Make your own free website on Tripod.com
Da bin ich wieder. Zur Belohnung für alle die, die mir trotz einer ganzen Tagebuch-freien Woche auch weiter hin die Treue halten, hier das neue

KÖPENICK-SPECIAL-DOUBLE-FEATURE

Teil 1.

Also dass mit den doppelt ausgestellten Tickets hab ich ja gerade noch so hingekriegt. Ist eigentlich in Schweden nicht üblich, dass man als Privatperson von einer Firma irgendwie wieder was rauskriegt. Aber ich hab mir das auch schwer verdient. Freundlich und immer höflich, aber ohne Atem zu holen und ohne ihr Gelegenheit zu lassen, auch nur einen Piieps zwischendrin einzuwerdfen, habe ich die Dame am anderen Ende des Telefons so lange zugemüllt, bis sie nur noch ein Häuflein Elend war. Eigentlich wollte mich der Geschäftsführer noch zurückrufen. Aber das hat er sich wohl nicht getraut und als ich dann zwei Stunden später noch mal angerufen habe, hat mir Linda zerknirscht mitgeteilt, dass alles in Ordnung sei und ich könne das Ticket zurückschicken.

Fast genauso sehr wie über das gerettete Geld habe ich mich über den Erfolg meiner Unwiderstehlichkeit gefreut.

Der Weg von meiner neuen Wohnung zum Flughafen nach Årlanda wä,re eigentlich nicht so kompliziert, wenn auch wesentlich länger als von meiner alten Wohnung. Auch wenn man miteinberechent, dass sich Pendeltåg und Anschlusszug genau um drei Minuten verpassen, müsste eigentlich eine Stunde ausreichend sein. Aber als mehrfach gebranntes Kind kalkulierte ich sicherheitshalber mal dreieinhalb Stunden ein, und so falsch lag ich damit gar nicht.

Der Pendeltåg bis Stockholm Süd ging noch planmäßig. Aber der Anschlußzug war einfach ausgefallen. Keine Begründung, kein gar nix. Kam einfach nicht. Nachzufragen war nicht möglich, da der Fahrkartenschalter nicht besetzt war. Als ich dann den Schaffner im nächsten Zug fragte, ob nicht um 11.52 auch ein Zug nach Årlanda hätte gehen sollen, schaute der mich verständnislos an. Es gingen so viele Züge, er wüsste wirklich nicht. Zwischendurch hatten wir dann noch einen längeren Aufenthalt auf freier Strecke, weil ohne erkennbaren Grund eine Tür aufgegangen war, aber immerhin kam ich noch gut eine Stunde zu früh an. Trotzdem, wenn ein Zug ausfällt, hätten ja auch genau so gut zwei ausfallen können, deshalb hatte ich keineswegs das Gefühl, übertrieben früh losgefahren zu sein.

Danach ging eigentlich alles verhältnismäßig gut. Das heisst, es geschah nichts aussergewöhnliches. Ich langweilte mich zwei weitere Stunden auf dem Flughafen von Kopenhagen, bis ich dann in den Bus stieg, der mich zum Flugzeug nach Berlin brachte.

Da traf mich schier der Schlag. Einen SAS-Flug hatte ich immerhin gebucht. Was mich aber vom Heck des Fliegers angrinste, war nicht das seriöse Streifen-Logo, sondern ein kämpferischer, roter Wikinger-Helm. Und es war auch nicht das Heck eines Airbus, nicht mal einer Boeing oder DC-10, nein es war eine obskure zweimotorige Propellermaschine. Vielleicht eine bei Aeroflot ausgemusterte Iljuschin. Am Eingang musste ich mein Handgepäck abgeben, wäre zu groß für diesen Seelenverkäufer gewesen. Die bittere Ironie in meiner Frage, ob ich richtig sei zum Flugzeug nach Berlin verstand die Stewardess ü,berhaupt nicht. Ich werde mit Cimber-Air fliegen und Cimber-Air fliege im Auftrag der SAS.

Es half alles nichts, ich musste ja nach Berlin. Die ältere Dame neben mir, die im schlimmsten Fall ja nicht mehr viele Jahre zu verlieren gehabt hätte, beruhigte mich, "dat is noch de jute alte Mechanik. det vaastehn di Pilotn weenigstns noch."

Nett auch die beiden Stewardessen, die sich, wenn sie den Gang auf und abgingen, immer an den Gepäckregalen festhielten.

Als ich dann in Tegel ankam, war es immerhin schon fast zehn Uhr abends. Von dort ging es mit Bus und S-Bahn bis zum S-Bahnhof Köpenick ziemlich reibungslos. Noch gute zehn Minuten Fußmarsch bis zur Lindenstraße - kein Problem. Dann kam der erste Schocker. Das Hotel "Lindengarten" sollte in der Lindenstraße 56 sein. Aber eine Lindenstraße 56 gab es nicht. Ich ging beide Straßenseiten zweimal auf und ab. Da sich ungerade und gerade Hausnummern auf der selben Straßenseite miteinander mischten, dachte ich, warum soll es dann nicht noch mehr Unkonventionalitäten geben, und die Nummer 56 an einem besonders geheimen Ort versteckt sein. Inzwischen war es elf Uhr, und - eher ungewöhnlich für Berlin - schon sehr ruhig auf der Straße. Ich fragte einzelne Passanten mit Hund, die wussten auch nicht weiter. Sie wussten zwar alle, wo das ehemalige Postamt ist, und die katholische Kirche, aber Nummer 56? Nee! Ich sollte mal den Busfahrer fragen, der Bus müsse in fünf Minuten kommen...

Sicher eine gute Idee. Busfahrer müssen eigentlich Hausnummern auswendig wissen. Und Hotels, die man nicht von der Straße aus sieht, kennen sie sicherlich auch. Und überhaupt freuen sich die Fahrer von Linien-Omnibussen mit festem Fahrplan über so eine kleine Unterbrechung der Berufsroutine, wenn sie mit Leuten, die gar nicht Bus fahren wollen, über Hausnummern ein wenig klönen können. Vielleicht können sie mir ja auch ein Postamt empfehlen, dass es nicht mehr gibt, oder eine Kirche.

Als ich die Hoffnung, mein Hotel mit Hilfe der einheimischen Bevölkerung ausfindig zu machen aufgegeben hatte, suchte ich nach einem Telefonhäuschen. Gab es auch nicht. Auch Liebespäärchen und Hundehalter wussten hier nirgends eines, ebenso wenig die Wartenden an der Haltestelle ("Frangse doch mal'n Busfahrer - der wees'et vülleischt"), aber zum Glück erbarmte sich ein Döner-Kebap-Wirt und ließ mich sein Telefon benutzen.

Die Lösung des Rätsels war, dass es in Köpenick ja nicht nur eine Lindenstraße gibt. Das hat nicht etwa mit West- und Ostberlin zu tun (beide Lindenstraßen liegen in Ostberlin, was nicht ausschliesst, dass es vielleicht in Westberlin auch noch ein paar gibt). Vielleicht waren Lindenstraßen nach der beliebten Fernsehserien so populär, dass die Leute überall eine Lindenstraße haben wollten. Der leise Wirt erklärte mir den Weg zu der anderen Lindenstraße - also erstmal zurück zur S-Bahn, dann mit der S-Bahn bis nach Erkner (Endstation) von da an mit dem Bus Nummer 611...

Es war inzwischen fast halb zwölf und ein Bus mit einer so hohen Nummer würde bestimmt nicht mehr gehen. Vielleicht würde die S-Bahn auch schon gar nicht mehr fahren. Und überhauupt müsste ich das ganze Stück bis zur S-Bahn wieder zurücklaufen, und ich war eh' am anderen Ende der Lindenstraße. Geiz hin oder her, ich beschloss, mir ausnahmsweise mal ein Taxi zu genehmigen.

Das ist leicht gesagt. In Köpenick gibt es an einem Samstag abend um halb zwölf nicht mal Taxis. Ich musste geschlagene fünfzehn Minuten warten. Als ich die Taxifahrerin bat, für mich diese andere Lindenstraße herauszufinden, war sie schon nach fünf Minuten Suchen so verzweifelt, dass ich mir gedacht habe, in meiner Situation wär sie wohl schon längst heulend auf dem Boden zusammengesunken.

Und dass, obwohl sie eh' die ganze Zeit die Uhr laufen hatte.

Schließlich fanden wir dann auch diese Lindenstraße, war alles gar nicht so schlimm, und um kurz nach zwölf und vierzig Mark leichter kam ich dort an. Wir hatten im Taxi ein angeregtes Gespräch, dass um die zwei Brennpunkte ellipsierte, dass man einerseits auch in zentralerer Lage ein nettes Hotel hätte finden können (sie), dass ich andererseits ja nicht wissen konnte, dass dieses Hotel so peripher gelegen war (ich).

Die nächste Überraschung kam dann, als ich vor dem Hotel Lindengarten stand. Ich hatte mir eigentlich eine eher spießige Herberge, von einem älteren Ehepaar geleitet, gewünscht, mit vergilbten Rosentapeten, beim Frühstück unter Hirschgeweihen sitzend. Deshalb hatte ich nicht damit gerechnet, dass das Hotel Lindengarten von Vietnamesen geführt wird, in funktioneller Einheit mit einem chinesischen Lokal. Andererseits waren die Vietnamesen natürlich auch nicht schlecht. Der Portier sagte mir bei der Anmeldung (er war übrigens nicht nur Portier), er habe schon am Telefon erkannt, dass ich aus Bayern komme, so aus der Gegend um Dresden etwa. Ich wollte es mir nicht schon am ersten Tag verderben und wich einer Antwort aus. Von aussen sah das "Lindengarten" eigentlich nicht nach Lindengarten aus, aber dafür war es rundherum von Lindengärten umgeben, und das ist ja die Hauptsache. Wir gingen über den Hof zum Rückgebäude, in dem mein Zimmer lag, und dabei stolperte ich mehrmals fast ü,ber runde Betondeckel, was ich unter normalen Umständen sicher schnell wieder vergessen hätte, worauf ich aber noch mal werde zurückkommen m¨ssen.

Herr Nguyen sperrte mir die Tür zu meinem Zimmer auf und wich erst mal erschrocken einen Schritt zurück, tat aber dann etwas zu auffällig so, als hätte er die große dunkelbraune Hauswinkelspinne nicht bemerkt, die ungefär einen Meter ü,ber dem Bett an der Wand saß. Tse Tse, den Ho-Tschi-Minh-Pfad und die Tet-Offensive überlebt, aber Angst vor Spinnen! Ich werd mal bei Gelegenheit an den CIA schreiben, dass sie doch beim nächsten Vietnamkrieg Spinnen über der vietnamesischen Armee abwerfen und den Feind damit in die Flucht schlagen sollten.

Freundlicherweise sperrte Herr Nguyen sein Restaurant extra für mich noch mal auf. Es war lustig, es sah genau so aus, wie die chineschischen Restaurants in Stockholm. Genau die gleiche achteckige Milchglaslampe mit der "Messing"-Fassung, den roten Quasten und den Blumen-Motiven. Die gleichen Kunststoffplatzdeckchen mit schönen Bildern, die sicher historische Begebenheiten darstellen, etwa "Lao-Tse erläutert der neunzehnten Nebenfrau des Kaisers Ming das Gleichnis vom dreibeinigen Pferd." oder "Die Hofdame Mai-Ling erklärt ihrer Nichte am Beispiel eines zufällig vorbeischwimmenden Entenpaares die Freuden der Liebe." Aussergewöhnlich dagegen der Hausaltar aus Pappmaschee auf dem Fußboden mit Schälchen, in denen echter Reis war.

Kitsch hin oder her. Ich war Herrn Nguyen zu Dank verpflichtet, denn ich wäre sicher verhungert. (Obwohl er mir ja auch schon vorher hätte sagen können, dass es in Köpenick zwei Lindenstraßen gibt) Deshalb lobte ich über alles das Huhn mit Broccoli und chinesischen Pilzen, dass auf das Haar genau dem Huhn mit Broccoli und chinesischen Pilzen glich, dass ich schon von Stockholm gewohnt war, nur überraschte mich, dass die Portion 1,5 mal so groß war. Ich hätte schwören können, dass die chinesischen Restaurants dieses Gericht in Portionsbeuteln beziehen. Um mir eventuelle Vorteile und Privilegien fü,r den weiteren Aufenthalt in diesem Hotel zu sichern, schmeichelte ich Herrn Nguyen, er solle doch ein vietnamesisches Restaurant eröffnen. Ja, das werde er vielleicht eines Tages tun...