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Durch Wüste und Wildnis
Ein Bayer im Senegal
Von Modou Fall
(Wenn man auf die Bildchen klickt, sieht man mehr)

Die längste Reise beginnt mit einem einzigen Schritt. Das klingt gleich weniger banal, wenn man, wie der Italiener sagt, den Schritt länger als das Bein macht. Als wir am Alitalia-Schalter im Stuttgarter Flughafen standen, hatte Mariétou den Koffer schwerer als das Gepäcklimit gemacht. Genauer gesagt, hatte sie mehrere Koffer gepackt, die jeweils schwerer als das Gepäcklimit waren. Ganz zu schweigen von der Kiste mit Babynahrung und dem Reisebettchen. Das einzige Teil, das den Alitalia-Anforderungen genügt hätte, war das Handgepäck. Das hatte nämlich nach den IATA-Vorschriften das Gewicht eines regulären Koffers. In Italien wäre das alles kein Problem gewesen. 30 Kilo hätte Mariétou locker wegdiskutiert, und die restlichen 26 hätte man einem anderen Passagier aufgebürdet. Aber wir waren nun mal in Deutschland, und die Dame am Schalter wurde in dem Maße ungeduldiger, wie die Schlange hinter uns länger wurde, während mein Blutdruck allmählich in den roten Bereich stieg. Am Schluß blieb uns nichts anderes übrig, als den größten Koffer per Luftfracht zu schicken. Die Nachbarin, die uns zum Flughafen gebracht hatte, erledigte das netterweise für uns. Nach diesem Auftakt war die weitere Reise ein Kinderspiel. Allerdings dauerte es drei von den sechs Stunden Aufenthalt in Mailand, bis ich wieder ansprechbar war.

Um Mitternacht landeten wir auf dem Leopold-Senghor-Flughafen in Dakar. Mariétous Schwester Aminata kam uns abholen und hatte auch einen ganzen Schwung Kinder dabei, einschließlich Fadel, Mariétous Großem. Zu unserer Erleichterung war auch L gekommen, unser Freund aus der Zollverwaltung, der uns in der Vergangenheit immer an allen Kontrollen vorbeigeschleust hatte. Diesmal warfen aber die anstehenden Präsidentschaftswahlen ihre Schatten voraus. Jeder erwartete einen Regierungswechsel und wollte sich prophylaktisch als besonders pingelig profilieren. Also mußten auch wir unser Babyfutter inspizieren lassen, das wir verdächtigerweise in einem Compaq-Karton verpackt hatten. Damit hatte es sich aber auch schon, und wir konnten den Flughafen verlassen.

Aminata hatte gerade eine eigene Wohnung gemietet. Seit ich meine Frau kenne, ist die Ehe ihrer Schwester in Dauerkrise. Diesmal war sie fest entschlossen, ihren Mann in die Wüste zu schicken und nur die Kinder aus ihrer ersten Ehe zu behalten. Wir würden also diesen Urlaub in ihrer neuen Wohnung verbringen, auch weil alle unsere Bauvorhaben noch in der Planungsphase stecken. Aminatas Wohnung war groß, frisch renoviert und bis auf ein paar Matratzen am Boden und ein paar Kochtöpfe im Flur vollkommen leer. Wir schufen durch geschickte Anordnung unseres Gepäcks im Handumdrehen eine wohnliche Atmosphäre, deponierten unsere kleine Aminata in ihrem entfalteten Reisebettchen und brachen auf den Matratzen zusammen.
Der Koffer, den wir zurückgelassen hatten, enthielt natürlich meine gesamten Klamotten. Ich stand also in der Frühlingshitze von Dakar und hatte nur eine dicke Jeans und ein schweres Baumwollhemd anzuziehen. Die erste Aktion am nächsten Tag war deshalb die Anschaffung einer Garnitur landesüblicher Tracht, ein leichter weißer Kaftan mit passenden Hosen. Nach ein paar Tagen kam noch eine Kombination in modischem Grün dazu, und damit war ich versorgt.

Wir waren Freitag nacht angekommen und konnten deshalb zwei Tage lang keinen Geschäften nachgehen. Dafür besuchten wir Verwandte und informierten uns über die allgemeine Lage. Zwei Themen waren in aller Munde: Die Präsidentschaftswahlen und die Schafpreise für Tabaski. Tabaski war am folgenden Freitag, unmittelbar vor den Wahlen am Sonntag. Die Frage der Schafpreise war eine reine Nervensache. Es war allgemein bekannt, daß genug Tiere für alle da waren. Die Hirten waren mit ihren Herden bis von Mali gekommen und verlangten zunächst mal Mondpreise. Man brauchte nur bis Donnerstag abend zu warten, um ein stattliches Schaf für einen vernünftigen Betrag zu bekommen. Die Frage der Wahlen war da schon wesentlich verzwickter. Präsident Abdou Diouf (1) Abdou Diouf war seit zwanzig Jahren im Amt, seine Partei seit vierzig Jahren an der Macht und die letzten Wahlen mit aller Wahrscheinlichkeit getürkt. Diouf's Herausforderer, Abdoulaye Wade (1), Abdoulaye Wade hatte sich vierundzwanzig Jahre lang um das Amt beworben, und dies war seine erste, und vermutlich letzte Chance, sein Lebensziel zu erreichen. Das Volk hatte die Nase voll von der alten Regierung, die das Land in die bitterste Armut geführt hatte. Und eine selbstbewußte unabhängige Presse, allen voran die Privatradios, machten Wahlbetrug wesentlich schwieriger als in der Vergangenheit. Im ersten Durchgang Ende Februar hatte Wade die meisten Stimmen erhalten, aber es hatte nicht zur notwendigen absoluten Mehrheit gereicht. Die ausgeschiedenen Kandidaten hatten sich inzwischen auf Wades Seite geschlagen, was auf dem Papier für einen haushohen Sieg gereicht hätte. Aber niemand glaubte, daß sich Diouf so leicht geschlagen gäbe. Man befürchtete entweder massiven Wahlbetrug (im ersten Durchgang waren kartonweise gefälschte Wahlkarten aufgetaucht) oder einen Staatsstreich.
Als Djibo Ka, ein Verbündeter Wades, vier Tage vor der Stichwahl die Fronten wechselte, wurde uns die Lage zu gespannt. Wir beschlossen, die heißeste Phase außerhalb Dakars zu verbringen. Donnerstag hielten wir Kriegsrat im Hinterzimmer eines Cafes, das unserem libanesischen Freund D gehört. Die Libanesen haben etliche Geschäftszweige im Land fest in der Hand und sind entsprechend unbeliebt; im Falle von Unruhen befürchtete D das Schlimmste. Auch unser Freund vom Zoll war bei der Beratung. Als Beamter konnte er nicht einfach verreisen und war entschlossen, die Sache vor Ort durchzustehen. Da es aber im Senegal praktisch keinen wichtigen Menschen gibt, den L nicht kennt, trauten wir ihm durchaus zu, sich durch alle Gefahren durchzulavieren. Er schlug vor, uns bei einem Freund in der Nähe des Flughafens unterzubringen, weit entfernt von den möglichen Unruheherden in der Stadt und mit der Möglichkeit, wenn nötig kurzfristig einen Flieger zu erwischen. Wir hatten zwischendurch erwogen, für ein paar Tage nach Marokko zu fliegen, aber das war uns dann zu kompliziert, und so wollten wir ins benachbarte Gambia ausweichen. Aber auch hier hatten wir ein Transportproblem. Das Auto, das wir zwei Monate vorher nach Dakar geschickt hatten, war in der Werkstatt und weitgehend in seine Einzelteile zerlegt. Um die paar brauchbaren Blechstücke herum schweißte der Mechaniker gerade so was wie eine Karosserie zusammen. Bis die Kiste wieder auf die Straße konnte, hätte der Mann noch Arbeit für mehrere Wochen. Der öffentliche Verkehr lag weitgehend lahm, weil alle Städter für Tabaski aufs Land zu ihren Familien fuhren und am Sonntag wieder zum Wählen in die Stadt mußten. Mit unserer neun Monate alten Aminata wollten wir jedoch ein halbwegs sicheres Transportmittel, und für ihren fast vierzigjährigen Vater durfte es auch etwas bequemes sein. Schließlich schlug L vor, uns in den Club Aldiana zu fahren. Dieses schweizerisch-deutsche Feriendorf liegt circa 80 km außerhalb Dakars und damit in sicherer Entfernung von möglichen Unruheherden. Auch würde die Clubleitung im Notfall sicher die Evakuierung der Touristen organisieren. Um jedoch im Club anzurufen und zu reservieren, mußten wir uns erst die Aufmerksamkeit und Kooperation unseres libanesischen Freundes sichern, der uns mit Telefon und Nummer helfen sollte. D's Konzentrationsfähigkeit war an diesem Tag extrem eingeschränkt. Er hatte eindeutig die Hosen gestrichen voll und rannte wie ein aufgescheuchter Hase in seinem Büro hin und her, hantierte mit Flugtickets und ganzen Bündeln von Western Union Auslandsüberweisungsbelegen und ließ sich kaum in seinen Litaneien unterbrechen. "La vie est trop belle!" - Das Leben ist zu schön, rief er in einem fort, "Du weißt nischt wer iest deine Feind! Sollen sie den Laden verwüsten, sollen sie mein Geld stehlen, mais la vie est trop belle!"

Als wir endlich unsere Vorkehrungen getroffen hatten um die Wahlen zu überleben, konnten wir uns um das Alltagsgeschäft kümmern. Zunächst fuhren wir nach Ngaparou, um die Baustelle für unser Ferienhaus zu besichtigen. Ngaparou Das Grundsück war inzwischen durch eine Mauer gesichert. Die Steine für den Rohbau waren gerade gebacken worden, und nur circa 5% waren von umherziehendem Vieh zertrampelt. Die Pläne für dieses Haus, wie auch jene für das Haus unserer Eltern in Dakar, wurden mit dem Architekten Ibrahima heftigst diskutiert. Aminatas Wohnung war nur mit dem allernötigsten eingerichtet. Eine kleine Karawane zog mehmals täglich von dieser Wohnung zu dem Haus ihres Mannes, das nur einige Straßen weiter steht, und zurück. Aminata, ihre Kinder, das Hausmädchen, die Griotte und wir trugen ständig Kleider, Essen und Babys hin und her, um sie hier oder dort zu kochen, wechseln, tragen, waschen oder essen.

Wir tauschten auch das Bündel französicher Francs um, das ich mitgebracht hatte und zahlten es auf der Bank ein. Ich weiß nicht, ob Bankgeschäfte das Komplizierteste sind, das man in Dakar unternehmen kann, oder ob Dakar eine Stadt ist, wo diese Geschäfte komplizierter sind als anderswo. Wir hatten den Tag ohnehin wieder einmal spät begonnen. Die kleine Aminata hatte uns die halbe Nacht wachgehalten (oder wir sie). In der Frühe ging ich Brot kaufen. Weil ich nicht mehr wußte, was "zwei" auf Wolof heißt, ging ich zweimal und verlangte "Benne mbourou" - ein Brot. Dann ging ich nochmal in den Laden und kaufte Milchpulver. Natürlich bin ich nicht ganz so unbeholfen, wie das jetzt klingt. Ich wollte ganz einfach mit meiner bildhübschen Tochter angeben und genoß es, mit ihr auf der Schulter über die Straße zu gehen, während sie begeistert alle Kinder und Tiere begrüßte, denen wir begegneten. Insbesondere die Pferde, von denen es in Dakar eine ganze Menge gibt, wurden mit lautem Jauchzen begrüßt, begleitet von lebhaftem Gehopse und frenetischem Hämmern auf meinen Kopf. Als wir fertig gefrühstückt hatten, zur Hauptstraße gegangen waren, mit dem Taxifahrer gefeilscht hatten und quer durch die Stadt zur Bank gefahren waren, wollte diese gerade schließen. Wir erfuhren gerade noch, daß man zur Kontoeröffnung ein Paßfoto braucht. Wir nahmen also wieder ein Taxi und fuhren in die Stadtmitte, um uns fotografieren zu lassen. Zwei Stunden später eröfneten wir ein Konto bei der Société Générale de Banques au Sénégal. Die gute Frau am Schalter brauchte eine geschlagene Stunde - das sind sechzig Minuten - um unsere persönlichen Angaben in das Formular für persönliche Angaben einzutragen. Dann schrieb sie das ganze nochmal auf ein anderes Formular ab, während der Computer auf ihrem Schreibtisch geruhsam verstaubte. Unsere persönliche Situation half allerdings auch nicht gerade. Eine Senegalesin, die in Deutschland wohnt, mit Wohnsitz in Dakar und einem eindeutig ausländischen Ehemann in farbenfroher Nationaltracht, überstieg eindeutig das Fassungsvermögen der armen Bankangestellten.
Danach marschierten wir zur Kasse und wedelten großspurig mit unseren Bündeln frischer französischer Francs. Die Kassiererin schaute von einem zum andern zum Geld und zurück und sagte, sie müsse bei einer solchen Summe zwei Prozent Gebühren einbehalten - obwohl der Franc CFA an den französischen gekoppelt ist. Sie empfähle uns, das Geld auf dem Schwarzmarkt zu tauschen und ihr dann die CFA zu bringen. Ein Händler vom nahen Gemüsemarkt sei zufällig gerade in der Bank, und wenn wir nichts dagegen hätten, könne sie ihn fragen, ob er gerade Francs brauche. Man rief den Mann herbei, und nachdem er sich unser Problem angehört hatte, zog er mehrere enorme CFA-Bündel aus den unergründlichen Tiefen seiner Boubou-Taschen. Wir tauschten alles, was er hatte und verabredeten uns mit ihm für den nächsten Morgen, um auch die restlichen Millionen umzutauschen. Anderntags trafen wir ihn in einem Cafe, wo wir eine halbe Stunde damit zubrachten, unter dem Tisch Geld zu zählen. Als wir das Cafe verließen, legte ich eine Zeitung über das Mobiltelefon. Sollte uns jemand folgen, der unsere Transaktion beobachtet hatte, sollte er ruhig glauben, ich hätte eine Waffe versteckt, während ein beliebiger Passant nichts besonderes bemerkt hätte.

Einmal schafften wir es sogar bis an den Strand. Am Strand von Ngor Vom Fischerdorf Ngor setzten wir mit einer Piroge über die Bucht auf die kleine Insel gegenüber. Dort verlieren sich ein paar Touristen zwischen Einheimischen, die sich einige ruhige Stunden machen. Marietou und Aminata in Ngor Ein kleines Gartenlokal konkurriert mit den Getränkeverkäufern in ihren Strandbuden und den Fischbraterinnen an ihren Grills, die Muscheln am Spieß verkaufen. Das kristallklare Wasser sah zwar einladend aus, aber die Temperatur trieb die meisten Badenden nach kurzer Zeit wieder hinaus. Nicht einmal Aminata hielt es lange aus. Fat'tall und ihre Schwestern Bisher kannte sie nur die häusliche Badewanne und das lau- (sprich: piß-) warme Kinderbecken des Waiblinger Hallenbades. In kaltes Wasser einzutauchen war für sie eine völlig neue Erfahrung. Und dieses Salzwasser konnte man noch nicht mal trinken! Im Babyschwimmkurs pflügte sie meist wie ein Karpfen durchs Becken, mit weit offenem Mund, und ließ kaum Wasser für die anderen Kinder.

Als die Sonne unterging und Luft abkühlte, nahmen wir die letzte Piroge zum Festland. Wir ließen die kleineren Kinder und etwas Fahrgeld mit den größeren zurück und machten uns auf die Suche nach einem meiner Väter. Der Sharif von Ngor, El Hadsch Mamadou Samb, hatte mich ein Jahr vorher adoptiert, als er uns ein Grundstück in Almahdie vermittelte. Jetzt wollten wir nochmal einige Unklarheiten im Grenzverlauf mit ihm klären. Unser Architekt Ibrahima hatte sich das Grundstück angesehen und wenig Übereinstimmung zwischen dem Plan und den Grenzsteinen gefunden, zumindest wo er letztere fand. Um den Sachverhalt zu klären, brauchte man sowohl Samb als auch den Ingenieur, der den Plan ursprünglich gezeichnet hatte. Schon einzeln war keiner von beiden leicht zu erwischen, und wenn man den einen am Wickel hatte, berief der sich regelmäßig auf den anderen, was das Grundstück betraf. Der Sharif wohnte auf der anderen Seite des Dorfes, uns so suchten wir einen Durchschlupf zwischen den Holzhütten. Die Schönheit der Mischlingskinder, die man hier besonders häufig sieht, faszinierte uns immer wieder. Vor Sambs Haus begrüßten uns einige seiner Frauen, nein, es täte ihnen leid, Papi sei nicht da.

Unser Koffer kam auch nicht an. Er hätte in der nächsten Alitalia-Maschine sein sollen, aber das war der letzte Flug vor Tabaski, und die heimkehrenden Senegalesen hatten mit ihrem Übergepäck jegliche Kapazität ausgeschöpft.

Am Donnerstag machten wir uns gegen elf Uhr nachts endlich auf den Weg, um ein Schaf für den Feiertag zu kaufen. Wir, das waren L, ich und ein Freund von L, der sich angeblich mit Schafen auskannte. Seinem Umfang nach hatte er jedenfalls in seinem Leben schon etliche verspeist. Das erste, was man von ihm sah, war sein enormer Bauch, den er mir bei Bedarf bequem hätte ins Gesicht schieben können. Ringerschultern und ein Hals, der in der Breite wettmachte, was ihm an Länge fehlte, führten zu einem Kopf, der vermutlich auch zum Holzspalten taugte. Alles in allem erinnerte er an den Leibwächter des Bösewichts aus einem alten James Bond-Film. Erinnert ihr euch an Gerd Fröbe als Goldfinger und seinen asiatischen Butler? Rührt die zwei zusammen, erhöht das zulässige Gesamtgewicht um 20%, zieht Fröbes gute Laune ab und streicht das Ergebnis kaffeebraun, dann habt ihr eine ziemlich gute Vorstellung davon, wie Bigboss (sein Spitzname) aussah. Daß er den ganzen Tag nichts gegessen hatte und richtig mies drauf war, unterstrich noch den optischen Gesamteindruck. Später erfuhr ich zufällig, daß er wirklich unter anderem auch als Ls Bodyguard fungierte.

Für die 500 Meter zum nächsten Schafmarkt brauchten wir eine gute halbe Stunde. Diese Märkte waren in den letzten vierzehn Tagen überall improvisiert worden, wo ein paar Handbreit Boden frei waren. Schafe waren dort angepflockt, von ihren Besitzern notdürftig gefüttert und getränkt, von Kaufinteressenten herumgeschubst, betatscht und begrapscht. Wären die Tiere nicht alle männlich gewesen, wie es der Islam für das Opfer vorschreibt, wer weiß, welche Untersuchungen sie noch hätten aushalten müssen. In der Nacht vor dem Fest war der Markt in vollem Gange. Bigboss pflügte durch die Schar der Käufer und Peul-Schäfer in ihrer Nomadentracht und übernahm das Schubsen, Grapschen und Feilschen, während ich mich bemühte, ihm auf den Fersen zu bleiben. Wir hatten recht schnell ein ansprechendes Tier gefunden, einen schönen Bock mit eigenartiger Zeichnung: die vordere Hälfte war schwarz, die hintere weiß, mit einer sauberen Trennung genau um den Bauch (Wer erinnert sich noch an Dominos Kleid aus Feuerball?). Die Preisverhandlung war kurz aber herzlich, und bei 90.000 CFA (circa 270 DM) erfolgte der Handschlag. Der Peul folgte uns zum Auto, wo der geschäftliche Teil abgewickelt wurde. Dummerweise hatte ich nur französische Francs mit, die der Schafhändler nicht annehmen wollte. Nicht etwa, weil er sie nicht kannte, wie L vermutete, sondern weil er genau wußte, daß die Bank ihm beim Umtausch in CFA 2% abknöpfen würde. Bigboss hatte inzwischen ein Taxifahrer aufgetrieben, der bereit war, unseren Bock zu transportieren. Zusammen mit dem Hilfsschafhändler stopfte er das arme Vieh in den Kofferraum. L und ich in dessen Auto, Bigboss mit dem Schaf im Taxi, so durchquerten wir gegen Mitternacht Dakar und lieferten den Festtagsbraten in spe bei unseren Verwandten ab.
Ich bestand darauf, über nacht dort zu bleiben, damit L heimfahren konnte. Schließlich mußte er noch Bigboss nach Thies bringen. Davon wollte er aber nichts hören. "Mariétou würde mir nie verzeihen, wenn du über nacht in Grand Dakar verloren gingst! Du mußt nach hause zu deiner Frau und deinem Kind! Ich muß sowieso nochmal in die Stadt, Bizous Boubou vom Schneider holen." Mitternacht war lang vorbei und das Stadtzentrum nahezu menschenleer. Nur beim Schneider (dem besten der Stadt) herrschte Hochbetrieb. Die Auslagen waren bis auf eine einsame linke Sandale geplündert. Im Laden drängten sich die Kunden, die ihre maßgeschneiderten Kleider abholen wollten. Die Lokalzeitung Walfajri berichtete später von einem Schneider, der vor dem Fest 72 Stunden nonstop an seiner Maschine gesessen hatte, mit stark gezuckertem grünem Tee aufgeputscht. Während L sich in die Menge stürzte, in der Hoffnung, das Kleid für seine Tochter zu bekommen, konnte Bigboss endlich sein zwölfstündiges Fasten mit einem Chawarma aus einem nahegelegenen Fast-Food brechen. Nach hause kam ich kurz nach eins. L schaffte es diese Nacht nicht mehr heim. Den Boubou für Bizou bekam er gegen 6 Uhr früh.

Am frühen Freitagmorgen fuhr ich mit meinem Neffen Cheikhou nach Grand Dakar, wo Mama Griot uns begrüßte. Sie ist eine Freundin von Schwiegermama und die beste Bänkelsängerin, die ich kenne - auch die bestgenährte. Bei unserem Erscheinen pries sie mich pflichtschuldigst in den höchsten Tönen, pries meine Familie und pries die Familientradition, die ich würdig fortführte, nämlich meiner Frau zu Tabaski den größten Ziegenbock des Viertels zu kaufen. Modou und sein Schaf Genauso pflichtschuldig gab ich ihr ihren Sängerlohn. Dann wurde angekleidet. Für die Feier hatte man mir Papas besten Grand Boubou geliehen, eine Kreation aus gut zehn Metern blütenweißen Damastes, reichbestickt und bretthart gestärkt. Dermaßen herausgeputzt Modou und Amina ging ich in die Moschee, um mir eine halbstündige Predigt in Wolof anzuhören, während der ich mich bemühte, meine Beine am Einschlafen zu hindern. Inmitten eines Grand Boubou auf dem Fußboden stillzusitzen stellte sich als gar nicht so einfach heraus. Beten war auch nicht leichter. Aufstehen, verbeugen, aufstehen, niederwerfen, hinknien, niederwerfen und wieder aufstehen, während ich mit einer dreilagigen Rüstung aus gestärkter Baumwolle kämpfte. Zu meiner Enttäuschung nahm kaum jemand von diesem Bleichgesicht Notiz, das da zum Beten in die große Moschee von Grand Dakar gekommen war. Die meisten Senegalesen sind viel zu höflich, um jemanden in der Öffentlichkeit anzustarren. Allerdings gab Cheikhou zu, daß er, wie die meisten anderen, schon neugierig war, was der Toubab nachher mit seinem Schaf anstellen würde.Nach dem gemeinsamen Gebet schlachtete der Imam sein Schaf direkt vor der Moschee. Ein Signal verkündete dieses Ereignis, und nun konnten auch alle anderen Gläubigen ihre Tiere schlachten. Wir gingen nach Hause, wo Babacar inzwischen begonnen hatte, am Straßenrand ein tiefes Loch für die Schlachtabfälle zu graben. In Dakar sind die meisten Seitenstraßen unbefestigt und von Gehsteigen ist keine Rede. Da die Stadt auf den Dünen am Atlantik gebaut ist, sind diese Straßen einfach Sandstreifen zwischen den Häusern, und steckengebliebene Autos gehören zum Lokalkolorit. An Tabaski gesellen sich zu den üblichen Gefahren noch die allgegenwärtigen Löcher. In der Abenddämmerung kann ein unachtsamer Fußgänger leicht hineintreten und bis zur Hüfte in Schafscheiße versinken.

Die Neffen hatten das Schaf in den Hof geführt und seine Beine gefesselt. Dieses Tier hatte nichts mit jenen niedlichen, vierbeinigen Wollknäueln gemeinsam, die ich aus Südtirol gewohnt war, und ich war froh, daß einige kräftige Männer zur Stelle waren, um es festzuhalten. Die Religion schreibt vor, daß man den Tieren unnötiges Leid ersparen soll, und in Dakar wird dieses Gebot auch respektiert. Das Messer war nagelneu und superscharf. Ich sorgte dafür, daß das Tier es nicht sah, während ich mit der linken Hand sanft nach der richtigen Stelle am Hals suchte. Ich murmelte leise "Bismillah - Im Namen Gottes" und durchtrennte mit einem entschlossenen Schnitt eine Halsschlagader und die Luftröhre. Tod eines Schafes Ohne abzusetzen schnitt ich die andere Schlagader durch und setzte das Messer nicht ab, bis ich die Arbeit sicher vollendet hatte. Die Neffen waren von meinen Fertigkeiten so beeindruckt, daß ich gleich auch die anderen zwei Schafe der Familie schlachten mußte. Sie wurden nacheinander hereingebracht, weil kein Tier zusehen darf, wie ein anderes geschlachtet wird. Nach zehn Minuten war alles vorbei. Ein bißchen komisch war mir am Schluß schon. Ich wusch das Blut ab und zog mich erst einmal an einen ruhigen Ort zurück, um Gottes Vergebung für die Tötung seiner Geschöpfe zu erbitten. Die kurze Meditation tat mir gut. An Tabaski geht es schließlich um die Erinnerung an das Beinahe-Opfer von Abrahams/Ibrahims Sohn, und ich verbrachte einige Zeit in Gedanken darüber, was man bei welcher Gelegenheit töten darf. Beruhigt kehrte ich zu den anderen zurück, die inzwischen begonnen hatten, die Tiere abzuhäuten Die lustigen Metzger und auszunehmen. Beim Metzgern Bald darauf begannen die Frauen Man kocht mit der Zubereitung des Festmahls. PommesGrillerei

Der Rest des Tages verging friedlich mit Essen, Trinken und vor allem Erholen, nur von einem nachmittäglichen Ausflug in die Moschee zum Freitagsgebet unterbrochen. Die Mädchen flochten sich gegenseitig die Haare, Babies wanderten von einem Schoß zum nächsten und Mère Ndaws Eisvorrat wurde gnadenlos geräubert.

Am nächsten Tag packten wir die nötigsten Sachen für vier Tage sowie alle Dokumente für eine mögliche Flucht und fuhren südwärts nach Nianing. Während wir uns von der Küste entfernten, stieg die Temperatur von 30° in Dakar auf 43° in der Küstenebene. Nach einer halben Stunde Fahrt erwartete ich, jeden Augenblick ein Hinweisschild auf den letzten Grashalm diesseits des indischen Ozeans zu sehen. Eine zeitlang bestand die Vegtation überwiegend aus Dornbüschen. Dann tauchten die Baobabs auf, erst einzeln, dann in Gruppen, bis wir durch einen ganzen Wald dieser eigenartigen Bäume fuhren. Um die Verdunstung einzuschränken, hat der Baobab nur winzige, kaum sichtbare Blätter. Die scheinbar kahlen knorrigen Äste sehen eher wie Wurzeln aus. Eine alte Legende sagt, daß der  Baobab, der mächtigste Baum der Schöpfung, so hochmütig geworden war, daß Gott ihn erzürnt aus dem Boden riß und verkehrtherum wieder hineinsteckte.

Um zwanzig nach zwei kamen wir im Club Aldiana an und wurden sofort mit dem teutonischen Management konfrontiert. Eine Woche lang hatten wir spätnachmittags zu Mittag gegessen, und jede Mahlzeit vor dem Frühstück ging als Abendessen durch. Hier mußte Mariétou zehn Minuten lang ihre zähesten Verhandlungskünste einsetzen, damit wir nach Ende der Essenszeit um 2.15 Uhr noch etwas bekamen. Mit der Zeit begriffen wir dann, warum das einheimische Personal uns so abweisend behandelte: es hielt uns für einen Toubab mit seinem Urlaubs-Eingeborenen-Mädchen, komplett mit unehelichem Nachwuchs. Als klar wurde, daß wir wirklich verheiratet waren, und nicht nur auf dem Papier, und nachdem ich den Portier mit der Frage nach einem Gebtsteppich in Verlegenheit gebracht hatte, den er nicht besorgen konnte, gehörten wir zur Familie. Fürs Gebet besorgte uns übrigens ein Mitarbeiter zwei extra-Badetücher, die den Zweck erfüllen, unter Umgehung des komplizierten Gutscheinsystems für Badetücher.

Koffer auspackenIch kann stehen!Aldiana beachNoch mehr beach

Wir versuchten gar nicht erst, mit dem Clubrhythmus mitzukommen. Bogenschießen von 8.00 bis 8.30, Step-Aerobic von 8.30 bis 9.00 und nachmittags frohlocken. Ab und zu studierten wir die Stundenpläne vor dem Speisesaal und beschränkten uns dann auf jene Unterhaltungen, die zufällig in unserer Nähe organisiert wurden. Einmal segelte ich eine Stunde mit einem Hobiecat herum, ein andermal überredete ich Mariétou zum Fallschirm-Segeln,Parasail shooting und damit war unsere Amüsierwut erschöpft. Aminata genoß die Fahrt mit dem Motorboot, während Mama am Fallschirm hinter uns her flog. High as a kite Die anstrengendste Unternehmung, zu der wir uns hinreissen ließen, war ein Ausflug in ein benachbartes Peul-Dorf. Im Peul-Dorf
Das Beste am ganzen Club war eindeutig das Essen. Sofern man pünktlich erschien, konnte man sich nach Belieben und auf hohem Niveau durch die senegalesische, französische und italienische Küche durchfuttern. Meistens aßen wir zwei oder mehr Fischgerichte, und meine Frau wird sich noch jahrelang die Liste all der Desserts anhören müssen, denen ich heldenhaft widerstanden habe.

An unserem erten Tag im Club hatten wir ein libanesisches Paar kenngelernt, mit einer Tochter, die gerade ein bißchen älter als unsere Aminata war, und wir trafen uns regelmäßig beim Essen. Am Wahlsonntag wurden die Libanesen von Stund zu Stunde oppositionsfreundlicher und versicherten jedem, der es nicht hören wollte, wie dringend das Land Sopi brauche - Veränderung. Gegen Mitternacht kamen die ersten Hochrechnungen heraus: ein klarer Sieg für den Herausforderer. Das deutsche Clubpersonal hatte keinen rechten Durchblick. Ein Mädchen aus meiner Heimatstadt Regensburg, die im Animationsteam arbeitete, war völlig ahnungslos. Das Management hatte ihnen erzählt, nach dem ersten Wahldurchgang sei alles vorbei. Die einheimischen Mitarbeiter dagegen waren in Hochstimmung; nur Leopold Senghor, der Kellner, der seinen Namen und seine Haimatstadt Joal mit dem ersten Präsidenten Senegals teilt, hatte Bedenken. Wades Sieg war so deutlich, daß Diouf sich geschlagen gab. Am frühen Montagmorgen, noch vor der Bekanntgabe des amtlichen Ergebnisses, rief er Wade an, um ihm zu gratulieren. Wade seinerseits gab ein Zeichen der Versöhnung und besuchte Dioufs Mutter, als er aus Touba zurückkam, wo er seinen religiösen Mentor Serigne Saliou Mbacke besucht hatte (das ist der Onkel von Mame Mor Mbacke, der im Januar unsere Fat'tall geheiratet hat). Damit ging der Senegal als die erste französische Ex-Kolonie in Afrika in die Geschichte ein, in der die Regierung durch demokratische Wahlen abgelöst wurde.

Wir ließen die Geschichte weitergehen und organisierten unsere Rückkehr nach Dakar. Ibrahima holte uns am nächsten Tag ab. Inzwischen war auch unser Koffer am Flughafen angekommen. Unsere Nachbarin aus Waiblingen hatte uns die Frachtbriefnummer per e-mail geschickt, das wir im nächsten Cyber-Center abriefen. Letztere findet man in Dakar mittlerweile an jeder Ecke. Vor einigen Jahren öffneten unternehmerische Leute private Telefonzellen, um dem Mangel an öffentlichen abzuhelfen. Mit einem Telefon und einem Gebührenzähler war man im Geschäft. Während sich manche mit einem zweiten Apparat nebst Zähler begnügten, boten ander bald Fax, Kopierer und Textverarbeitung an. Den PC ans Netz zu hängen war der logische nächste Schritt. Zwei Minuten von Aminatas Wohnung ist ein kleiner Laden, in dem Leute vor den beiden Computern Schlange stehen und teilweise noch die Unterstützung des Inhabers brauchen für das eigentliche Tippen. Im Zenrum von Dakar findet man dann technisch hochgerüstete Cyber-Cafes. Die Senegalesen haben im Umgang mit dem Computer einen großen Vorteil: ihre Einstellung zur Zeit. Mit genug davon zur Verfügung können sie die tausend kleinen Hürden überwinden, die seine Monopolität Bill Gates zwischen uns und die Kisten auf unseren Schreibtischen gestellt hat.

Bei unserem Gepäck allerdings half uns alle Technologie nicht weiter. Zwar hatten wir seinen Aufenthaltsort im Frachtterminal des Dakarer Flughafens herausgefunden, aber es herauszubekommen war kein Kinderspiel. L konnte uns auch nicht helfen, weil er sich nach dem Regierungswechsel vorsichtshalber an seinem Arbeitsplatz aufhielt. Schließlich nahmen wir die Hilfe eines der örtlichen Geier in Anspruch, die einem für zwei Mark fünfzig die Bürokratie erledigen. Ein anderer Freund, der am Flughafen arbeitet, versprach uns, den Koffer nach Hause zu bringen. Ich gebe zu, daß ich, bei aller Nonchalance, mit der ich im Senegal herumlaufe und mit Boubous und Francs angebe, keine fünf Minuten im Land überleben könnte ohne Mariétou und ihre Legionen von Verwandten und Freunden.

Am Ausgang des Frachtgebäudes trafen wir eine senegalesische Freundin aus Deutschland, die - welch Zufall - dort ihr Gepäck holen kam, daß sie mit Luftfracht schicken mußte. Nach einem Kaffee-Touba beim fliegenden Kaffee-Touba-Verkäufer fuhren wir zurück in die Stadt.

Nach unserem Badeurlaub hatten wir uns um zwei wichtige Dinge zu kümmern: das Haus der Eltern und den Lastwagen. Mama und Papa waren zur Pilgerfahrt in Mekka und sollten bei ihrer Rückkehr in zwei Tagen ein tiptop renoviertes Häuschen vorfinden. Der Maler war schon heftig am Schaffen, und so saß die Familie in der Mitte des Zimmers zwischen den verrückten Möbeln. Auf einem großen Bettuch trocknete Couscous, das die ganze Woche über von Hand gerollt worden war. Die Wohnung war nicht wiederzuerkennen. Was vorher eine saubere, aber düstere Behausung gewesen war, erstrahlte nun in leuchtenden Farben. Die Wände waren mit neuen Gardinen behängt, und bald sollten neue Möbel die nötige Würde für eine Adya und ihren Hajj ausstrahlen.

Wegen des Lastwagens rief uns L anderntags ziemlich verlegen an. Das Schiff war angekommen und auch entladen worden, und das Auto mußte irgendwo im Hafen sein, aber sie konnten es nicht mehr finden - könnte ich vielleicht einmal vorbeischauen und suchen helfen? Nach den üblichen Vorbereitungen - mehrere Anrufe, L in seinem Büro aufsuchen, noch ein paar Anrufe, einen Freund suchen, den nicht finden, trotzdem hinfahren - machten wir eine Rundfahrt durch den Güterhafen von Dakar, auf der Suche nach einem einst leuchtendroten Lieferwagen der Marke Mercedes, bis zur Grenze (und leicht darüber hinaus) vollgeladen mit wertvollen Gütern, die man in Dakar nicht bekommt: italienische Fliesen, deutsche Kloschüsseln und amerikanische Windeln. Nach einer halben Stunde fanden wir das Gefährt auf einem der zahlreichen Parkplätze und inspizierten den Schaden. Die Vorhängeschlösser waren schon mal geklaut - ein guter Anfang. Die Trennwand zwischen Fahrerkabine und Laderaum, deren Einbau mich einen halben Sonntagnachmittag gekostet hatte, war herausgerissen. Die Diebe hatten den Inhalt komplett umgewühlt, aber Gott sei Dank nicht viel gefunden, was sie brauchen konnten. Nach einem ersten Augenschein fehlte eine Schachtel mit Gläsern und die Babywindeln. Offenbar ging dieses Gaunerstück auf das Konto der Matrosen, die die größeren Teile nicht wegtragen konnten.

Am späten Nachmittag fuhren wir zum Flughafen, um unsere Eltern am Pilgerterminal abzuholen. Wir hatten längst den Überblick über die Verspätungen der Pilgerflüge verloren, die seit dem Vortag im Radio durchgegeben wurden, deshalb fuhren L und ich auf gut Glück zum Flughafen. Der dritte Flug war für funf Uhr angekündigt. Das Gelände vor dem Terminal war von Familien bevölkert, die auf die Heimkehr ihrer Lieben warteten. Niemand wurde in das Gebäude hineingelassen. L fand einen Kollegen vom Zoll, der ihn doch durchließ, und sagte mir, ich solle beim Auto warten. Eine Stunde lang passierte gar nichts. Dann kamen ein oder zwei Leute aus dem abgesperrten Bereich heraus. Nach einer Weile kamen noch ein paar. Eine halbe Stunde später kam schließlich ein stetiger Strom von Menschen aus der Halle. Die Familien heraussen wurden immer ungeduldiger, aber Militär ließ niemanden hinein. Um halb neun kam L endlich mit meinen Schwiegereltern heraus. Mariétou und Aminata waren inzwischen mit ein paar von den Kindern angekommen. Mama und Papa waren von der Reise völlig erschöpft, aber die Freude über die vollendete Pilgerfahrt hielt sie frisch. Wir waren ziemlich besorgt um sie gewesen, vor allem um Papa. Er hatte vor zwei Jahren einen Schlaganfall gehabt und hatte die Pilgerfahrt erst nach intensiver Rücksprache mit seinem Arzt unternommen. Aber der Gedanke, nach Mekka zu fahren, hatte ihm unerwartete Kräfte verliehen. Schon Monate vorher hatte er seine Ernährung umgestellt und, zur Erheiterung der Familie, zu trainieren begonnen. Ich hatte ihn in der Tat nie in so guter Verfassung und so guter Laune erlebt wie jetzt, als er in seinem prächtigen Boubou und mit seinem nagelneuen goldseidenen Fez vor mir stand. Die Frauen fielen sich weinend in die Arme. Eine halbe Stunde später waren wir zu hause, wo schon ein Festmahl auf uns wartete. Papa stieg allerdings sofort auf das Hausdach, Pape Abib um all die Gebete nachzuholen, die er auf der Reise versäumt hatte. Mama unterhielt inzwischen die Familie mit den Erzählungen ihrer arabischen Abenteuer. Mere Ndaw In Arafat hätten sie die drängelnden Pilgermassen beinahe über die Brüstung gestossen, und nur das beherzte Eingreifen eines kräftigen Wallfahrers hatte ihr Leben gerettet.

Zu meinem Bedauern konnte ich nicht bei ihnen bleiben, weil ich um Mitternacht meinen Rückflug erreichen musste. Von der Wohnung unserer Eltern fuhren wir zurück zu Aminata, wo inzwischen unser Koffer eingetroffen war (zur Erinnerung: jener Koffer, den unsere Nachbarin zwei Wochen vorher per Luftfracht aufgegeben hatte). Der Inhalt wurde grösstenteils in einen anderen Koffer umgeladen, den ich wieder mit nach hause nahm. Diesmal kamen wir ausnahmsweise pünktlich zum Flughafen. In der Abflughalle drängten sich Senegalesen, die nach Tabaski mit der Familie zu ihren Arbeitsplätzen in Europa zurückkehrten. Ich war vermutlich der Passagier mit dem geringsten Gepäck, aber trotzdem checkte die Dame am Schalter meine Trommel nur widerwillig ein. Die Passkontrolle war eine höchst peinliche Prozedur. Während wir Europäer unseren Kontinent zu einer Festung umbauen, werden Reisende ohne gültige Dokumente umgehend an ihren Abflugort zurückgeschickt, auf Kosten der Fluglinie, die sie gebracht hat. Als Konsequenz ist die Passkontrolle beim Abflug strenger als die bei der Ankunft. Mit gemischten Gefühlen kehrte ich in die Welt effizienter Xenophobie zurück, wo italienische Grenzpolizisten die Leute beleidigen, die in ihr Land kommen um zu arbeiten und Steuern zu zahlen, die den Kollaps der Sozialversicherung aufschieben helfen, indem sie Rentenbeiträge zahlen, ohne jemals die nötigen Beitragsjahre erreichen zu können, um auch nur eine Lira Rente zu beziehen.

Jetzt saß ich wieder allein zu hause - das andere Zuhause von meinen beiden, weit weg von meiner Familie und meinem Bruder, von links: Marietou, Modou, Papa Mor Talla, Bruder Ibou nahe bei meiner Familie und meiner Schwester, vonlinks: Günter, Aminata, Hans, Lilli, Schwester Evi während meine Familie noch bei der Familie war. Mariétou und die kleine Aminata blieben noch zwei Wochen in Dakar, um Zeit mit Mama und Papa zu verbringen, um der großen Aminata zu helfen und um Fadels Ausreise zu organisieren. Zwischen zwei Zuhausen, zwei Familien, zwei Welten, wo ich mich immer nach der sehne, die ich gerade verlassen habe, tat ich das einzig Vernünftige: ich fuhr heim nach Südtirol, um im Vinschgau Skitouren zu gehen.

Aufstieg zur MartellspitzeGipfelanstiegEin Senegalese in SüdtirolDie rote Spur ist meine
Alle Fotos von mir, außer (1) Le nouvel Afrique-Asie.


Noch'n paar links:

Über Afrika und Senegal:

* Eine nette Seite auf Englisch und Französisch, von einem Menschen, der ein paar Jahre dort gelebt hat
* Die Afrikanismus-Seite der Uni von Pennsilvania - was für Neugierige
* Die offizielle Seite der Regierung des Senegal
* Ein Afrikanisches Portal
* Der erste Internet-Provider in West-Afrika
* Noch eine Zeitung
* Nachrichten aus dem Senegal (nicht nur)
* Eine Zeitschrift mit einem Bericht über die Wahlen in Nr. 27

Über Hadsch and Mouridismus:

* Die Familie des Serigne Touba
* Englischsprachige Informationen über Mouridismus
* Weiter Informationen, mit Schwerpunkt auf Senegalesen in Italien
* Reihenweise Links über Touba