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Kleiner Tumbaner Kultur- und Restaurantfüher

Das Wappen Schwedens besteht aus drei pyramidenförmig angeordneten Kronen, nämlich der Krone des schwedischen Königs selbst, und den Kronen, der beiden Nachbarmonarchien Dänemark und Norwegen, die, unter Verzicht auf überflüssige Bescheidenheit, als extraterritoriale Filialen der schwedischen Hegemonie zugeordnet werden. Finnland würde natürlich auch dazu gehören, hat aber keinen König, und kann sich deshalb nicht damit brüsten, als Krönchen im schwedischen Wappen mit vertreten zu sein.

Tumba hat zwar auch keinen eigenen König, ist aber de facto von seiner politischen, wirtschaftlichen und vor allem kulturellen Bedeutung her einem Königreich mindestens gleichzusetzen, und deshalb begrüßt den Neuankömmling, der vom Bahnsteig kommend, der Rolltreppe zueilt, ein riesengroßes Relief, in Granit geschlagen, mit dem Wappen Tumbas: drei kleine pyramidenförmig angeordnete Kronen (Schweden Dänemark, Norwegen) und darüber eine ganz große Krone - Tumba!.

Man darf also gespannt sein.

Schon auf der Rolltreppe kann man rechts (also im Westen) ein gigantisches rotes Ziegelgebäde sehen, auf dem große blaue Neonbuchstaben das "Tumba Grafiska Atelie" bezeichnen. Bei so einem großen Atelier wird ja wohl auch was rausgekommen sein, denkt man sich, und tatsächlich, mitten im unterirdischen Tumba Centrum, zwischen Konsum und ICA findet man in bester Einkaufslage die Tumba Gallerie, wahrscheinlich das Factory Outlet, des grafischen Ateliers.

Im Gegensatz zu den allermeisten Galerien in Stockholm gibt es hier richtig gemalte Bilder (also nicht nur gedruckte Poster). Damit der Kunde sich gleich zurechtfindet: rechts hängen die Formate 50 x 70, und links 60 x 80 Zentimeter, zumindest soweit ich das vom Schaufenster aus sehen konnte. Ganz vorne aber, gleich gegenü,ber dem Eingang hängt das Flagschiff - sozusagen die Mona Lisa - der Tumbaner Schule des surrealistischen Realismus. Einen mal einen Meter groß, in einem wilden Dickicht aus blaugrünen lanzettförmigen Maisblättern ein riesiger Maiskolben, in strahlendem Orange, mit so wildem Licht und Schatten, als würden sich Sonne, Mond und alle Sterne nur um diesen einen Maiskolben drehen. Dass so ein großer Maiskolben nicht ganz auf die Leinwand passt, und dehalb oben und unten ein bischen abgeschnitten werden muss, konnte der Künstler natürlich nicht vorrausahnen.

Nach so viel Kunst, braucht man dringend was zum essen, und hier bieten sich drei Möglichkeiten an. Es gibt ein Fischrestaurant, etwas abseits gelegen, hinter der Bushaltestelle. Es ist eigentlich nicht nur Restaurant, sondern auch Fischgeschäft, und da es sich bei den Schweden ja um Fischesser handelt, waren meine Erwartungen hoch, und ich stattete diesem Lokal bald schon einen Besuch ab.

Die Tür war verschlossen. Als ich zwischen den vielen neongelben und neonrosa Plakaten mit den aktuellen Angeboten durchlinste, sah ich dann auch, dass das ganze Geschäft recht aufgegeben aussah. Die Wannen und Stellagen an der Theke blitzen sauber nach Chrom, und doch lag eine etwas staubige Atmosphäre im Raum.

Und dann jehn wa mit Jesang
in det näste Restaurang

Für die, die gern Chinesisch mögen, gibt es Wei Wang, Szechuan Food. Wei Wang sollte auf gar keinen Fall mit Wang verwechselt werden. Als ich Wei Wang betrat, sassen da bereits an vier Tischen lustige Gesellschaften, vor Bier und Schnaps. Teller sah ich keine. Alle drehten sich um, als ich etwas zum Essen bestellt, die Tochter des Pächters, die zwei Tische vor mir saß und Comix las, drehte sich sogar mehrmals um, konnte es einfach nicht fassen. Der Kellner verzog jedoch keine Miene, als er meine Bestellung entgegen nahm. Aus der Küche hörte ich bald wildes diskutieren. Es scheint nicht sehr üblich zu sein, dass jemand hier zum Essen herkommt.

Huhn mit Reis und Gemüse war genauso, wie ich es befürchtet hatte. Ob der Salzgehalt so hoch ist, weil es schon seit einer Woche im Warmhaltebecken vor sich hin eindampft, oder ob extra viel Salz zur Konservierung zugegeben worden ist? Ob die Köchin so furchtbar verliebt war?

Immerhin, das Huhn war vollkommen durch (in Schweden nicht selbstverständlich) trotzdem nicht zäh (auch nicht selbstverständlich.

Für die, die nicht jeden Tag salziges Huhn essen wollen, gibt es dann noch die Pizzeria gleich daneben (den Namen hab ich vergessen, echter Pizzeria-Name auf jeden Fall). Hier saßen noch mehr Bierdimpfl, und ich zog es vor, eine Pizza zum Mitnehmen zu bestellen. Die Zecher waren schon so langweilig und hinüber, dass sie nicht mal mehr Tagebuch-Würdiges abgegeben hätten. Ich hielt die Wirtin hinter der Theke im allerersten Augenblick für eine Italienerin, was mich einen Augenblick vergessen ließ, wo ich mich befand, und ich bestellte "una capricciosa". Aber das war wohl ganz daneben. Wahrscheinlich kam sie aus Venezuela oder aus dem Irak.

Es gibt dort nicht nur "Capricciosa" und ähnliche konservativ-italienische kreationen. Auch Pizza Hawai (Oliven, Ananas) und Pizza Falun (mit Falu-korv) für den, der es wirklich exotisch mag. Aber ich will ja nicht sagen, ich habe in München schon mal Pizza Babaria, mit Leberkäse und Weisswurst gesehen. Positiv auf jeden Fall, dass die Irakerin in eine große Schüssel langte, und einen Batzen Hefeteig herausholte - es handelte sich also nicht um eine halbvorgebackene Pizza wie meistens sonst.

Zu allem Essen gehört in Schweden der Salat vom Salatbuffet. Es gab früher bei uns den wenig völkerfreundschaftlichen Begriff der "DDR-Trikolore" -Weisskraut, gelbe Rüben, rote R&uuuml;ben. Auch in Schweden sind diese drei Gemüser wegen ihrer klimatischen Bedürfnislosigekit die Standbeine jeden Salatbuffets. Eventuell gibt es dazu grüne Bohnen, oder Büchsenchampignons, oder Pepperoni, oder Kopfsalat, aber grundsätzlich gibt es immer Weisskraut, gelbe Rüben und rote Rüben. Meine Irakerin hatte aber nur Weisskraut. Eine riesengroße Schüssel voll mit Weisskrautsalat. Logisch. Krautsalat kann man eine ganze Woche aufheben, gelbe Rüben muss man jeden Tag oder zumindest alle zwei Tage frisch raspeln. Rote Rüben sich vielleicht ein bischen teurer. Um den Krautsalat mitzunehmen, standen daneben kleine durchsichtige Plastikschälchen. Ich schaute genau hin. In den Schälchen war ein eingetrockneter brauner Siffrand. Wahrscheinlich klaubt die Alte die gebrauchten Schälchen aus dem Müll und lässt kurz Wasser drüber laufen. Ich verzichtete auf den Salat.

Aber wie ist das mit dem Nachtleben? Tumba von acht bis acht? Da haben wir den Sport-Krog, die Kneipe zum Sportsverein. Schon in der Früh stehen bleiche Sportler mit der Bierdose in der Hand auf der Veranda und warten, dass aufgesperrt wird. Ich selbst war noch nie da, brauch auch gar nicht hingehen, weil mein Fenster ohnehin direkt über dem Eingang liegt. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich über Kneipenlärm beschweren. Im Gegenteil, ich finde es ist eine ganz angenehme Begleitmusik zum Einschlafen. Da der Parkplatz weit weg ist, und direkt vor dem Sportskrog nicht geparkt werden kann, haben wir es hier nicht so sehr mit Autotürenknallen zu tun (das ist wirklich ein widerliches Geräusch) sondern mehr mit der Formulierung zwischenmenschlicher Differenzen, und so etwas ist immer interessant, auch wenn sich einige so spät am Abend schon etwas schwer mit der Artikulation tun. Zwischen zwei und drei in der Früh weint dann jedesmal eine Frau ganz herzzerreisend. Ich kann natürlich nicht verstehen, um was es geht, aber ganz sicher ist es jedes mal die selbe. Einaml hörte ich eine Frau (ich glaube eine andere) ganz schrecklich schreien. Ich ging also hinunter, es könnte ja sein, dass jemand Hilfe benötigte, da sass sie auf einem Blumentrog, und der, den sie anbrüllte saß auf dem Blumentrog zwanzig Meter entfernt. Deshalb musste sie so brüllen. Es ging darum, dass er aus ihrer Tasche Geld entwendet hätte, und er bestritt das. Beide machten nicht den Eindruck, als könnte diese Frage noch am gleichen Tag geklärt werden, und da ich schon ein Polizeiauto kommen sah, dacht ich, es sei das Beste, mich ganz schnell wieder aus dem Staube zu machen.

Man kann also sehen, irgendwo hat Tumba auch seinen Charme.