Make your own free website on Tripod.com
Nachdem ich gestern früh wieder Jan zum Opfer gefallen bin, kann ich heute meinen Mund kaum zumachen, geschweige denn normal essen. Ich kann gerade noch kauen, wenn ich nur die äußersten linken Molaren gegeneinander mahle. Das ist zwar nicht besonders effektiv, sieht aber sehr gefährlich aus.

Wer schon mal in einem der vielen Bücher über das Leben der Dinosaurier geblättert hat, der weiss, dass man die Fleischfresser am Vorhandensein der Schneidezähne von den Pflanzenfressern unterscheiden kann. Das stimmt natürlich heute längst nicht mehr. Das hasenzähnige Karnickel beispielsweise ist geradezu der Prototyp des Vegetariers, während andererseits das ewigmahlende Rind zum Zweck des Masseaufbaus mit all jenem tierischen Eiweiss gepäppelt wird, dass man nicht mal mehr dem Mensch zur Ernährung zumuten kann.

Aber wie ist das mit dem Menschen? Was isst ein Mensch mit schmerzendem Schneidezahn? Die logische Antwort wäre: Gemüse. Aber irgendwie haben es die schwedischen Kantinenbesitzer geschafft, ihren Gästen weiszumachen, Gemüse sei ein Arme-Leute-Essen, und sie hätten das nicht nötig. In Wirklichkeit ist es natürlich so, dass das Gemüseputzen, Rübenschälen, Zwiebelschneiden viel mehr Arbeit macht, als ein Stück Fleisch in die Pfanne zu haun. Höchstens gibt es manchaml einen Löffel Büchsenerbsen als Dekoration dazu.

Aber das alles wäre mir im Moment eigentlich egal. Tatsache ist, dass ich irgendwas essen muss, Fleisch oder Gemüse, völlig wurscht. Deshalb war es heute meine Rettung, dass es in der Kantine etwas gab, was ich eigentlich bis auf den Grund verabscheue: Biff, auf deutsch "toter Hund". Biff besteht etwa zur Hälfte aus Rind, zur Hälfte aus anderem tierischen Eiweiss, das man dem Rind zur Ernährung nicht zumuten kann, aber hinter dem Fleischwolf ist ja alles gleich. Mir war es heute auch gleich. Hauptsache, was, was man nicht kauen muss.

Ich bemühe mich immer um ein gutes Verhältnis zu Kantinenangestellten, weil ich mir auf diese Weise gewisse Privilegien erarbeiten kann, beispielsweise einen Extra-Löffel Erbsen. Heute wollte ich mit diesem Pfund wuchern, und fragte, ob es möglich sei, einen zweiten Biff zu nehmen, schließlich hatte ich seit gestern früh fast nichts gegessen. Die Warmmamsell seufzte, ein zweiter Biff koste eigentlich zehn Kronen extra, zumindest stand das auf der Tafel, aber ich könnte einen und einen halben nehmen. Das ein halber Extrabiff etwas koste, stand nirgends. Das war immerhin besser als gar nichts. Ich nahm also einen ganzen Biff, und zwei halbe, und die nette Köchin tat so, als habe sie nichts gesehen. Mit Ahmed an der Kasse gab es ohnehin kein Problem, der war viel zu sehr damit beschäftigt, seine Geldscheine zu zählen.

Am Samstag lag das natürlich alles noch weit weit vor mir. Ich hatte zu dieser Yeit kaum eine Ahnung, was ein Schneidezahn eigentlich ist. Und deshalb dachte ich am Samstag voller Euphorie: "Gönnst Du Dir mal was!".

"Aber was?", fragte ich mich eine Sekunde später und die Euphorie verschwand so schnell, wie sie in mir aufgestiegen war. In eines der wenigen, "richtigen" Restaurants zu gehen, hätte einigen Aufwand erfordert, vor allem hätte es nur Spaß gemacht, wenn jemand mitgegangen wäre, aber für eine solche Action war die Idee einfach zu spontan. Also dachte ich an die landestypischen Auftau-Mikrowelle-Warmhalteeimer-Restaurants, und entschied mich für asiatisch, weil bei asiatisch die Qualität zumindest stabil ist.

Man macht immer den gleichen Fehler. Dass Qualität stabil ist, heisst noch lange nicht, dass sie gut ist. Man kann auch gewohnheitsmäßig in das immer gleiche stabil-schlechte Restaurant gehen, in dem man sich schon zehn mal geärgert hat, und sich dann zum elften Mal ärgern. Wer sich gerne stabil über asiatisches Essen ärgert, dem empfehle ich, eine der drei Filialen des Restaurant "Sawadee" aufzusuchen, die alle rund um den Hötorget gruppiert sind.

An der Theke ("Warteschlange beginnt hier. Von links anstellen!") stand ein dunkelhäutiger Mann mit sehr breiten Überaugenwüsten, den ich für einen Bangladeshi halten würde (ohne mir dessen sicher yu sein). Als ich meine Bestellung aufgab, verzog er nicht einmal sein Gesicht. Das einzige was er sagte, war "Dricka" (Trinken). Ich nannte ihm mein gewünschtes Getränk, und dann sagte er noch den Preis, den ich zu bezahlen hatte, und ich durfte mich an meinen Tisch setzen.

Nach einer Weile kam ein Mädchen mit meinem Tablett (Nudeln mit Gemüse). Sie war nicht so finster wie der Bangladeshi, und sie hatte ein etwas östlicheres Gesicht. Vielleicht kam sie von den Philippinen. Auf beiden Seiten des Kinns hatte sie riesige Hämatome. Früher hätte ich gedacht, wahrscheinlich hat sie in der Küche ein Glas runtergeschmissen, und ist dann vom bösen Bangladeshi bestraft worden, aber seit einiger Zeit weiss ich ja, dass sowas auch vom Facelifting kommen kann.

Das Essen selbst war nicht schlechter als sonst auch. Das Gemüse war etwas zu weich gekocht (heute wäre ich froh darum), aber an den Nudeln kann man eigentlich nichts aussetzen. Leider war alles ertränkt in einer sehr sehr salzigen Soße. Die schwedischen Köche demonstrieren im Allgemeinen ihre Großzügigkeit gerne durch Aufpreisfreie Gaben von Extra-Salz. Aber man kann es auch übertreiben. Ich konnte nur das essen, was nicht in der Soße hing.

Sehr schön war allerdings der Blick aus dem Fenster. Ich konnte nämlich direkt auf das chinesische Restaurant Kejsaren sehen. Im Kejsaren war ich erst einmal, und das war wirklich gut. Nur leider, im entscheidenden Moment vergesse ich das immer.

5. Juni 2000

Eines Tages, vor langer Zeit, zog eine Schulfreundin meiner Schwester zusammen mit ihren Eltern um, in einen kleines Dorf im östlichen Niederbayern (man könnte auch sagen, sie wurde umgezogen). Zu diesem Dorf gäbe es viel zu erzählen, aber ich will mich darauf beschränken, dass es in der Mitte des Dorfplatzes ein Kriegerdenkmal gab, rechts davon das Wirtshaus, und links davon das Haus, in dem eben diese Schulfreundin wohnte, in einem Zimmer von dessen Fenster sie immer einen hervorragenden Ausblick auf das Geschehen hatte.

Deshalb konnte sie berichten, dass die Dörfler um Mitternacht, wenn sie aus dem Wirtshaus kamen, vor dem Heimweg immer noch kurz beim Kriegerdenkmal vorbeischauten, um den gefallenen Kameraden eine spätabendliche Ehrenbezeugung angedeihen zu lassen. So wie man eben auf dem Land abends einen gefallenen Kameraden ehrt. Die Kameraden freuten sich natürlich. Sie wurden ja nicht wirklich nass, sondern saßen auf einer Wolke und schauten hinunter und lächelten.

In Schweden gab es schon seit über zweihundert Jahren keinen Krieg mehr. Das hat fast nur Vorteile. Der einzige Nachteil ist der, dass es ohne Krieg keine Kriegerdenkmäler gibt, so dass das nächtliche Bier sich andere Abflußwege bahnen muss. Wie macht das nun der Schwede?

Man kann allerhand beobachten, wenn man an einem späten Freitag- oder Samstag-Abend zu Fuß vom Hauptbahnhof zum Sveaplan geht. Ich habe allein an diesem Wochende gesehen (von Süd nach Nord):

(-) am Segelstorget ein Mädchen, dass auf dem Trottoir saß und recht ungeniert ihren ebenfalls breitbeinig dasitzenden Freund befummelte (wobei "befummeln" von allen möglichen Ausdrücken noch der druckreifste ist)
(-) eine Rauferei zwischen drei Jungs auf dem Hötorget
(-) fünf Teenies, die auf dem Sveavägen mitten auf dem Trottoir lagen, und das wahnsinnig cool fanden
(-) einen, der gegen eine Schaufensterscheibe trat. (die Scheibe ging dabei allerdings nicht zu Bruch)
(-) einen sehr starken, jungen Mann, der mit einem Supermarkt-Einkaufswagen auf ein parkendes Auto eindrosch
(-) ein sehr herzzerreisend heulendes Mädchen
(-) zwei laut streitende Pärchen, die sich gegenseitig die Taschen aus der Hand rissen und sie auf den Boden schmissen, umringt von vier Polizeiwägen mit Blaulicht, deren Insassen aber nicht so recht wußten, was sie tun sollten.

Je voller die Blase, um so aggressiver die Leute. Deshalb wird es den Sveavägen entlang noch Norden immer schlimmer. Denn dort, fast schon am Ende der Straße, zwischen Surbrunnsgatan und Vanadisgatan gibt es eine Einbuchtung in der Häserzeile ( das heist, die Häuser sind dort um etwa dreißig Meter zurückgesetzt), und wenn der Name nicht schon vergeben wäre, würde ich diese Stelle den "Platz des himmlischen Friedens" nennen.

Den an dieser Stelle gibt es einen Würstlstand, der bis um fünf Uhr in der Früh offen hat, und der die gleiche sanitäre Funktion erfüllt wie an anderswo das Kriegerdenkmal. Dabei muß man folgendermaßen vorgehen:

Man stellt sich an den Randstein und uriniert quer über das Trottoir gegen die Bretterwand (nicht jeder schafft es soweit).

Ausserdem kann man dort auch noch Wurst kaufen. Die knabenhaften Aktivitäten der Besoffenen tun der Beliebtheit dieses Lokals unter den Wurstfreunden keinen Abbruch. Man kann sogar von innen, durch eine Fensterscheibe geschützt, hinausschaun, und illegale Wetten abschließen.

Ich bin ein sehr toleranter Mensch, und würde niemandem empfehlen, sich "es" zu verhalten. Besser ein vollgeseichter Würstlstand, als eine vollgeseichte Hose. Aber der Stand hätte zum Beispiel auch eine nicht-einsehbare Rückwand. Und dahinter kommen parkende Autos. Und hinter den Autos kommt eine Gruppe mit im Moment sehr schön blühenden Fliederbüschen. Unter hinter den Fliedern kommen noch mal parkende Autos. Und dahinter kommen im Moment sehr schön blühende Kastanienbäume mit Stämmen so dick wie drei Wikinger zusammen.

Aber es muss das Trottoir sein. Wer weiss, vielleicht geschehen unter den Fliedern und unter den Kastanien Dinge, bei denen die Urinierer noch viel mehr stören würden.