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Auf der Straße wohl ein Posthorn klingt
mein Herz! mein Herz!
Wie kommt es, dass es so hoch aufspringt
mein Herz! mein Herz! mein Herz!

Wilhem Müller: Die Winterreise

Nein, es ist auch in Schweden kein Posthorn mehr, dass auf der Straße klingt, aber es ist die gigantische Klappe des Briefeinwurfschlitzes. Aus älteren Häusern kennt man Briefeinwurfschlitze an der Wohnungstür auch in Deutschland. Der Brief wird nicht in einen Briefkasten im Parterre, sondern direkt in die Wohnung geschmissen. Man hat also, wenn man einen Brief nicht beantwortet, keine Möglichkeit, sich darauf hinauszureden, dass man im Mai vergessen hätte, den Briefkasten zu leeren. In Schweden sind Briefeinwurfschlitze auch heute noch ganz aktuell, und es sind nicht so kleine Leichtmetalldeckelchen wie in Deutschland, sondern sie sind erstens ziemlich schwer, zweitens werden sie mit einem Federmechanismus zurückgezogen, so dass, wenn die Reklame (es ist ja fast immer nur Reklame) in die Wohnung geflattert ist, sich die Luke mit einem saftigen Knall wieder schließt.

Bei mir ist die Wohnungstür nur eineinhalb Meter vom Badezimmerspiegel entfernt, und wenn ich es nicht schaffe, mit dem Rasieren vor zwoelf Uhr fertig zu sein, dann kann es passieren, dass ich mich schneide. So war es zum Beispiel heute. Und das alles nur für einen Scheiss-Möbelprospekt.

2. Juni 2000

Das Ahmed-Problem der Begrüßungszyklen

Es gibt in Stockholm verschiedene Möglichkeiten der Begrüßung (ich schreibe "Stockholm", weil es innerhalb Schwedens kleine regionale Unterschiede in dieser Frage gibt). Die offizielle Begrüßungsformel ist "Hej", das bedeutet in etwa "Grüss Gott" oder "Guten Tag". (in deutschen Sprachführern für Schwedentouristen wird "Goddag" empfohlen. Goddag ist aber mehr als total veraltet. Man kö,nnte es vielleicht treffend mit "Gott zum Gruße" oder so ähnlich widergeben. Die Sprachführer-Autoren gehen davon aus, dass die deutschen Touristen Hemmungen haben, "Hej" zu sagen, und eigentlich ist das ganz gut, weil die schwedischen Souvenirladenbesitzer immer gleich erkennen, dass die Kunden bereits einen Sprachführer besitzen). Es gibt dann noch eine weitere Art der Begrüßung, die nicht ganz leicht zu definieren ist. Sie lautet mal "Tscha", mal "Tscha Tscha" und mal "Tscheena". Es gibt eine Vielzahl von Aussprache- und Betonungsvarianten, aber gemneinsam ist allen Begrüßungen der Tscha-Familie, dass sie sehr undeutlich gemurmelt werden.

"Tscha" ist eigentlich nicht literaturfähig, aber in schlechten Comix kommt es manchmal vor, und da wird es Tja gschrieben. Als ich das zum ersten Mal las, wurde mir mit einem Schlag die ethymologische Herkunft der Begrüßung "Tscha" klar. Es entspricht eigentlich sehr genau dem deutschen Tja. Es wird weniger gesprochen als vielmehr ausgestoßen. Das deutsche Tja ist eine dankbare Eröffnungsformel wenn man (a) irgendetwas sagen muss, aber nicht so recht weiss, was (Tja, es sieht so aus, als würde es übermorgen regnen) oder (b) wenn man etwas Bestimmtes sagen muss, aber nicht weiss, wie (Tja, Herr Maier, wussten Sie eigentlich schon, dass wir in unserer Firma Überkapazitäten abbauen müssen?). In Schweden geht man da noch weiter. Man sagt nur noch "Tja....". Das könnte verschiedene Interpretationen zulassen. Ich würde es so übersetzen: "Ersparen wir uns doch gegenseitig die Quälerei, ein Gesprächsthema zu suchen!" Die höfliche Antwort auf "Tja" ist übrigens auch "Tja".

Ganz anders ist es mit "Tja Tja". "Tja Tja" wird schneller und lebhafter ausgesprochen als das dröge "Tja" und wortwörtlich übersetzt bedeutet es "Ich habe Dich jetzt mit zwei langen Sätzen vollgemüllt, die beide mit Tja anfangen, und Du bist so an die Wand geschwallt worden, dass es Dir die Sprache verschlagen hat." Das ist sehr höflich, weil es den anderen der Verpflichtung enthebt zu antworten. Tatsächlich habe ich noch nie gehört dass jemand einen "Tja Tja"-Gruß zurückgegeben hätte.

Bleibt noch "Tjeena". Tjeena scheint eine Verkleinerungsform von Tja zu sein, so wie Tach-chen oder Hallöchen. Es hat irgendwie etwas einschleimend anbiederndes. Schon die Aussprache so etwas fragend erwartungsvolles. Man spricht es eigentlich "Tjee....Na?"

Ob man will oder nicht, nach "Tjeena" fühlt man sich fast gezwungen irgendwas zu sagen. Ich hasse dieses Wort.

Um mich aber jetzt langsam auf das Ahmed-Problem zuzuarbeiten...

In Geschäften wird man fast immer begrüst. Und zwar in dem Moment, in dem die Kassierin oder der Kassier den Preis einzutippen beginnen. Also wenn der für das Geschäft eigentlich begrüßenswerte Teil des Kundenaufenthalts stattfindet. Man kann eine halbe Stunde lang geduldig und zuvorkommend - aber eben völlig grußlos - beraten werden. Danach setzt sich die selbe Verkäuferin hinter die Kasse und in dem Moment, in dem sie die erste Ware vom Förderband nimmt, blickt sie auf, dem Kunden strahlend in die Augen, lächelt ihn an, als hätte sie ihn zum ersten Mal gesehen - "Hej".

Wer in Fragen des menschlichen Miteinanders ein Purist ist, der könnte jetzt das Ritualhafte und Schablonenmäßige dieses Vorgangs kritisieren. Das interessiert mich aber überhaupt nicht. Wenn ich etwas einkaufe, dann will ich so schnell wie möglich fertig sein und mich dabei nicht ärgern müssen, und mich auch nicht blamieren. Das sich die Verkäuferin nicht wirklich für mich interessiert, ist mir mit nur ganz wenigen Ausnahmen (eine bei Vivo in Norrtull, und eine bei Magdas Grill) völlig wurscht.

Aber jetzt zu Ahmed...

Ahmed ist der Kassier in der Kantine des Krankenhauses, in dem ich, wie die meisten von Euch schon wissen, gelegentlich zu Mittag esse. Als ich diese Kantine zum ersten Mal besuchte, mir mein Essen aufs Tablett geschöpft, und mich damit vor Ahmeds Kasse gestellt hatte, begrüsste ich ihn, wie ich es gewohnt war, mit einem Freudigen "Hej". Ahmed zählte die Scheine in seiner Kasse, beachtete mich nicht weiter, sagte irgendwann zwischen drin: "dreiundvierzig Kronen" und zählte weiter.

Am nächsten Tag ging ich wieder in die Kantine, begrüßte Ahmed höflich, Ahmed zählte, und ließ mich irgendwann gnädig wissen, dass ich ihm dreiundvierzig Kronen schuldig sei, und zählte weiter. Nach einer Woche war es mir zu blöd, ich stellte mich stumm wie ein Fisch mit meinem Tablett vor Ahmed hin. Ahmed begrüsste mich munter mit "Hej". Lächelnd bat er um dreiundvierzig Kronen, und ich hatte danach ein schlechtes Gewissen, so ein netter Mensch, und ich habe ihn so niederträchtig behandelt. So ging es wieder eine ganze Woche lang, und irgendwann ging ich in mich, ich dachte mir, der gute Ahmed gibt sich so viel Mühe, und ich bin stoffelig wie ein Stockfisch. Ich beschloss, mich zu bessern, und am nächsten Tag, mit meinem Tablett in der Hand, begrüsste ich Ahmed auf das Netteste. Ahmed saß über seiner offenen Registrierkasse und zählte...

So geht das jetzt jahraus jahrein, ich grüße - Ahmed zählt - Ahmed grüßt - ich schweige. Jedesmal, wenn ich in diese Kantine gehe, denk ich schon lange vorher nach, wer eigentlich diesmal dran ist. Wenn es hier ausreichend Gelegenheiten geben würde ich das Problem ganz einfach lösen, in dem ich wo anders Mittag esse. Aber leider gibt es hier nicht so viele Lokale, wo man meistens akzeptabel essen kann.

Ich muss mich also mit dem Ahmed-Problem abfinden.