7. August 2000

Glück und Glas,
wie leicht bricht daas.

Alte Volksweisheit

Bei uns ist die Bushaltestelle kaputt.

Nein, das ist kein Witz.

An allen Stockholmer Bushaltestellen stehen kleine Wartehäuschen, die mit zwei rot-epoxylackierten StŠndern in Betonsockeln verankert sind. Zwischen diesen beiden Ständern spreizen sich riesige Glasscheiben, von drei Metern Breite, und die sind wiederum mit den Fahrplänen für den Bus zugepflastert. Irgendwelche besoffenen Berserker aus dem Stamme der Huddinger (diesmal waren es nicht die Tumabaner) haben alle ihre Kräfte zusammengenommen, und die Ständer aus den Sockeln gerissen. Jetzt liegt das Buswartehäuschen wie ein toter Käfer auf dem Rücken, die rotlackierten Beine hilflos in die Luft gestreckt, und im Umkreis von zehn Metern ist das Trottoir übersät mit Glassplittern.

Heute ist Montag. Das Attentat auf das Buswartehäuschen wurde - darauf wette ich - entweder am Freitag oder am Samstag nacht begangen. Wenn ich mein ganzes Leben in diesem Kaff zubringen müsste, dann würde ich wahrscheinlich aus Wartehäuschen ausreissen. Das ist eigentlich ganz normal.

Montag früh sind bereits die ersten Sofortmaßnahmen ergrifffen worden. Der Schauplatz des Verbrechens ist weiträumig mit weiß-gelb-gestreiftem Band abgesperrt. Und die Haltestelle? Die wurde ersatzlos gestrichen. Niemand kann mehr nach Huddinge fahren. Das haben sie jetzt davon.

In Deutschland gibt es Leute, die bezeichnen eine Gegend, deren Einwohner mit nicht mehr als dem bundesrepublikanischen Einkommensdurchschnitt auskommen müssen, leichtfertig als "Glasscherbenviertel". Diese Damen und Herren würde ich gern mal einladen, mit mir zusammen an einem Sonntagvormittag einen gemütlichen Spaziergang über den Tumbaner "Marktplatz" (er heisst tatsächlich so) zu machen. Mich würde einfach interessieren, welche Bezeichnung sie sich dafür wohl einfallen ließen.

Wie wär's mit "Glasmehl-Achtel?"

Wenn ich an den Sauf-Abenden (Freitag und Samstag) das Fenster offen habe, dann höre ich im Abstand von etwa fünfzehn Minuten -"Klirr"- das typische Geräusch der Altglasentsorgung. Je weiter, desto lustiger. In der Früh dann wandert man über ein Scherbenmeer.

Dabei gibt es in Schweden ein vorbildhaftes System des Pfandflaschen-Zurü,ckgebens. Man trägt seine Flaschen in den Supermarkt und stellt sie dann in einen Automat, wo sie auf einem Förderband um die Ecke in der Tiefe des Automaten verschwinden. Für die Bierflasche muss das wie Geisterbahnfahren sein, und sicher ein schöneres Schicksal als an der Sichtbetonmauer des zentralen Parkhauses zerschmettert zu werden.

Aber auch sonst ist bei der Pfandflaschen-Rückgabe an Alles gedacht worden. Weil aus den leeren Flaschen Bierreste auslaufen, gibt es einen großen Mülleimer für den Plastiktütenmüll, denn eine siffige Plastikt¨te möchte ja niemand mit nach Hause nehmen, dann einen Wasserhahn mit Seife, denn man muss ja die in der Biersuppe gelegenen Flaschen anfassen, um sie in den Automat zu stellen, und sogar einen Spender mit Feuchtigkeitstüchern mit Kräuterduft, damit man den Bier- oder Saftgeruch von den Fingern kriegt. Was die Schweden tun, das machen sie richtig.

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