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Jetzt hab ich Euch so lang vernachlässigt, dass Ihr Euch sicher schon gefragt haben werdet, was denn eigentlich los sei. Na ja. Wie soll ich Euch's beibringen?

Fangen wir mal so an: Wer das Kalendarium auf der Eingangsseite eingehend studiert, der wird vielleicht festgestellt haben, dass den übereinanderstehenden Monaten Februar, April und Juni jeweils gleich viel Platz eingeräumt ist. Der unterste aber, der August, hat ganz eindeutig Überbreite. Das ist ja weiters eigentlich kein Problem, ich habe mich bei der Einrichtung der Tabelle eben vertippt. Kann ja mal passieren.

Aber, so wird der weiter denkende leser sich fragen, warum richtet er das nicht? Irgend wann, nach dem August, wird der September kommen, und die ihm zustehende Spaltenbreite einfordern. So selten kann man Tagebucheinträge gar nicht schreiben, dass es nicht einfacher wäre, das Tabellenformat zu korrigieren, bevor dann wieder tausend Links drinnen stehen, die beim Umbrechen dann alle wieder zusammenkrachen, und das Tripod'sche Homepage-Editor-System abwürgen, wie schon so oft gehabt?

Hier kommt die traurige Antwort: Der September wird gar keinen Platz benö,tigen, weil es den September gar nicht geben wird. Kurz vor der Vollendung eines Zyklus' stürzt der Jahresrund des Schwedischen Tagebuchs jäh ab und bleibt bei einem matschig, regnerisch, trüben Augustende in veckan 35 (der 35. Kalenderwoche; die Schweden wissen immer, welche veckan gerade aktuell ist, so wie man in Deutschland normalerweise weiss, ob heute Montag oder Dienstag ist) liegen. Andernorts hätte man das als tragisch empfunden. Fü,r Schweden aber kein unangemessenes Ende. Wäre ich Gewerkschaftsmitglied, würde ich als Abgesang ein lautes "Brüder, zur Sonne!" schmettern. Am 2. September werde ich ein Flugzeug zum Kontinent betreten, und nie nie nie mehr nach Schweden zurü,ckkommen. Oder doch?

Was weiterhin aus meiner Wenigkeit wird, weiss ich selbst noch nicht so genau. Erst mal muss ich mir eine anständige Arbeit suchen, dann sehen wir weiter. Da ich Homepage-mäßig Blut geleckt habe, werdet Ihr es sofort mitkriegen, wenn es wieder was neues gibt. Fürs erste muss ich Euch vertrösten. Da, wo ich jetzt erst mal hinkomme, gibt es noch keinen Internet-Anschluss.

30. August 2000

Der wilde wilde Westen
fängt gleich hinter Stockholm an

beliebter deutscher Schlagertext (leicht abgewandelt). Mitte voriges Jahrhundert.

Wie Ihr wisst, befindet sich in enger Nachbarschaft zu meinem Arbeitsplatz ein riesig großes Krankenhaus, mit allen möglichen Abteilungen. Alle Weh-Wehchen, die man sich im Süden Stockholms zuziehen kann, kann man dort von eifrigen Krankenschwestern behandeln lassen. zum Beispiel gibt es einen eigenen Pavillon allein zum Zweck der Behandlung von Trunksucht.

Wo es Krankenhäuser gibt, da gibt es nicht nur Patienten, sondern auch allerlei Personal. Angefangen von Onkel und Tante Doktor, die man daran erkennt, dass sie in der Kantine ihr Abhörgerät, dass sie ihren tuberkulösen Patienten an Brust und Herz gehalten haben, und an dessen anderen Enden vielleicht noch etwas ärztliches Ohrenschmalz klebt, demonstrativ-dekorativ in der Mitte des Esstisches platzieren, bis zu den philippinischen Damen im Migros-blauen steifen Kittel, die Papierkörbe auf Wägelchen spazierenfahren, so hat jeder seine Kluft, die ihm nach einem geheimen Farb- Knöpf- oder Kragencode einen ganz bestimmten Rang in der krankenhäuslichen Hackordnung zuweisen.

Auch Ärzte und Schwestern müssen essen, trinken, und was der normalen Bedürfnisse noch mehr sind, und deshalb wundert sich natürlich niemand, dass man sie rund um das Krankenhaus in der jeweiligen Tracht herumlaufen sieht, bei Magdas Grillimbiss, im Zigarettenladen und bei den anderen spärlichen Gelegenheiten, wo man hier etwas einkaufen kann.

Gestern war ich bei Ehab's Livs, dem Spezialisten für abgelaufene Tiefkühlkost, suspekte Erfrischungsgetränke und Mobiltelefone, um eine Schachtel Camel zu kaufen, da standen zwei Damen an einer Ladentheke und interessierten sich für die dort ausgestellten Feuerzeuge. Die eine trug einen weissen Kittel, könnte also, wenn irgendwo ein Hörrohr baumeln würde, eine Ärztin sein, die andere war hellblau, das wies sie als eine Krankenschwester der niederen Qualifikationsstufe aus (Betten machen, Essen bringen, Bettpfannen ausleeren). Niemand würde sich dabei etwas denken, auch wenn die beiden seltsam dick und aufgedunsen waren (in Schweden ist das Krankenhauspersonal auf Grund eines fast unmenschlichen Stress' im Durchschnitt schwer untergewichtig). Sehr bleich bis bläulich waren auch die aufgequollenen Oberschenkel. Bei dieser Beobachtung stutzte ich ein wenig... Moment - gehört zur vollständigen Bekleidung einer Krankenschwester nicht auch irgendwie was unten rum? Normaler Weise achte ich ja nicht auf solche Äusserlichkeiten, aber ich gehe trotzdem mal davon aus, dass es zumindest einige krankenschwestern geben müsse, deren Beine mir sonst wohl aufgefallen wären.

Beide hatten sie das Haar zu einem praktisch-hygienischen Zöpfchen hinten zusammengebunden und freuten sich sehr. Sie hatten nämlich vor sich einen Karton mit Feuerzeugen in Pistolenform. Die eine nahm eines dieser Feuerzeuge in beide Hände hielt es in meine Richtung und drü,ckte mehrmals ab. Anscheinend hatten sie die Gaszufuhr extra hoch gestellt, denn es kam eine fünfzehn Zentimeter hohe Stichflamme aus der Mündung geschossen. ich stand zum Glück drei Meter entfernt. Die Kundin lachte und freute sich und feuerte eine weitere Salve in unsere Richtung ab. Ihre Kollegin stand daneben, schaute zu und lachte und freute sich auch. Ehab stand hinter der Kasse und freute sich nicht ganz so sehr. Vielleicht war er nicht versichert. Ich selbst stellt erleichtert fest, dass der Weg zum Ausgang nur zwei Meter weit und nicht verstellt war.

Nach der dritten Serie von feurigen Schüssen sprach Ehab ein Machtwort. Aber das wäre eigentlich nicht nötig gewesen, denn die beiden Damen hatten jetzt alle Feuerzeugpistolen ausgetestet, und eine Kaufentscheidung getätigt. Ehab war offensichtlich erleichtert noch mal um einen Feuerwehreinsatz herumgekommen zu sein, und ich selbst machte, dass ich aus dem Laden kam.

Was genau der Hintergrund dieser Episode war, weiss ich natürlich nicht. Ich nehme an, dass heute irgendwo in Dagens Nyheter stehen wird, die Förenings-Sparbanken gleich gegenüber des Krankenhauses, sei von zwei schwerbewaffneten Krankenschwester ausgeraubt worden. Möglicherweise werden sich zwei ältere, etwas beleibte Damen sich noch gestern Nacht auf den Kontinent oder nach Finnland eingeschifft haben. Ferner nehme ich mal an, dass irgendwo in der neuropathologischen Abteilung des Krankenhauses zwei geknebelte Schwestern in Unterhosen von innen an der Tür der Besenkammer rütteln werden.