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Irgend ein A. hat auf dem Trottoir einen Kaugummi weggeschmissen und ich bin natürlich voll reingetreten. Wenn ich jetzt hier in der Arbeit über den Linoleum-imitierenden PVC-Fuß:boden laufe, gebe ich wunderschöne Klebe- und Abreißgeräusche von mir, die weit über den Flur hallen.

Nächstes Wochenende wird es von Samstag bis einschließlich Dienstag keinen Eintrag geben (bei meiner momentanen Faulheit wäre das wohl auch kaum aufgefallen). Da werde ich nämlich in Berlin sein. Ticket schon gekauft und Hotel gerade eben reserviert.

Das Hotel habe ich mir aus dem Internet ausgesucht. Ich habe mir die Liste nach Preis ausgedruckt und dann beim billigsten angefangen. So bin ich dann beim Hotel Lindengarten in Köpenick gestrandet. Ich weiss auch jetzt, warum dieses Hotel das billigste in ganz Berlin ist. Erstens redet der Hotelier am Telefon sehr leise und zweitens stottert er, was seine Position bei den Preisverhandlungen mit seinen Gästen wohl nicht gerade stärkt.

Wahrscheinlich redet er deshalb so leise und stottert, weil dauernd Gäste, die Gerhard Hauptmann gelesen haben, in Uniform kommen und sagen, das Hotel sei vorrübergehend für eine Einquartierung beschlagnahmt.

In Schweden ist natürlich wie sonst auch überall, gerade saure-Gurken-Zeit, deshalb redet jeder vom einzigen Thema, das es zur Zeit gibt, nSmlich der  berschwemmung in Falun. Das schwerste Unwetter seit 1916 erklSrte mir die Kschin von der Kantine.

Eigentlich gebe ich ja nichts auf solche Vergleiche. Wer sich das ganze mal statistisch ausrechet, wird schnell merken: kaum ein Juli, kaum ein Ostern oder 27. Mai, der nicht irgendwie der heisseste, der kSlteste, der trockenste, der Niederschlag-reichste, der hageligste seit zehn Jahren, oder seit fÙnfzig Jahren, oder seit Beginn des hundertjShrigen Kalenders wSre. Aber in diesem Fall packe ich die Gelegenheit am Schopf, noch mal auf die gestern erwShnten Beinkleider der schwedischen Armee zurÙckzukommen, die sich im Falle von Naturkatastrofen hervorragend bewShren.

Ich habe das Bild aus Dagens Nyheter geklaut, und zur Schonung Eurer Telefonleitungen etwas verkleinert (nur damit keiner behauptet, Dagens Nyheter produzierte so scholecht auflssende Bilder).

In Stockholm schwemmt natürlich nix über. Bei den vielen Seen und Meeren und Buchten und BrackgewSssern kommt es auf ein paar Kubikkilometer mehr oder weniger auch nicht mehr an. Trotzdem ist es nass, dampfig und trüb. Und die Sonne, die sich den ganzen Abend lang nicht zum Untergehen entschliessen kann, hängt einem dauernd wie eine milchige Gl&uumnl;hbirne direkt vor den Augen.

24. Juli 2000

London!
Mailand!
Paris!

An dem kleinen FuÄweg, der vor meiner Arbeit entlangfÙhrt (ja genau, der, wo ich mir den Kaugummi reingetreten habe), gibt es eine kleine Zahl von schlechtgehenden LSden. Es gibt eine "Akademiska Bokhandling" (Buchhandlung), die seit zweieinhalb Jahren geschlossen ist, einen Godisladen (der komischerweise als einziges GeschSft eine Goldgrube zu sein scheint. Ich verstehe das nicht, nie ist jemand drin, ausser der Besitzerin, die mir jedesmal versucht, die Grundregeln des Pferdewettens zu erklSren), dazwischen die tiefdekolletierte Friseuse, ein Lebensmittelladen und ein ModegeschSft. Vor zwei Jahren erhielt das LebensmittelgeschSft einen neuen Besitzer, einen Iraker. Seit dem hies es Ehab's Livs. Ehab und seine Freunde saÄen immer im Hinterzimmer, und wenn jemand an der Kasse wartete, kam einer von ihnen raus zum Kassieren. Nach einem Jahr verkaufte Ehab Ehab's Livs an einen anderen Iraker, und seitdem heisst es Huddinge Livs. Ehab selbst übernahm das Modegeschäft daneben. An schsnen Tagen rollt er alle seine vier KleiderstSnder auf den schmalen FuÄweg. Dann sieht es fast so aus wie auf einem irakischen Basar. An zwei der KleiderstSnder hSngen T-shirts aus 70% Baumwolle, 30% Kunstfaser. In allen GrsÄen und in sieben Farben. Am dritten KleiderstSnder hSngen TrSgerkleidchen, zur HSlfte in Weiss, zur anderen HSlfte in Gelb, aber alle mit gerafften SSumen an Ûrmeln, KrSgen und unten und mit den gleichen lilanen Blumen bedruckt. Ich verstehe nur wenig von Damenoberbekleidung, aber man muss nicht viel rechnen ksnnen, um zu dem Schluss zu kommen, dass diese TrSgerkleidchen geradezu sensationell kurz sind, und jede Dame von über zehn Jahren sffentliches Ärgernis damit erregen würde. Oder auch nicht. Am vierten StSnder hSngen Strandhosen mit Gummibund aus Mischgewebe. Nicht unbedingt das ideale Land, um solche Hosen zu verkaufen. Das schönste aber ist ein groÄes Pappschild, das neben die KleiderstSnder gestellt wird:

MODE AUS LONDON, MAILAND, PARIS

JEDES TEIL NUR 99,90 KRONEN

London, Mailand und Paris müssen den guten Ehab mit geradezu unerschöpflichen Vorräten versorgt haben, denn noch nie habe ich gesehen, dass auch nur ein freier HSngeplatz an seinen KleiderstSndern geblieben wäre.

Aber vielleicht ist der arme Ehab frustriert, weil nie eine Kundin sich dazu bewegen lassen wollte, eines seiner schönen Hängekleidchen anzuprobieren. Jedenfalls steht seit zwei Wochen auf dem Pappschild eine kleine Zwischenzeile eingefügt:

MODE AUS LONDON, MAILAND, PARIS

wegen Geschäftsaufgabe
                          89,90
JEDES TEIL NUR #### KRONEN

Seinem nachfolger im Huddinge Livs scheint es etwas besser zu gehen. Zwar ist der
(Chinese Chicken)/(Sweet-Sour Chicken)-Index bedenklich gefallen.

Dieser Wert gibt das Verhältnis der Packungen "Findus Chinese Chicken" zu "Findus Sweet Sour Chicken" in der Tiefkühltruhe an. Jeder mag nur "Findus Chinese Chicken", niemand kauft "Findus Sweet Sour Chicken", ich auch nicht. Der
(Chinese Chicken)/(Sweet-Sour Chicken)-Index ist daher ein verlässlicher Indikator dafür, wie häufig der Besitzer seinen Warenbestand aktualisiert. Findet man nur "Findus Sweet Sour Chicken", dann kann man eigentlich gleich wieder gehen.

Jedoch hat er sich erfolgreich auf das Verkaufen von Mobiltelefonen spezialisiert, ein Markt, der in Schweden einfach nicht totzukriegen ist. Hinter der Kasse ist gar kein Platz mehr, weil er zwischen lauter Kartons sitzt, in denen Telefone, Kabel (auch Mobiltelefone scheinen komischerweise Kabel zu benötigen), Batterien und tonnenweise anderer Zubehö,r darauf warten verkauft zu werden. Weil er den ganzen Tag zwischen seinen Kartons mit den Kunden über technische Detail fachsimpelt, kommt er anscheinend gar nicht mehr hinter der Kasse raus, um zum Beispiel nach seinen Gemüsesteigen zu sehen, die schon seit Monaten traurig leer, umgekehrt an der Hauswand lehnen. Auch die Keksvorräte werden nicht mehr aufgefüllt. Vor mich ist das eine herbe Entwicklung. Die einzige Gelegenheit, nach acht Uhr abends noch was zum Essen zu kriegen, und jeder weiss, dass der Kekshunger immer erst nach acht Uhr abends einsetzt.