Köpenick-Special
2. Teil
2. August 2000
Das Geheimnis der Betondeckel wird gelüftet
Nach dem Abendessen nahm ich noch ein Bier mit auf mein Zimmer, ich hatte mir ohnehin schon eine gewisse Bettschwere angelaufen beziehungsweise in den verschiedenen Flugzeugen angesoffen, und dämmerte bei einem im Vergleich zu seinen schwedischen Gegenstü,cken herrlich geruhsamen deutschen Serienkrimi weg. In meinem Badezimmer befand sich ein Boiler, der offenbar nicht nur fü,r mich sondern für das ganze Stockwerk zuständig war, und als meine Zimmernachbarn spät nach Hause kamen und duschten (fragt mich nicht, was man bis um zwei in der Früh in Köpenick noch machen kann), konnte ich mich Dank des sonoren Aufbrummen des Boilers davon ü,berzeugen, dass die Herrschaften ihre Körperpflege ernst nehmen.
Solche kleinen Alltagsgeräusche stören meine Nachtruhe im Allgemeinen genauso wenig wie Wecker. Ich schlafe schon wenige Sekunden später friedlich und glücklich wieder ein.
Was mich hingegen sehr stört, sind monotone, laute Maschinengeräusche. Wenn zum Beispiel um sieben in der Früh dröhnend ein Kompressor das Trommelfell malträtiert. Fünf ewige Minuten lang.
Dann Stille. Ahhhh! Wie erholsam! (Kopf ins Kissen kuschel)
Und wieder geht es los. Als würden zehn Zahnärzte über mich herfallen. Und das wieder höllische fünf Minuten lang.
Und dann? Frieden? Glückliches Zurücksinken in die Wolken-leichte Flauschi-Welt des Traums?
Keine Chance. Ein Odem nach Hölle und Schwefel zieht durch das gekippte Fenster. Haben Beamte des Landeskriminalamts den Garten umgegraben und dabei verstümmelte Mordopfer der vietnamesischen Mafia zu Tage gefördert?
Ich stehe auf und schau aus dem Fenster. Auf dem sehr spärlichen Rasen des Gartens steht ein orangenes Tankfahrzeug. Aus diesem Fahrzeug mündet ein dicker Schlauch direkt in die Hände eines orangefarben gekleideten Mannes mit imposantem Bierbauch, der soeben einen der mysteriösen Betondeckel abgehoben hat und das andere Ende des Schlauchs hineinschiebt. Dann geht er hinter sein Auto und drückt irgend einen Knopf oder einen Hebel, und wieder geht der Ohren betäubende Krach los.
Offensichtlich handelt es sich bei diesen Deckeln um die Öffnung von Versitzgruben, und ich habe das ausserordentliche Glück, dass mein erster Morgen in den fünf neuen Bundesländern mit dem Entleeren eben dieser Versitzgruben gekrönt wird. Ich zähle die Deckel und komme auf die imposante Zahl von acht. Das Geschäft des Hotels Lindengarten scheint demnach gar nicht schlecht zu gehen.
Ich hielt meine Anwesenheit bei diesem Schauspiel fü,r entbehrlich und zog mich ins Bad zurü,ck. Der Bass meines Boilers war ein wesentlich angenehmeres Geräusch.
Ich duschte solange, bis der orangene Herr fertig war, und begab mich dann zum Frühstück in das Restaurant im Vorderhaus (ich selbst residierte ja im Hintergebäude). Zu meiner Freude wurde ich neben das Aquarium gesetzt. Ich konnte nur einen einzigen Fisch sehen. Ich dachte erst, er wäre auch aus Plastik, weil er sich gar nicht rührte. Aber als Herr Nguyen mein Interesse bemerkte, kroch er unter meinen Tisch, suchte nach den richtigen Kabeln und schaltete das Licht ein. Fü,r einen Fisch, der dafür geschaffen ist, viele Meter unter der Wasseroberfläche zwischen Algen und Wasserpest hin- und herzuschwimmen, muss das grelle Licht einer Neonlampe wahrscheinlich genauso einen aufweckenden Effekt haben, wie für den Menschen die Entleerung einer Odelgrube. Offensichtlich verstört, vielleicht sogar zornig schwamm er von einer Glasscheibe zur nächsten hin und her. Zu ihm gesellte sich ein anderer ebenso großer und ein dritter deutlich kleinerer und bildeten einen richtigen kleinen Schwarm, und wenn sie nicht ganz offensichtlich von verschiedenen Arten wären, hätte man sie für eine dreiköpfige Familie halten Können.
Ich hab noch keine Tasche in Berlin
Obwohl es Sonntag und die Jauchegruben frisch geleert waren, hatte ich keine Lust, den ganzen Tag in Köpenick zu verbringen. Ich wanderte zur S-Bahnstation Erkner, etwa zehn Minuten einen geklinkerten Fußpfand unter wunderschönen Alleebäumen. Der S-Bahnhof war in verschiedener Hinsicht luxuriös: Erstens bergrüßte einen ein imposantes Rondell mit Blumenrabatte in der Mitte. Es war wohl die Anfahrtszone. Man konnte Verwandte und Bekannte zum Bahnhof fahren, bequem im Rondell aussteigen lassen - Bussi - Bussi - und schnell wieder wegfahren. Mindest vierzig Begrüßungen und Verabschiedungen gleichzeitig waren möglich. Dann war der Bahnsteig mindestens dreimal so breit wie bei S-Bahnhöfen im Allgemeinen üblich. Selbst in Fernbahnhöfen, wo die Menschen mit Koffern, Kofferkulis und quengelnden Kindern eilig aneinander vorbeihasten müssen, ist meistens sehr viel weniger Platz. Vor allem aber leistete sich der S-Bahnhof Erkner einen eigenen S-Bahnsteigkehrer, der anscheinend vollzeit-beschäftigt war, denn ich traf ihn immer wieder. Dieser Bahnsteigkehrer hatte ausserdem ein solides Grundwissen über die Ankunft und Abfahrt der Züge, was mir sehr willkommen war, es hätte zwar auch einen Spezialisten für solche Angelegenheiten in einem eigenen achteckigen Pavillon in der Mitte des Bahnsteigs gegeben, aber bei den beeindruckenden Dimensionen wäre das doch ein ziemlicher Fußmarsch bis dahin gewesen.
Seit meinem letzten Berlin-Aufenthalt ist die Stadt entschieden S-Bahnlastig geworden. Früher ist der Tourist, der aus dem Westen kam, eigentlich nur U-Bahn gefahren. Dass es irgendwo eine S-Bahn gäbe, hat man meistens mal irgendwo gehört, aber wo und wann, und ob man überhaupt richtig damit fahren kann...? Aber seit es rund um Berlin eine Pampa gibt, mit Käffern wie Erkner, hat die Bedeutung dieses Verkehrsmittels erheblich zugenommen. Andererseits natürlich hat diese ganze Oberirdischkeit längst nicht so etwas Verruchtes und Morbides wie das Herumlungern in fahlen U-Bahnhöfen. Mit S-Bahn und ohne Mauer ist Berlin ein ganzes Ende gewöhnlicher als vorher.
Während ich so gemütlich durch den Südosten zuckelte, und mir meine Gedanken über den morgigen Tag machte, kam ich zu dem Entschluss, dass ich mir eine Tasche kaufen müsste. Da der Grund meines Aufenthaltes hier beruflicher Natur war, und da man irgend wann in das Alter kommt, in dem man nicht zu jedem Anlass mit zwei Leinensäcken und einer Plastiktüte erscheinen kann, entschloss ich mich ziemlich kurzfristig, eine seriöse Aktentasche zu erwerben. Aber wo? An einem Sonntag?
Wie es der Zufall wollte, schaute ich gerade an der Haltestelle Ostbahnhof aus dem Fenster und sah genau unter mir einen Flohmarkt. Das wä,re doch das Ei des Kolumbus. Am Tag vor meinem wichtigen Termin vom Flohmarkt die nötigen Accessoires zum Zwecke eines seriösen Auftretens ergattert. Welch Organisationstalent!
Ich sprang eilig aus dem Zug und näherte mich erwartungsvoll dem Flohmarkt. Aber es war gar nicht so leicht, eine passende Aktentasche zu finden. Die meisten Händler boten alte DDR-Orden an, aber das ist ja schon so oft dagewesen, das kann man wirklich niemandem mehr schenken. Taschen gab es nur an einem Stand, und ich habe sogar eine schwarze Ledertasche gesehen, die mir eigentlich gefallen hätte - für nur zehn Mark!
Aber als ich sie aufgemacht habe, hat mich schier der Schlag getroffen. Das war schon kein Schimmel mehr, der darin gewachsen war, das war so etwas Ähnliches wie diese in Scheibchen übereinander wuchernden Pilze, die gerne auf Baumrinden wohnen. "Echtes Leder," schwärmte der Händler mir vor. So ein Knallkopf.
Leider kann ich jetzt nicht mehr weiter schreiben, Ihr müsst Euch also bis morgen gedulden.