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6) Berufliche Integration der Hörgeschädigten -

ein historischer Abriß

Ronny Bohms

 

6.1. Einführung

Berufliche Integration von Hörgeschädigten - umschreibt treffend das eigentliche Problem und gleichzeitig auch die Hoffnung der Betroffenen auf dessen Lösung in der heutigen Zeit.

 

Als mit Ende des 19. Jahrhundert die Berufsbildung in Deutschland zunehmend gesellschaftlich institutionalisiert und organisiert wurde, geschah dieses vor allem nach den Maßgaben und den Bedürfnissen der Nichtbehinderten als dem größten Teil der Bevölkerung in der Gesellschaft.

Sehr schnell erkannte man, daß diese neue Form der Berufsbildung für Behinderte die Ausgrenzung bedeuten würde und noch im 19. Jahrhundert wurden die ersten organisierten, sonderpädagogischen Berufsbildungsprozesse für " Taube und Stumme " beschrieben.

 

Seit 1945 hat sich in ganz Deutschland auch ein Sonder-Berufsschulwesen entwickelt, welches u.a. auch weitgehend auf die Belange von Hörgeschädigten abgestimmt ist.

Unsere Gesellschaft hat jedoch nach wie vor große Probleme den nächsten und wichtigsten Schritt zu gehen - die Eingliederung der hörgeschädigten Menschen in den ersten Arbeitsmarkt.

 

In der Literatur ist über das Thema " Berufsausbildung " oder " berufliche Integration von Hörge- schädigten " in der Geschichte sehr wenig Material zu finden.

Die vorliegenden Aussagen berücksichtigen einige der wenigen Literaturangaben, stützen sich aber überwiegend auf persönliche Erfahrungen und mündliche Überlieferungen von Zeitzeugen oder berücksichtigen Archivmaterial von Schulen und Berufsbildungswerken.

 

 

6.2. Geschichtlicher Überblick

6.2.1. Die Zeit vor 1945

Berufliche Integration von Hörgeschädigten spielte als formuliertes Problem geschichtlich gesehen bis in das 19. Jahrhundert hinein in Deutschland keine große Rolle.

Junge Menschen gingen damals in eine Lehre, die hauptsächlich praktischen Ausbildungsinhalten folgte.

Praxis ermöglicht Anschauung und Anschauung ist auch heute noch eine der erfolgreichsten Methoden in der Pädagogik für Hörgeschädigte. Man kann also davon ausgehen, daß bei der Berufsausbildung der hörgeschädigten Lehrlinge bei etwas gutem Willen nur kleine und durchaus beherrschbare Probleme existierten.

Handwerkliche Arbeit, damals Inhalt des größten Teils der angebotenen Arbeitsplätze, gab es genug. Selektion auf Grund einer zu geringen Anzahl von Arbeitsplätzen war nicht nötig.

Uns ist bei unseren Nachforschungen kein direkt beschriebenes Beispiel bekannt geworden, in dem hörgeschädigte Menschen auf Grund ihrer Behinderung in der damals vorherrschenden Berufsausbildung und Berufsausübung benachteiligt worden wären.

Trotzdem möchten wir diese Aussage relativieren.

 

 

Aus der Geschichte ist bekannt, daß hörgeschädigten Kindern in Deutschland selbst bis in das 20. Jahrhundert hinein nicht unbedingt die damals übliche Schulausbildung flächendeckend angeboten wurde. Wir gehen deshalb davon aus, daß bei vielen hörgeschädigten Kindern und Jugendlichen ein Defizit an damals notwendiger Schulbildung vorherrschte. Auf Grund dieser Tatsache ist davon auszugehen, daß es für die Masse der Hörgeschädigte zwar Arbeit gab, diese Tätigkeiten jedoch meist " niederer " Art waren. Indirekt wird das auch in alten schriftlichen Überlieferungen bestätigt.

 

Otto Benjamin Lasius, Superintendant zu Burgdorf im Zellischen schrieb dazu 1775 in seiner "Ausführlichen Nachricht von der geschehenen Unterweisung der taub und stumm gebohrnen Fräulein

von Meding..." von dem Willen der Eltern des hochwohlgeborenen Fräuleins, ihr das wohl auserwählte

Schicksal nicht als unabänderlich erscheinen zu lassen.

Wörtlich führte er u.a. dazu auf Seite 9 aus: " ... die Absicht hat, ein solches Kind der menschlichen Gesellschaft nützlich und zum Umgange mit anderen geschickt zu machen; wenn man ihm auch noch eine Kenntnis von Religion, Geographie, Rechenkunst und andere durch das Schreiben mittheilbaren Wissenschaften, beybringen will, und dabey zufrieden ist, daß es sich, wo nicht schön, jedoch verständlich ausdrücke,..."

 

Ähnlich äußerten sich die Verfasser mehrerer Schriften aus dieser Zeit. So können wir auch in einer Schrift über/von Johann David Solbrigs, Prediger in der alten Mark mit dem Titel " Bericht, von der Unterweisung zweyer tauber und stummer Personen, denen er im Jahre 1727 den Verstand des ganzen Catechismi beygebracht. " Ähnliches nachlesen. Wie der Titel auch ausführt, ging es neben der Lehre zum Zweck der Heranführung an gesellschaftlich notwendiges Wissen auch - und manchmal hauptsächlich - um die christliche Erziehung und Unterweisung - und zwar auf Wunsch der meist begüterten Eltern der hörgeschädigten Kinder und Jugendlichen.

 

Das war aber nicht überall so.

Es gab bereits im 19. Jahrhundert einige erfolgreich arbeitende weiterführende Bildungseinrichtungen für Taubstumme auf der Welt.

So ist in " Neue Blätter für Taubstummenbildung ", der Fachzeitschrift für Taubstummenlehrer, in der Ausgabe vom Mai 1963 ein Bericht über erfolgreiche taubstumme Absolventen höherer Bildungseinrichtungen in den USA zu lesen. Man bezieht sich dabei auf den Zeitraum ab 1871.

Es wird dort berichtet, daß insgesamt 1041 Taubstumme in höheren Berufen arbeiten.

Das sei gelungen bei genügend langer Ausbildungszeit von bis zu 27 Jahren, bei entsprechend kleinen Klassen von 5 - 8 Schülern, bei der Anwendung der passenden Methoden und bei günstigen organisatorischen und schulischen Voraussetzungen.

Der Autor des Artikels unterstreicht hier auch die gegenüber seinem Heimatland Deutschland sehr gute Arbeit der Berufsbildungseinrichtungen in den Vereinigten Staaten.

 

Auch in Deutschland entstanden in der Zeit um 1900 viele neue Berufe, die immer mehr theoretische Kenntnisse verlangten.

In dieser Zeit verzeichnen wir eine zunehmende berufliche Ausgrenzung der Hörgeschädigten durch die fehlende Struktur einer organisierten, flächendeckenden sonderpädagogischen Berufsausbildung - gleich der von hörenden, nichtbehinderten Jugendlichen.. In den folgenden wirtschaftlichen Krisenzeiten fiel dann auch erstmals der hohe Anteil an erwerbslosen hörgeschädigten Menschen auf.

 

 

6.2.2. Die Zeit nach 1945

Grundlegende Änderungen erfuhr die Situation dann auch erst nach dem Ende des 2. Weltkrieges in beiden Teilen Deutschlands.

Vor allem kirchliche Träger organisierten relativ schnell Ausbildungslager unterschiedlichster Art.

Als Beispiel könnte die Berufsausbildungsstätte in Husum dienen. Sofort nach dem Krieg entstand diese Einrichtung, die der beruflichen Wiedereingliederung von Kriegsversehrten und Behinderten diente. Heute noch ist es in Deutschland eines der größten Berufsbildungswerke für Behinderte allgemein, gemeinsam getragen durch kirchliche und staatliche Institutionen.

 

In ganz Deutschland entwickelten sich nach 1945 zügig dem Bedarf entsprechende Schul - und Berufsschuleinrichtungen mit speziell ausgebildeten Lehrkräften. Sowohl in der BRD als auch in der DDR bemühten sich die Verantwortlichen, es nie zu einem Mangel an Ausbildungsplätzen für Hörgeschädigte kommen zu lassen.

In den meisten Bundesländern entwickelten sich um 1950 herum sogenannte Bezirksklassen, über die Dr. Otto Schmähl, einer der führenden deutschen Taubstummenlehrer nach dem 2. Weltkrieg und seit 1953 Direktor der Landesgehörlosenschule Dortmund 1955 in "Neue Blätter für Taubstummenbildung", Heft März/April schrieb: " Einem Vergleich mit Berufsschulklassen für Hörende können die Bezirksklassen für Gehörlose nicht standhalten, denn:

a) es werden nicht alle jugendlichen Gehörlosen erfaßt,

b) sie werden nicht nach Berufen getrennt unterrichtet,

c) sie werden nicht nach Lehrjahren getrennt unterrichtet.

 

Insgesamt erkennt man in der betreffenden Zeit aber deutliche Bemühungen, die Berufsausbildung der Gehörlosen zu optimieren.

Die Eingliederung in den Arbeitsmarkt erfolgte danach allerdings in den beiden deutschen Staaten unterschiedlich - dem System entsprechend. Offiziell gab es in der DDR keine hörbehinderten Arbeitslosen, wogegen in der BRD der Anteil an hörbehinderten Erwerbslosen der wirtschaftlichen Situation entsprach, aber immer schon höher war als die vergleichbare Arbeitslosenquote der hörenden Bevölkerung.

Die Berufsfindung von Hörgeschädigten, speziell von Gehörlosen ist heute ein, bis zum Zeitpunkt der Erlangung des Berufsabschlusses, recht erfolgreich verlaufender Prozess. Kritisch anzumerken wären hier vor allem aber 2 Punkte.

1) Gehörlosen wird eine Palette von nur 46 möglichen Berufen angeboten. ( Stand Januar 1999 )

Im Vergleich dazu steht die ansprechende Zahl von über 400 Berufswahlmöglichkeiten für nichtgeschädigte Jugendliche.

2) Neue Berufe mit überdurchschnittlich guten Vermittlungschancen auf dem Arbeitsmarkt gelangen zu langsam in das Ausbildungsprogramm der entsprechenden Berufsbildungswerke.

Für Gehörlose stehen in Deutschland nur 8 Berufsbildungswerke mit ausgebildeten sonderpädagogischen Berufsschullehrern zur Verfügung, nichtgeschädigte Jugendliche können fast an jedem Ort der Republik ihren Beruf erlernen.

 

 

Viel schlechter aber noch verläuft der Eingliederungsprozeß der Hörgeschädigten in  den

1. Arbeitsmarkt.

Als Anschauung mag dabei der folgende Sachverhalt dienen. Geht man in Sachsen-Anhalt von einer durchschnittlichen Arbeitslosenquote von ca. 21 % aus, dann beträgt sie bei gehörlosen Erwachsenen schon ca. 75 %. Vergleichbare Situationen herrschen auch in den anderen Bundesländern.

Angesichts dieser Zahlen erscheinen die Bemühungen im direkten Berufsfindungsprozeß bei Hörgeschädigten schon fast makaber.

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