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Gestern habe ich diese Seite gefunden, die ein Muss für jeden Schwedinnen-Freund ist. Man beachte die URL. Immerhin entstammt dieses Werk der Humboldt-Universität.

Und gleich noch was zu diesem Thema:

Gestern ist es ziemlich spät geworden, und ich hatte keine Lust, auf den Pendeltåg oder auf den Bus zu warten, und mir deshalb - ganz ausnahmsweise - ein Taxi geleistet. Ich hatte artig mit dem Fahrer Konversation betrieben, interessiert mich ja immer, was die Schweden so zu erzählen haben, bis er mich dann irgend wann fragte, wo ich her käme. "Donn sprihhst Du Döötsch?"

Der Fahrer, so stellte sich heraus, war ein Österreicher, und 1963 nach Schweden gekommen. Ich hätt es mir ja eigentlich denken können. So eine schöne Locke über der Stirn, fast wie Franz Vranitzky, das gibt es ja nur bei den Österreichern. Erst war er in Hamburg beim U-Bahn-Bau angestellt, hat zehn Mark in der Stunde verdient ("domöis a Gäid") und als die U-Bahn dann mit seiner Hilfe fertig geworden ist, ist er mit seine Spezln weiter nach Stockholm. Aber damals war das alles einfach noch besser. "Die schwedisch'n Frauen - oiso heit is des ja ois nix mehr".

Ein hartes Urteil, geschieht ihnen aber ganz recht. Wos g'stö'n sa se aa a so?

Jetzt aber ganz schnell weiter zu unserem

KÖPENICK SPECIAL DOUBLE FEATURE

Zugabe

Ich habe es dann doch noch geschafft, mir eine Aktentasche zu kaufen. Und zwar direkt am Ostbahnhof. Es ist ja eine schöne Einrichtung, dass in den Bahnhöfen Reisebedarf an Reisende auch an Sonntagen verkauft werden darf, und obwohl ich vorher nie geglaubt hätte, dass jemals jemand eine Aktentasche in einem Bahnhof kauft, bin ich letzten Sonntag eines Besseren belehrt worden. Die Verkäuferin brachte mir erst ein sehr edles Ledermodell für 249,90 Mark, aber als ich ihr dann sagte, dass es mir nur um den schönen Schein zu tun sei, brachte sie mir ein fast genauso feines Kunstlederexemplar, von zwar hässlicher aber seriöser schwarzbrauner Farbe, bei dessen Preis das Komma ein klitzekleines bischen nach links verschoben war.

Die Entfernungen sind in Berlin eben doch andere als in Stockholm. Auch wenn man sich nur innerhalb des mehr oder weniger zentralen Bereichs aufhält. Meinen Plan, vom Ostbahnhof bis nach Mitte zu Fuß zu laufen, gab ich bald wieder auf, stieg noch mal in die S-Bahn und fuhr zum berühmten Alexanderplatz. Diese Stelle musste ich einfach mal gesehen haben. Immerhin habe ich zweimal Alfred Döblins Berlin-Alexanderplatz gelesen. Aber es ist unglaublich. Ich habe noch nie einen blöderen Platz gesehen. Dieser Platz ist einfach groß und sonst gar nix. Gesäumt von einer zweistöckigen Geschäftszeile, in der ein Mac Donalds, ein Bräunungs-Studio, ein Reisebüro vor sich hin frei-marktwirtschaftet, kam ich mir vor wie zu Haus in meinem Tumba-Centrum. Das einzig Sehenswerte waren die Reisegruppen mit frustrierten Japanern, die ratlos ihren Fotoapparat zwischen den Fingern drehten.

Ganz anders das Berliner Disneyland, nämlich das Pergamon-Museum. Die Massen an Altertümern, die dort aufgehäuft sind, wären ja allein schon fast einen Besuch wert. Aber noch viel besser sind die Telefone, die jeder Besucher am Eingang in die Hand bekommt, um sich vom Band Erläuterungen über die Kunstwerke anzuhören (schon gut, ich weiss ja selber, dass das in Wirklichkeit keine Telefone sind). Jeder hält sich so ein Ding ans Ohr und lauscht andächtig, ich kam mir vor wie in Schweden. Wir erfahren nicht nur Kunstgeschichtliches, nicht nur über die Geschichte der Ausgrabung, der Bergung, des Transports nach Berlin und die Restaurierung des Kunstwerks, wir erhalten auch sonst wichtige Hinweise, zum Beispiel "Wenn wir nun die Treppe zum Pergamon-Altar hinaufschreiten, halten Sie sich bitte entweder am linken oder am rechten Haltegriff fest!"

Dieser Ratschlag ist keineswegs so überflüssig, wie vielleicht manche denken würden, denn wer die Telefon-Lauscher beobachtet, die mit versonnenem Blick und ohne den Handlauf zu benutzen, die etwas unregelmäßen Stufen hinuntersteigen, der kann immer wieder den einen oder anderen gefährlich umknicken sehen.

Ein Knödel muss es sein

aus Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit

Meine Hoffnung, dass man in Berlin etwas mehr Gemüse bekäme als in Schweden, wurde herb enttäuscht. Sicher hätte es gemüsigere Lokale gegeben, wenn man nur wüsste, wo, aber da man ja als Alleinreisender keine Lust hat, so richtig fein essen zu gehen, sondern sich mehr oder weniger abfüttert, hält man sich eben an das, was man so am Straßenrand vorfindet. Falafel hätt's gegeben. Das ist wirklich reines Gemüse. Aber gerade das krieg ich ja in Schweden auch. Ob jetzt Döner oder Gyros oder Cevapcici oder Boulette oder Lasagne, war dann eigentlich auch schon wurscht, und ich dachte mir, wenn schon denn schon, und hab mir im schönsten Sechziger-Jahre-Tempel Berlins, nämlich dem Europa-Center, einen Schweinsbraten gegönnt.

Vor ein paar Wochen habe ich im Internet eine Seite gesehen, die den Verzehr von Schweinsbraten zusammen mit Semmelknödeln anstatt mit Kartoffelknödeln propagiert. Diese Seite hat von der Online-Ausgabe der "Zeit" einen Preis gekriegt, aber die Zeit ist ja auch eine Hamburger Zeitung. Im Berliner Europa-Center wird der Schweinsbraten mit Kartoffelknödeln serviert. Das wäre an sich zu begrüßen. Der Semmelknödel besteht aus Semmel (wer hätt's gedacht?) und Ei. Der Schweinsbraten aus Fleisch und Fett. Wir hätten also Weissbrot, Fleisch, Fett und Ei, davon wäre sicher jeder überfordert. Eine Art Mac-Schweins-Hawaii.

Aber ich will nicht richten. Hätte ich Preise für Aal- und-Stockfisch Webpages zu vergeben, würde ich sicher auch furchtbar ins Rollmopsglas treten.

Der gesundheitsbewusste Berliner von heute isst daher seinen Schweinsbraten im Europa-Center. Es gibt sogar Blaukraut (nicht etwa "Rotkohl") dazu. Trotzdem enttäuschend. Beides fade ungewürzt und reichlich zerkocht. Na ja, der gute Wille war wenigstens vorhanden.

Ich überspringe jetzt den restlichen Teil des Sonntags und wir finden uns wieder "zu Hause" im S-Bahnhof Erkner um 21.44.

Kommunismus ist die Herrschaft der Arbeiterklasse und die Elektrifizierung der gesamten Sowjet-Union

(Ich glaube, in dieses Lenin-Zitat hat sich ein kleiner Fehler eingeschlichen. Vielleicht kann mich ja der marxistisch-leninistische Flügel der Tagebuch-Leser bei Gelegenheit korrigieren.)

Dass das Zeitalter des Kommunismus endgültig vorrüber ist, kann man daran erkennen, dass sich in den Außenposten des ehemaligen sowjetischen Machtbereichs (wie z. B. in Berlin-Erkner) die Elektrifizierung langsam zurückzieht. Da der letzte Bus vom S-Bahnhof zum "Lindengarten" schon um 21.13 gegangen ist, bleibt mir nichts anderes übrig, als den Heimweg zu Fuß anzutreten, gestärkt mit Knödeln und Blaukraut. Wie ich schon geschrieben habe, geht man die Ausfallstraße entlang, auf einem Fußweg, der, mit roten Klinkerplatten sehr schön gpflastert, unter Alleebäumen verläuft. Von der Fahrbahn durch einen etwa eineinhalb Meter breiten, sympathisch ungemähten Grünstreifen getrennt. In Schweden ist es um diese Zeit noch taghell, aber in Berlin war schon pechschwarze Nacht. Eigentlich macht mir ja so was überhaupt nix aus, aber die Klinkerplatten waren nicht ganz regelmäßig verlegt, und ich befürchtete doch, mir irgendwann den Fuß zu brechen. Manchmal kam ein Auto von hinten. Dann sah ich ein paar Sekunden lang den Weg vor mir, nur dass, sobald das Auto dann vorbei war, der Weg vor mir noch schwärzer wurde. Manchmal kam auch ein Auto entgegen. Das blendete natürlich vorher, und nachher sah ich dann auch nichts. Ich befürchtete sogar zwischendrin mal, ich hätte vielleicht die schmale Abzweigung zur Lindenstraße verpasst, und würde fröhlich geradeaus marschierend irgendwann in der Früh dann wieder auf dem Alexanderplatz eintreffen.

Es ist seltsam, ein ganz unterschiedliches Gefühl, ob man in Schweden oder in Erkner nachts durch die Pampa läuft. Beides ist gleichermaßen dünn besiedelt, in beiden Fällen "hat es Jejend", eine ziemlich üppige und ungezähmte Vegetation. Aber in Schweden sind die Demarkationslinien zwischen Stadt und Urwald klar abgesteckt. Letzte Ausfahrt Stockholm. Danach kommt vielleicht noch Uppsala, aber dann ist wirklich Schluss. Aber wo der Mensch haust, da ist auch Zivilisation satt. Mit Straßenlampen, asphaltierten Gehwegen und allem drum und dran. In Erkner ist es genau umgekehrt. Die Dörfer und Häuser sind gar nicht so weit von einander entfernt, aber überall spriest es zwischen Klinkerplatten und aufgebrochenen Asphaltkanten. Die Bäume sind kleiner als in Schweden, aber sie drängen dafür um so machtvoller, und irgendwann, wenn die achtbeinigen Gliederfüßer meinen Wirt vertrieben haben werden, werden die Gräser über den Deckeln der Versitzgruben zusammenschlagen, und das ganze Dorf wie ein Dornröschenschloss überwuchert werden. Die Leute hier schaun schon alle so durchsichtig aus. Bald kommt die böse Fee.