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Gestern war ich beim Haareschneiden. Bei meinem syrischen Haarschneide-Geschwisterpärchen. Ganz am Anfang hat mir ja immer die Schwester die Haare geschnitten, aber dann, na ja ... ich hab da so eine Muskelschwäche im Augapfel, immer, wenn mir tief-decolletierte Frieusen die Haare schneiden, muss ich schielen - ich sollte vielleicht mal zum Ophthalmologen gehen.

Jedenfalls scheinen sich damals Brüderchen und Schwesterchen darauf geeinigt zu haben, dass er mir in Zukunft die Haare schneidet. Weil ich aber, wenn ich zum Mittagessen gehe, fast jeden Tag am Schaufenster des Frisiersalons vorbeigehe, hat meine immer üppiger wuchernde Mähne der Friseuse meinen baldigen Besuch schon im Vorraus angekü,ndigt, so dass sie in der Lage war, sich in der Wahl ihrer Gerderobe auf mich einzustellen, und gestern war sie tatsächlich bereit mich persönlich zu schneiden. Eingewickelt bis fast zum Kinn.

Beide haben ihre Vorteile. Sie schneidet eindeutig besser als er. aber dafü,r redet er nicht soviel, und man kann angenehm während des Schneidens vor sich hin dämmern. Die Schwester ist hingegen ausgesprochen gesprächig. Gestern wollte sie sich mit mir ü,ber Helmut Kohl unterhalten. Sie hat anscheinend die jüngeren Entwicklungen der letzten zwei Jahre nicht so ganz mitbekommen, und ich wollte sie auch nicht verwirren, und ließ sie weiterhin in dem Glauben, wir hätten immer noch Helmut Kohl. Aber ob Kohl oder Schrö,der, jedenfalls ist sie ganz geschickt vorgegangen. Erst hat sie mich ausgehorcht, was ich so meine, und dann war sie ganz genau der gleichen Meinung. Ich will natü,rlich die Leser meiner Tagebucheinträge nicht mit meinen Ansichten ü,ber Helmut Kohl langweilen, aber ich will lobend das harmonie-schaffende Talent meiner syrischen Friseuse hervorheben. Denn es wä,re ja furchtbar, stellt Euch nur vor: einem Kunden stellen sich vor lauter Ärger über die Ansichten des Friseurs die Haarspitzen auf. Wie soll man da einen vernünftigen Schnitt zusammenbringen?

23. Juli 2000

HILFE! Die Gruftis kommen wieder!

Fast zwanzig Jahre lang haben sie irgendwo in Sarkophagen und auf verwunschenen Dachböden ü,berwintert. jetzt kommen sie wieder ans Tageslicht. Natürlich können nicht alle schwedischen Teenager es sich leisten, im Grufti-Outfit herumzulaufen. Es gibt da Obergrenzen in der Gewichtsklasse. Wenn der Babyspeck noch an den frischen Bäckchen sitzt, dann hilft auch der weisseste Talk, auch das verwaschenste schwarze Gewand, auch die Juglon-bräunste Natur-Haartönung nix, so ein richtig morbides, ätherisch-jenseitiges Aussehen will sich einfach nicht einstellen. Aber endlich kommen auch mal die zarter gebauten unter den Schwedinnen und Schweden zu ihrem Recht, und nutzen es natü,rlich auch gleich voll aus.

Darf ein Grufti eigentlich lachen? Natürlich darf er nicht. Aber was wü,rde passieren, wenn er doch einmal lachen müsste? Keine Angst - einem schwedischen Grufti kann das nicht passieren. Zumindest habe ich den Eindruck. Sie sehen nichts, sie hören nichts. Sie setzen sich nicht einmal hin im Pendeltåg. Sie stehen einfach da und blicken schicksalsträchtig leer. Heute früh sah ich einen besonders schönen Grufti auf den Pendeltåg warten. Erst dachte ich, es sei ein Mä,dchen, die Gruftikluft ist ja ein bischen unisex. Aber dann erkannte ich es eindeutig an seinem Adamsapfel. Aber passt denn ein Adamsapfel überhaupt zu einem Grufti? Eigentlich nicht. Er hätte einen makellos weissen Schwanenhals haben sollen.

Ala ich am Freitag nachmittag in die Innenstadt fahren musste, waren keine Gruftis unterwegs. Freitag nachmittag ist immer das Gegenteil geboten. Da fahren nämlich die Rekruten ü,ber das Wochenende nach Hause. In Schweden gibt es keinen Zivildienst, und eigentlich machen fast alle Schweden ihre -wie sagt man, nicht Bundeswehr, Königsreichswehr?

Das ist immer nett und ich könnte den ganzen Tag kucken. Die Braven nehmen diese Aufgabe nämlich sehr ernst. Sie schaun immer ganz konzentriert, als käme gleich der Feind um die nächste Ecke. Dazu passen sehr gut die Camouflage-Hosen, die ein ganz klein bischen zu weit sind und irgendwie an einen Schlafanzug erinnern. Interessantes Detail: Die Hosenbeine passen weder in noch über die Stiefel. Es scheint keine Vorschriften zu geben, wie dieses Problem zu lösen sei, so dass jeder auf sein eigenes Improvisationsvermögen angewiesen ist. Der eine krempelt ordentlich, und erlaubt uns einen Blick auf seine Waden, der zweite lässt sie sich nach den Gesetzen der Schwerkraft wie eine Ziehharmonika falten und auf der Stiefelkante aufsitzen, der dritte stopft sie unter Gewaltanwendung trotz allem in die Stiefel hinein, aber weil er ja dann damit auch laufen muss, führt das meistens zu sack-artigen Ausbuchtungen an, na ja, an eben demselben.

Ein bischen erinnern sie mich alle an den Schwejk.