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Inzwischen hab ich mich recht gut in Tumba eingelebt. Ich kann unter den spätabendlichen Ständchen, die mir fast regelmäßg unter meinem Fenster gebracht werden, die Heulerin und die Schreierin schon sehr gut unterscheiden. Die Heulerin ist regelmäßiger aktiv, immer so von zwei bis drei, aber sonst eher langweilig. Die Schreierin kommt manchmal gar nicht, um genau zu sein, habe ich sie erst zweimal erlebt, aber wenn sie kommt, dann ist sie dafür um so ausdauernder. Ich habe sie in dieser kurzen Zeit zu schätzen gelernt, und hoffe, dass sie bald wieder in Erscheinung (oder besser in "Erhörung") tritt. Wenn sie mit ihrer glasklaren Stimme, ohne heiser zu werden, ohne schlapp zu machen, eine ganze Nacht hindurch vor ganz Tumba ihre Anklage vorträgt, dann schließe ich die Augen, und stelle mir vor, ich lebte dreitausend Jahre früher und fünftausend Kilometer weiter südlich, und es würde jetzt in einem Amphitheater in Athen eine Orestes-Tragödie gegeben, und die Elektra würde in ihrer Verzweiflung auf den Knien über die staubige Bühne rutschen und ihre Mutter ankeifen. Man würde es auf dem Olymp noch hören.

6. Juli 2000

KAMPF DEM MISBRAUCH VON BEHINDERTENKN&Oouml;PFEN!

Schweden ist ein Land des technischen Fortschritts. Deshalb gibt es an meinem Arbeitsplatz vor den Schwingtüren Knöpfe an der Wand, die, wenn man draufdrückt, bewirken, dass die Tür automatisch und von selbst aufgeht.

Schweden ist auch ein Land der Behindertenfreundlichkeit. Deshalb sind etwa zwanzig Zentimeter unter diesen Knöpfen, also für Rollstuhlfahrer erreichbar, Behindertenknöpfe angebracht, die genau die gleiche Funktion erfüllen, wie die anderen Knöpfe. Diese Behindertenknöpfe sind mit einem weissen Rollstuhl auf blauem Grund markiert.

Diese eigentlich vorbildliche Einrichtung wird leider immer wieder von nichtsnutzigen Subjekten schamlos misbraucht. Pumperlgesunde Kollegen drücken aus reinem Übermut auf den Behindertenknopf. Da Schweden aber auch ein Land ist, in dem fest darüber gewacht wird, dass niemand sich herausnehme, was ihm nicht zusteht, ist man auf eine typisch schwedische Lösung verfallen, wie man solche Zustände wirkungsvoll abschaffen könne.

Neben den Behindertenknöpfen findet man jetzt Tafeln mit dem Hinweis, dass man diesen Knopf, um ein Resultat zu erzielen, zehn Sekunden lang drücken muss. Wer also immer noch unbedingt auf einen solchen Knopf drücken möchte, der muss sich zur Strafe entsprechend Zeit nehmen. Drückt er hingegen auf einen Gesunden-Knopf, wird er sofort ein- beziehungsweise hinausgelassen.

Ganz besondere Genugtuung werden über diese Lösung sicher die Behinderten empfinden. Gerne werden sie jetzt zehn Sekunden lang auf den Knopf drückend warten, weil sie ja jetzt wissen, dass sich niemand mehr an ihrem Knopf zu schaffen machen wird, der nicht dazu berechtigt ist. Zum Glück sind meines Wissens alle Personen, die in diesem Gebäude arbeiten, im Vollbesitz ihrer Glieder, deshalb kann ich nicht nachfragen, ob man diese Idee auch gebührend zu würdigen weiss.