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Ich krieche zu Kreuz und bereue meine Faulheit viele Tausend fach. So lange habe ich ohne triftige Begründung wie etwa körperliche Abwesenheit, noch nie geschwänzt. Ich habe auch bei anderen Tagebuchschreibern hier im Net das Phä:nomen beobachtet, dass nach einiger Zeit die Eintragsfrequenz zurückgeht (Gell Alyssa?!). Weiss nicht, woran das leigt. Wahrscheinlich war es Faulheit. Werd mich bessern.

Nichtsdestoweniger war natürlich Läuterung und Selbstbestrafung (Böser Thomas, böser Thomas) dringend angezeigt, und deshalb machte ich mich gleich in der früh gestern auf den Weg zu Jan. Ein besonderes Schmankerl: Wurzelkanalbehandlung am oberen Schneidezahn - die dritte. Jan ist auf die Verwendung von Materialien aus nachwachsenden Rohstoffen übergegangen und verwendete überwiegend eine Art hölzernen Zahnstocher. Zwischendurch zeigte er mir mit dem Daumennagel am Zahnstocher, wie tief das Loch in meinem Wurzelkanal sei. Ich machte mir daraufhin für den Rest der Behandlungssitzung Gedanken, ob ich es wohl, unverändertes Kariesvordringen vorrausgesetzt, noch erleben würde, dass der Karies in mein Hirn wächst. Zum Glück wahrscheinlich eher nicht.

Danach war erst mal Mittagsessenszeit. Zu meinem Erstaunen war mir Essen gleich nach der Behandlung nicht verboten. Ich umkreiste und durchquerte ungefähr fünfmal die "Chinatown" (schwer ü,bertrieben, aber die Stockholmer sind sehr stolz auf diese Ansammlung von etwa fünfzig ostasiatischen Geschäften auf dreihundert mal dreihundert Meter, nördlich vom Centralen). Ich wollt Chinesisch, weil das meistens leicht zum Kauen ist, und ich nicht gleich wieder zu jan zurückwollte.

Allerdings muss man bei den Stockholmer Chinesen aufpassen, die kochen nämlich gerne sehr salzig. Ich suchte also lange, bis ich ein Lokal fand, dass nicht ganz so salzig aussah. Man kennt die salzigen meistens schon am Namen, sie heissen "Chinesische Mauer", oder "Mandarin", oder "Peking". Dass das ich dann wählte hiess ganz langweilig "Wang" und ich war nicht enttäuscht. Ich war der einzige Gast, sonntags so früh, und Frau Wang musste extra wegen mir das Mittagsbuffet aufbaun, was sie auch anstandslos tat. Anstatt salzig, war hier alles sauer. Zur Suppe passt das ganz gut. Ich lobte Frau Wang. Sauer macht bekanntlich lustig, und lustig fand ich dann, dass auch der in Teig frittierte Fisch, dito Schrimps, dito Schweinefleisch ebenfalls sauer waren. Weil ich es unhöflich finde, in einem Buffet, wo man sich den Teller selber auffüllt, einen ganzen Teller voll zurückgehenzulassen, habe ich die Zähne zusammengebissen, und den sauren, fett im Teig frittierten Fisch hinuntergewürgt. Als ich dann pappnudelsatt war (sollte eigentlich auch für das Abendessen gleich mitvorhalten, wozu geht man denn ans Buffet) wollte Frau Wang es sich partout nicht nmehmen lassen, mir noch eine heisse in Teig fett frittierte Banane mit Eiskugel zu spendieren, aber ich musst einfach passen. Ausserdem hatte ich Angst um meine neue Wurzelkanalfüllung.

Als ich dann mit vollem Magen am Bahnsteig stand, wieder zurück Richtung Tumba, stand in geringer Entfernung von mir ein junges Wesen, vielleicht neunzehn oder zwanzig. Eigentlich nicht besonders hübsch. Aber besonders hässlich auch nicht. Ach Gott, wie soll ich sagen, (Ihr werdet es mir jetzt bestimmt wieder ganz falsch auslegen) süßes rosa schwedisches Marzipanschweinchen - soll Männer geben, die darauf stehen ... Aber darauf will ich ja gar nicht hinaus. Nein das kolossale war nämlich dieser Mund. Dieser Mund, neben dem Brigit Bardots Flunsch zur Frettchen-Waffel zusammenschnurrt. Die Oberlippe war ohnehin schon sehr fleischig und sehr groß, aber sie musste sie auch noch nach oben stülpen. Und dann - genug ist nicht genug - noch mit einem Stift die Umrisse nachzeichnen. Ein Wahnsinn - das Kind sah aus wie ein Karpfen. Ich stellte mir vor, wenn ich sie jetzt in das Wartehäuschen sperren würde, dann würde sie wie diese kleinen Welse in den Aquarien die Algen von der Glasscheibe lutschen. Ich musste wieder ihren Mund anschaun, und dann musste ich heimlich glucksen. Aber sie hat genau in dem Mopment zu mir hergeschaut, und hat das alles wohl ganz falsch aufgefasst, und hat mich ganz böse zurück-angeschaut. Jetzt hat sie ausgesehen, wie ein Wels, der an der Glasscheibe schnuddelt und dabei böse schaut, und ich musste noch mehr glucksen. Ich habe zu Boden gesehen, aber nach ungefähr 15 Sekunden hab ich es nicht mehr ausgehalten, und hab wieder hinschaun müssen. Jetzt hat sie noch bö,ser geschaut. Zum Glück ist sie dann bald in einen Pendeltåg in die andere Richtung eingestiegen, sonst wär vielleicht noch irgendwas passiert.

Eigentlich wollte ich ja danach den längst überfälligen Eintrag schreiben. Aber es war absolut unmöglich. In meinem Zimmer in Tumba geht nämlich das Fenster nach Osten, und obwohl ich es nachts nur einen klitzekleinen Spalt weit auflasse, ist es ab zwei Uhr in der Früh bei mir taghell und ich kann nicht schlafen. So kam es dann, dass ich die Nacht auf gestern überhaupt nicht geschlafen habe. Statt dessen hab ich die Augen zugemacht, und gehofft, wenn ich die Augen zu habe, dann werd ich schon irgendwann einschlafen. Aber nach spätestens fünf minuten hab ich es dann nicht mehr ausgehalten, und ich musste die Augen wieder aufmachen, und schaun, ob es immer noch so hell ist. Danach war ich natürlich jedesmal gleich wieder hellwach. Und so ging das ungefähr bis um halb sieben in der Früh, und dann hab ich es aufgegeben, und bin aufgestanden.

Deshalb bin ich dann gleich wieder nach Hause und habe - die Sonne war inzwischen schon etwas weitergewandert und schiebn nicht mehr direkt in mein Fenster - erst mal bis tief in die Nacht geratzt.