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Ach, Wiener-Pekan, Blätterteig mit einem triefend-klebrigem Baatz aus Honig und angerösteten Nüssen gefüllt! Ritter Sport Nougat, die sich, ohne Beissen, sahnig im ganzen Mund verteilt! Arraksbåll - ein Versinken der Inzisoren in einem Meer aus Schokostreuseln, oder ihr flauschig weichen Safari-Kekschen. So ist es, nicht wahr. Anstatt Tugend und Bescheidenheit hat der Mensch nur seine niedersten Gelüste im Sinne. Wie vergänglich ist doch der Genuss, den wir aus einem Dammsugare erhalten - Happs! Iss'er weg - vergleichen mit dem Gewinn den wir aus den ewig gültigen Lehren eines guten Buches oder eines Tagebucheintrages ziehen.

Am Freitag sah ich eine Schlagzeile im Expressen:

Katholische Sekte ermahnt minderjährige Mädchen beim Busetun einen Stachel-Gürtel zu tragen

Für die Schweden haben alle Katholiken irgendwie was Perverses. Weil es aber hier nur wenige Katholiken gibt, existiert auch kein Markt für Stachel-Gürtel, aber das macht nichts, es gibt ja Zahnärzte, die den geschleckigen Sünder immer wieder auf den Pfad der Tugend zurechtrücken können.

Es fällt den aufmerksamen Lesern dieses Tagebuchs daher nicht schwer zu erraten, wohin ich wohl unterwegs gewesen sein mag, als ich heute in aller Früh mal wieder den Pendeltåg in Richtung Innenstadt bestieg. Als ich so meine Gedanken hin- und herwälzte und mir die junge Dame eine Sitzreihe weiter betrachtete, fiel mir plötzlich etwas auf. Ich hatte nämlich schon seit langer Zeit Schwierigkeiten, wie ich das Besondere an der schwedischen Physiognomie beschreiben sollte. Es gibt etwas, das unterscheidet die Gesichter der jungen Schwedinnen (auf Schweden oder ältere Schwedinnen habe ich noch nicht so sehr geachtet, aber es wird wohl ähnlich sein) von denen ihr Mit-Erdbewohnerinnen. Aber heute hatte ich eben dieses Prachtexemplar neben mir sitzen (ich fürchte, dass sich nie eine Leserin meiner Einträge jemals neben mich setzen wird), und da kam es mir: sie sehen so als, als hätte ihnen der liebe Gott im zartesten Embryonalstadium mit dem Daumen ein ganz klein bischen auf die Nasenwurzel gedrückt. Nur ganz wenig. Und deshalb ist ihr Gesicht auch so ein bischen konkav, mit dem Ansatz der Nase als Tiefstpunkt. Und deshalb müssen die Schwedinnen keinen Stachel-Gürtel tragen. Sie sind schon gestraft genug.

Eine andere Strafe für unsere Sünden vollstreckt zur Zeit in höherem Auftrag der Pendeltåg. Er hat seinen Takt ein weiteresmal ausgedünnt und fährt jetzt ausserhalb der Stoßzeiten nur einmal in der Stunde (anstatt viermal, wie er eigentlich sollte). Beschwere ich mich etwa? Nein keineswegs! Damit der Pendeltåg auch ein bischen Buse tun kann, verzichte ich nämlich neuerdings darauf, mir eine neue Netzkarte zu kaufen, und wenn ich durch die Sperre husche, dann halte ich dem Kontrolleur jedesmal ganz blitzschnell meine alte Fahrkarte hin, die am 22. Juni ausgelaufen ist. Jedenfalls ist der ausgedünnte Takt der Grund dafür, dass ich mich heute eine halbe Stunde zu früh in der Stadt befand.

Da also ohnehin alles um mich rum Erbauung atmete, und da ausserdem schönes Wetter war, und zudem Sonntag früh, machte ich einen kleinen Rundgang, um das Seelenleben meiner lieben Schweden zu erforschen. Von allen Seiten strömte es in die Kirchen. Na ja, das ist vielleicht etwas übertrieben, aber ich sah doch immer wieder Grüppchen von jüngeren und älteren Frauen (nein, diesmal ist es nicht meine selektive Wahrnehmung, es waren tatsächlich NUR Frauen), die ganz eindeutig wie Kirchgängerinnen aussahen.

Vor der Adolf-Frederiks-Kyrkan stand ein nettes Pärchen, eine Schwarze, eine Weisse, beide so um die achtzehn Jahre alt, und rauchten. Die Schwarze trug ein ganz weisses Kleid. Eine Hochzeit dachte ich zuerst. Aber dann erschien mir das weisse Kleid doch etwas grobschlächtig. Es sah ein bischen aus, wie von ungeschickten Händen aus einem alten Bettuch gefertigt. Wenn die Jahreszeit gepasst hätte, hätte ich gedacht ein Engel bei einem Krippenspiel des So-und-so-Gymnasiums, die Flügel werden gleich aufgklebt. Aber im Juli ist das eher unwahrscheinlich. Na ja, vielleicht wird sie ja als Opfer dargebracht.

Nur wenige Schritte weiter, unscheinbar in eine Häuserzeile eingefügt, residiert Citykyrkan, das Prunkstück des Stockholmer spirituellen Lebens. In dezentem Jugendstil (darin sind die Stockholmer Weltmeister) sowohl die Fassade gehalten, als auch der Eingang, drei Treppchen hoch, mit Flügeltüren aus mattiertem Glas, wie ein Operationssaal aus dem vor-vorigen Jahrhundert, in denen aus klarem Glas das Logo des Gotteshauses ausgespart ist, nämlich zwei sich überlappende Buchstaben, ich habe vergessen welche, aber sie kommen in "Citykyrkan" beide nicht vor. Sehr nobel, alles in dunklem Holz, Glas und Messing. Aus Messing auch der Rahmen der Tafel neben dem Eingang, die dem Gläubigen einen Überblick über die hier befindlichen Einrichtungen verschafft, auf dass er nicht in die Irre gehe. Auf dieser Tafel nämlich steht:

    5. Tr.: Charisma-Saal
    4. Tr.: Familien-Saal
    3. Tr.: City-Konditorei
    2. Tr.: Mahagony-Saal
    1. Tr.: Spiegel-Saal

Wenn wir uns also vom Erdgeschoß bis zum fünften Stock hocharbeiten, durchlaufen wir gleichzeitig alle Stadien vom infamsten Laster der Eitelkeit (Spiegelsaal) über die Prunksucht (Mahagony-Saal) und die Völlerei (City Konditoriet), werden in der täglichen Mühsal des Familienlebens geläutert, und erklimmen danach ohne Mühe die letzte Stiege hinauf zum Charisma. Es gibt übrigens noch ein weitere Stockwerk, dass man auf dieser Tafel nicht findet, dass aber im Telefonbucheintrag unter "Citykyrkan" aufelistet ist, nämlich das Radiostudio Stockholm.

Nach so viel Erbauung war ich dann gewappnet für alle kommende Unbill, und machte mich frohen Mutes auf den Weg zu Jan.