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Heute hab ich A., den Ehemann meiner indischen Kollegin im Supermarkt getroffen. Er gehört zu einer Spezies, die es hier schon lange gibt und nach dem Willen unserer Obrigkeit in Deutschland auch bald geben wird, er ist nämlich ein sogenannter Computer-Inder. Vorbei die Zeiten, als man bei Indien nur an Leprakolonien, Mutter Theresia, Curryreis und knochige alte Männer, die in ein Lendentuch gewickelt, durch den Ganges waten, dachte.

A. ist offensichtlich in Schweden schon richtig heimisch geworden, er hat nämlich, vertraute er mir in der Schlange vor der Kasse an, ein Problem, dass man mit seinem Geburtsland nicht unbedingt assoziieren würde, und zwar einen Bierbauch. Und jetzt hat er Stress, ihn wieder runterzukriegen, und fährt jeden Tag zwei Stunden mit dem Fahrrad. Trotzdem klang er nicht sehr optimistisch. In seinem Alter bekäme jeder Mann einen Bierbauch, und eigentlich könne man überhaupt nichts dagegen machen.

Und ob ich am Abend nicht auf ein Bier vorbeikommen möchte?

Dieses Gespräch gab mir sehr zu denken. Wenn ich allein bin, knete ich immer heimlich an meiner Wampe, aber noch habe ich keinen Rettungsring ertasten können. Freilich hat mir A. einiges vorraus, weil seine Frau um Welten besser kochen kann als ich. Andererseits bin ich (und es schmeichelt mir, dass A. das nicht bemerkt zu haben scheint, sonst wäre er sicher nicht so taktlos gewesen) schon zwei Jahre älter als er.

Ausser dem hat diese Familie noch ein anderes Problem, dass alle Familien in Schweden haben (deshalb hab ich ihn aus am frühen Nachmittag im Supermarkt getroffen), nämlich dass das Dagis, der Kindergarten, unverschämt lange Sommerpause hat. Ich weiss gar nicht mehr genau, wie lange, aber es sind irgendwas um die sechs Wochen, vielleicht auch mehr. Kein berufstätiger Mensch macht normalerweise sechs Wochen am Stü,ck Urlaub, so dass die beiden Eltern ihren Urlaub versetzt nehmen müssen, wenn sie nicht eine Großmutter irgendwo auf dem Land haben, wo sie die Kinder hinverschicken können.

Die glücklichsten unter diesen Lang-Ferienkindern kommen sogar in den Genus zweier Mittelmeer-Strandurlaube. Zuerst mit der Mutter nach - sagen wir - Zypern, und dann mit dem Vater nach Kos.

Aber die Inder fahren beide nicht in Urlaub. Sie bleiben abwechselnd zu Hause. Das heist, wenn A. doch wenigstens zu Hause bliebe! Aber meistens ist es ihm zu langweilig dort. Deshalb nimmt er seinen kleinen Sohn an der Hand (der witzigerweise auch A. heist, aber sonst anders) und geht seine Frau in der Arbeit besuchen.

Aber seine Frau hat meistens keine Zeit und schickt die zwei dann zu mir. Der große A. erzählt mir dann irgendwas von seinen Computern und der kleine A. holt einen Bleistift und ein Blatt - "Ich mal jetzt mit Thomas ein Bild."

So geht dann wieder ein Nachmittag rum. Ohne dass ich was gearbeitet hätte. Ohne dass ich einen Tagebuch-Eintrag geschrieben hätte.