibel gedeutet werden. Im zweiten Teil zum Thema Fossilien sollen nun weitere Details vorgestellt und es wird der Frage nachgegangen, wie beide Modelle mit den genannten Erklärungsschwierigkeiten umgehen.

1. Die "kambrische Explosion"

In der Paläontologie-Literatur wird allenthalben das sog. "Präkambrium- Kambrium-Problem" beschrieben (vgl. Abb. 1). Es besteht darin, daß mit Beginn des Kambriums nahezu schlagartig weltweit Vertreter aller heute existenten und einer Reihe weiterer inzwischen ausgestorbener Tierstämme gleichzeitig und ausdifferenziert auftreten.

Die Tierstämme sind, wie in Tab. 1 gezeigt, die gröbsten Unterteilungen des Tierreichs. Es handelt sich also um die unterschiedlichsten Baupläne. Vorläuferformen für diese unterschiedlichen Stämme wie Hohltiere (z. B. Quallen), Schwämme, Ringelwürmer, Plattwürmer, Weichtiere (zu denen Schnecken, Muscheln und Tintenfische gehören), Gliederfüßer und andere sind nicht dokumentiert, präkambrische Organismenreste werden nicht als Vorläufer der kambrischen angesehen, sondern als eigenständige und selbst erklärungsbedürftige Evolutionslinien.

 Manche Wissenschaftler sprechen daher von der "kambrischen Explosion des Lebens" oder sogar vom "Urknall der Paläontologie". Erst nach dem Kambrium können innerhalb der Tierstämme Regelhaftigkeiten eines Nacheinander-Auftretens festgestellt werden, die evolutionstheoretisch leichter gedeutet werden können (wie in Teil I erläutert). Das heißt: Ausgerechnet die Entstehung der größten Unterschiede zwischen den Tiergruppen sind fossil am schlechtesten belegt. 1968 schreibt H. Wurmbach dazu: "Über das Aussehen und die Lebensweise der allerersten Organismen ist nichts bekannt. Am Beginn des Kambriums waren schon so hochentwickelte Tierformen vorhanden, daß zu ihrer Entstehung Hunderte von Millionen Jahren notwendig gewesen sein dürften."1 An der Bewertung dieser Situation hat sich bis heute nicht viel geändert: "Wir sind von der vollständigen Erklärung dieser Ereignisse [der "kambrischen Explosion"] immer noch weit entfernt. Ihre Gründe bleiben vorerst noch das größte Rätsel der Paläontologie."

 Der berühmte Evolutionsbiologe Steven J. Gould vertritt die Auffassung, daß die Geschichte des Lebens die "Geschichte der massenhaften Beseitigung, gefolgt von einer Differenzierung innerhalb weniger überlebender Stämme" sei und nicht die "altbekannte Erzählung von stetig zunehmender Leistung, Komplexität und Vielfalt."3 Abb. 2 verdeutlicht die Problematik. Von diesem Problem ist in den Schulbüchern übrigens nichts zu finden. Das plötzliche Auftreten wird nicht problematisiert. "Vor etwa 600 Millionen Jahren [Beginn des Kambriums, Anm.] beginnt die Entfaltung eines reichen Tier- und Pflanzenlebens."4 Dieser Satz verdeckt nicht nur das genannte Problem, sondern ist einfach falsch. Mit Beginn des Kambriums ist das Leben plötzlich in reichlicher Fülle vorhanden.

2. Der "Urvogel"

Als das berühmteste Beispiel einer vermuteten Übergangsform zwischen Großgruppen von Lebewesen kann der sog. "Urvogel" Archaeopteryx gelten. An diesem Beispiel kann sehr gut gezeigt werden, daß es sowohl für die evolutionstheoretische, als auch für die schöpfungstheoretische Deutung gute Argumente gibt und keine einfache, zwingende Bewertung vorgenommen werden kann.

 Was spricht für Evolution?

 1. Zum einen handelt es sich bei Archaeopteryx um eine typische Mosaikform, denn der "Urvogel" besaß nicht nur vogeltypische Merkmale wie die Federn, sondern auch reptilienartige wie die Zähne oder die lange Schwanzwirbelsäule. Beides ist für heutige Vögel untypisch. Allerdings besaß Archaeopteryx zu viele spezielle Merkmale, um als unspezialisierte tatsächliche Übergangsform gelten zu können. Daher wird er auf einen Seitenast der Evolution gestellt und als Modellorganismus für eine Übergangsform angesehen bzw. als "übergangsformnah" gewertet.

 2. Die stratigraphische Position (relative Stellung in der Ablagerungsfolge) paßt gut in den evolutionstheoretischen Kontext. Archaeopteryx gehört zu den ältesten fossil dokumentierten Vögeln. Ältere Funde, die ebenfalls den Vögeln zugerechnet werden, sind in ihrer Deutung umstritten und müssen vorerst außer Betracht bleiben.

Was spricht gegen Evolution oder für Schöpfung?

1. Den Oberjuraschichten, in denen Archaeopteryx gefunden wurde, folgen Schichten (Unterkreide), in denen sehr verschiedene Vogelordnungen gefunden werden. Dazu gehören flamingoartige Vögel, Vögel mit ausgeprägtem Brustbeinkiel (gute Flieger, "hochentwickeltes" Merkmal) und sogar Pinguine, die das Flugvermögen nach Erwerb der Flügel wieder eingebüßt haben sollen. Auch hier zeigt sich ein Befund wie auch bei anderen größeren Gruppen von Tieren oder Pflanzen: Viele sehr verschiedene Typen tauchen fast gleichzeitig oder in rascher Folge nacheinander auf. Von Archaeopteryx wird keine direkte Linie zu den kreidezeitlichen Vögeln gezogen.

2. Der Anschluß an Reptilienvorfahren ist unklar. Je nach zugrundegelegten Merkmalen müßten verschiedene Vorfahrengruppen angenommen werden.

 3. Der Übergang von der Reptilschuppe zur Feder ist fossil nicht dokumentiert (Abb. 3). Archaeopteryxfedern entsprechen den Federn heutiger Vögel bis ins Detail. Da es sich um Hartstrukturen handelt, sollte Fossilisation von Übergangsstrukturen möglich gewesen sein. Die Federstruktur allein wäre im übrigen noch viel zu wenig, um fliegen zu können (und viel zu komplex für eine bloße Verbesserung der Wärmeisolierung im Vergleich zu Reptilschuppen). Zum Fliegen werden außerdem (gleichzeitig) benötigt:

- Der Besitz eines Federkleides (sinnvolle Anordnung der Federn)

 - Muskeln. Etwa 200 spezielle Muskeln werden zu Fliegen benötigt.

 - Sehnen

 - Nerven

 - Blutgefäße

 - neue Verhaltensweisen

 - zusätzliche Gehirnteile (für die Flugkoordination)

 Im Rahmen des Evolutionsmodells kann nach bisherigen Erkenntnissen nicht plausibel gemacht werden, wie eine koordinierte Änderung komplexer Strukturen auf der Basis der bekannten Evolutionsmechanismen (Mutation, Selektion u. a.) möglich sein könnte. Wie werden nun in den beiden konkurrierenden Modellen die jeweils "sperrigen" Daten gedeutet?
 
 

3. Deutung der Regelhaftigkeit der Fossilreihenfolge im Schöpfungsmodell

Zunächst ist festzuhalten, daß eine schlüssige Deutung eines Befundes im einen Modell eine alternative Deutung nicht ausschließt. Dieselben Daten können durchaus sehr verschieden deutbar sein. Es kommt also nicht unbedingt darauf an, die evolutionstheoretische Deutung zu Fall zu bringen (letztlich wird das kaum möglich sein; die Begründung dafür soll hier nicht diskutiert werden), sondern zu zeigen, daß auch im Rahmen des Schöpfungsmodells Regelhaftigkeiten der Fossilablagerungen zu erwarten sind und gedeutet werden können. Als Schlüssel wird die biblische Überlieferung einer weltweiten Sintflut herangezogen. Folgende Interpretation wird zur Zeit diskutiert: Ein Teil der Fossilablagerungen ist während des Jahres der Sintflut entstanden, danach soll sich die Erde in weltweit ähnlichen regelhaften Abfolgen von Lebensgemeinschaften (Mega-Sukzessionen) wiederbesiedelt haben. Diese Wiederbesiedelungsstadien wurden durch lokale oder regionale Katastrophen durch Überschüttung mit Sediment konserviert. Die Regelhaftigkeit der Fossilablagerungen ergibt sich nach diesem Modell also aus Regelhaftigkeiten der Ausbreitung der Organismen auf der nachsintflutlichen Erde. Dabei dürften folgenden Faktoren eine Rolle gespielt haben:

 - Verfügbarkeit von Lebensräumen in der Zeit nach der globalen Flutkatastrophe (zuerst werden dies meerische, dann Süßwasser- und erst später zunehmend Land-Lebensräume gewesen sein),

 - Generationszeiten und maximale Ausbreitungsgeschwindigkeiten von Organismen (z. B.: kleine Organismen haben tendenziell kürzere Generationszeiten und können sich daher schneller ausbreiten als größere; unter den Primaten scheinen die kleineren Formen früher zu "erscheinen" als die größeren - dies würde in dieses Konzept passen),

 - vielfältige ökologische Gründe (Sukzessionen, Mega-Sukzession, s. o.),

 - zahlreiche, jedoch in ihrem Ausmaß abklingende Katastrophen geologischer und biologischer Art, die zur Überlieferung (Fossilisierung) von "Momentaufnahmen" der jeweiligen Lebensräume geführt haben,

 - Ausbreitung überlebender Populationen und Einwanderung von Organismen in diese zerstörten Gebiete.

 Es wird also mit folgender Überlegung gearbeitet: Die Wahrscheinlichkeit, Fossilien aufzufinden, hängt von der Anzahl und der Verbreitung der betreffenden Organismen ab, diese wiederum von den zur Verfügung stehenden Lebensräumen. Wenn nun zunächst keine Säugetiere gefunden werden, so wird ein Zusammenhang darin gesehen, daß zunächst für diese Organismengruppe geeignete Lebensräume fehlten, so daß sie sich vorerst kaum ausbreiten konnten. Oder, was die Ausbreitung des Menschen betrifft: Menschenfossilien werden kaum gefunden, weil die nachflutliche Menschheit zunächst lokal sehr begrenzt war (Ararat-Gebiet, Naher Osten). Erst nachdem sich die Menschheit über dieses Gebiet hinaus in katastrophisch gefährdete Gebiete ausbreitete und dort vermehrte, stiegen die Chancen zur Fossilisation.

 Es muß betont werden, daß es sich hier nur um ein hypothetisches Konzept handelt, das einige Befunde des Fossilberichtes deuten kann, viele Fragen jedoch unbeantwortet läßt. Vor allem erscheint es rätselhaft, daß nicht wenigstens in Ausnahmefällen z. B. Säugetiere auch in tieferen Schichten gefunden werden. Das wäre eigentlich zu erwarten, wenn auch nur als seltenerer Fall.
 
 

4. Deutung der Regelhaftigkeit der Fossillücken im Evolutionsmodell

Die Evolutionslehre hat andere Probleme. Das systematische Fehlen ursprünglich erwarteter Zwischenformen wird von vielen Paläontologen eingeräumt, jedoch nicht als ernsthaftes Indiz gegen die Evolutionslehre gewertet. Man hat eine Erklärung für das Fehlen, und diese Erklärung baut im Kern auf eine ähnliche Argumentationsstrategie auf wie die der Schöpfungstheoretiker: Zwischenformen werden deshalb nicht gefunden, weil sie nur sehr gering an Zahl und räumlich sehr begrenzt waren. Dabei werden Gesetzmäßigkeiten vermutet, aufgrund derer das Fehlen der Zwischenformen generell verständlich gemacht werden soll. Wie beim Ansatz der Schöpfunglehre ist jedoch zu prüfen, wie plausibel dieser Erklärungsversuch ist. Die Plausibilität dieser Erklärung hängt wesentlich davon ab, daß ein schlüssiger Mechanismus aufgewiesen werden kann, durch den ein makroevolutionärer Übergang (also ein größerer "Umbau" oder "Neubau") relativ rasch (gemessen an den hier zugrundegelegten Jahrmillionen-Zeiträumen) und in einer kleinen Population vor sich gehen kann. Solche Vorgänge schneller Veränderungen sind in der Tat bekannt, aber sie rangieren nur im mikroevolutiven Bereich6 und sind etwa den Veränderungen vergleichbar, die man durch Zucht herbeiführen kann. Die Übertragung dieser mikroevolutiven raschen Änderungen auf makroevolutionäre Prozesse ist zumindest reine Spekulation, wenn nicht unzulässig. Eine Reihe von Evolutionsbiologen räumt daher auch heute noch ein, daß das Problem der fehlenden Zwischenformen bisher nicht gelöst werden konnte.

Im Zusammenhang mit Fossilien und Schöpfung werden viele Fragen gestellt, von denen abschließend einige aufgegriffen werden sollen.

Wie passen die Dinosaurier ins Schöpfungsmodell?

Die Dinosaurier erregen unter den Fossilien immer wieder besondere Aufmerksamkeit; sie wurden wegen ihrer bemerkenswerten Formenfülle und oftmals enormen Größe auch schon einmal als "Popstars der Paläontologie" bezeichnet. Paläontologisch gesehen kann zu ihnen Ähnliches gesagt werden wie zu anderen Fossilien. Die verschiedenen Grundtypen treten einerseits deutlich getrennt voneinander auf (es gibt auch hier keine allmählichen Stammbaumverzweigungen). Das spricht gegen Evolution. Andererseits wurden sie in früheren Zeiträumen in Schichtgesteinen eingebettet als etwa solche Säugetiere, die auch heute noch vorkommen. Dieser Befund paßt nicht befriedigend zur Schöpfungslehre und besser zur Evolutionslehre (s. 3.). Denn dort wird angenommen, daß es vor dem hauptsächlichen Auftreten der Säugetiere ein Reptilienzeitalter (speziell auch ein Dinosaurier-Zeitalter) gab. Das häufige Vorkommen von Dinosauriern in Schichten des sog. Mesozoikums könnte aus schöpfungstheoretischer Sicht damit zusammenhängen, daß zu jener Zeit (vielleicht in einer Wiederbesiedlungsphase nach der Sintflut) die Lebensräume für die Dinosaurier stark überrepräsentiert waren, während die Lebensräume für die Säugetiere noch kaum entwickelt waren, so daß es damals zahlenmäßig wenige Säugetiere gab. Häufig vorkommende Organismen werden eher fossilisiert als seltene. Doch kann es sich dabei nur um eine mögliche Antwortrichtung handeln, da wichtige Fragen offen bleiben.

Sprechen "lebende Fossilien" gegen Evolution?

Manche Lebewesen, die als Fossilien überliefert sind, leben auch heute. Man nennt sie daher "lebende Fossilien", was eigentlich paradox ist. Lebende Fossilien haben sich - im Rahmen des Evolutionsmodells argumentiert - über riesige Zeiträume nicht nennenswert verändert. Manche sollen über zig oder sogar Hunderte von Millionen Jahren weitgehend unverändert geblieben sein. Dennoch kann aus der zahlreichen Existenz lebender Fossilien kein zwingendes Argument gegen Evolution abgeleitet werden, denn es wird evolutionstheretisch argumentiert, daß ein Teil der Nachkommenschaft dieser Formen sich verändert habe (sich weiterentwickelt habe), ein anderer Teil aber gleich geblieben sei (z.B. weil sich deren Umwelt nicht geändert haben soll). Ob freilich plausible Szenarien entwickelt werden können, die verständlich machen, weshalb sich ein Teil einer bestimmten Art verändert hat, ein anderer dagegen nicht (und so zu lebenden Fossilien wurde), steht auf einem anderen Blatt. Kann auf die Lückenhaftigkeit des Fossilberichts verwiesen werden, um das Fehlen von Zwischenformen zu begründen?

Schon Charles Darwin war sich des in der letzten Folge unserer Serie erläuterten systematischen Fehlens von Zwischenformen bewußt und war der Auffassung, daß seine Evolutionstheorie nicht haltbar sei, wenn diese Lücken nicht gefüllt werden könnten. Er verwies damals auf die Möglichkeit, daß einfach noch viel zu wenig Fossilien gefunden worden seien. Heute wird dieses Argument von Evolutionstheoretikern kaum noch gebraucht. Außer in besondern Fällen ist es auch nicht glaubhaft angesichts von mindestens 250.000 gefundenen fossilen Arten und Milliarden fossiler Individuen. Durch die Vielzahl neuer Funde konnten manche Lücken zwar verkleinert werden; im Gesamtbild treten die Lücken jedoch vielfach noch deutlicher hervor als früher.

Warum behaupten manche Evolutionstheoretiker, es gebe zahlreiche Zwischenformen?

Es ist eine Bewertungsfrage, wann eine Form als Zwischenform angesprochen werden kann. Wie soll "Zwischenform" genau definiert werden? Das ist kaum in objektiver Weise möglich. Hier kann daher keine kurze Antwort gegeben werden. Vielmehr kommt man nicht darum herum, im Einzelfall die Datenlage genau zu prüfen. Ist etwa der "Urvogel" eine Zwischenform? Insofern, als er eine Mosaikform darstellt (mit vogel- und reptilientypischen Merkmalen) - ja. Insofern aber, als zwischen ihm und anderen Vogelgruppen große Lücken klaffen oder daß es keine Zwischenformen zwischen Reptilschuppen und Federn gibt - nein.

1 Wurmbach H (1968) Lehrbuch der Zoologie, Bd. II, Spezielle Zoologie, S. 45.

 2 Morris SC (1994) Die Burghess Shale-Fauna und die frühe Evolution der Tiere. Biologie in unserer Zeit 22, S. 263.

 3 Gould SJ (1991) Zufall Mensch. München, S. 23.

4 Linder Biologie, hgg. v. H. Bayrhuber & U. Kull, Stuttgart, 20.Aufl. 1989, S. 459.

5 Nach Junker R & Scherer S (1992) Entstehung und Geschichte der Lebewesen, Gießen, S. 154.

 6 Nähere Begründung siehe: Junker R (1993) Prozesse der Artbildung. In: Scherer S (Hg) Typen des Lebens. Neuhausen.

Abb. 1: Die Grenze zwischen dem Präkambrium und dem Kambrium (Pfeil) ist paläontologisch sehr markant. Im Kambrium treten Vertreter alle je bekannten Tierstämme meist in weltweiter Verbreitung auf; im Präkambrium finden sich nahezu keine Spuren möglicher Vorläufer. 5/6 der postulierten Evolution liegen daher weitgehend im Dunkeln.

 Abb. 2: Der obere Teil der Abbildung zeigt, wie das Aussehen eines evolutionären Stammbaumes aussehen sollte, wenn - wie die darwinistische Theorie besagt - Änderungen allmählich eintreten. Der untere Teil kommt der Realität erheblich näher: einzelne Tierstämme treten gesondert voneinander im Fossilbericht auf. (Nach Gould 1991, verändert)

Abb. 3: Von der Reptilschuppe zur Feder: ein durch Fossilfunde nicht belegter Übergang. (Aus: SG Wort und Wissen, Dinosaurier - faszinierende Geschöpfe. Friedrichshafen 1995).

 Tab. 1: Die Lebewesen werden in einem hierarchisch aufgebauten System angeordnet. Die gröbste Einteilung des Tierreichs bilden die Stämme, es folgen Klassen (mehrere Klassen bilden eine Stamm), die Ordnungen, Familien, Gattungen und Arten. Dazwischen werden es bei Bedarf weitere Feineinteilungen vorgenommen. Nachfolgend ein konkretes Beispiel.

 Stamm Chordatiere

 Klasse Säugetiere

 Ordnung Paarhufer

 Familie Rinderartige

 Gattung Bos (Rind)

 Art Bos primigenius (Hausrind)
 
 

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