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Letzte Woche hab ich in der U-Bahn-Postille metro eine längere Betrachtung über Werbung und Werbestrategien in verschiedenen Ländern gelesen. Dieses Aufsätzlein stammte von jemandem, der es wissen muss, selbst ein Werbe..., Werbe..., ja wie heissen die denn eigentlich? Inhaber einer Firma, die Reklame für andere Firmen organisiert. Der Einfachheit halber wollen wir ihn Lasse nennen, den richtigen Namen habe ich mir natürlich nicht gemerkt. Lasse stellt also einen Vergleich an, zwischen dem Gedanken, der den Werbekonzeptionen in den verschiedenen Ländern zugrunde liegt. Zum Beispiel will die amerikanische Werbung überzeugen. In einem amerikanischen Werbespots wird das Produkt als das beste, größte, billigste ... angepriesen. Das weisseste Weiss, der saftigste Hamburger, das ist Amerika.

Die französische Werbung will eher verführen. Wenn eine nackte Schöne für Motorenöl, Schlagbohrmaschinen oder Haftpflichtversicherungen wirbt, dann kommt diese Reklame sicher aus Frankreich.

Was Lasse uns über die schwedische Werbung berichtet hat, daran erinnere ich mich leider nicht mehr. Aber das macht ja nichts, schließlich habe ich ja selbst Gelegenheit, mir darüber Gedanken zu machen.

Eine solche Gelegenheit bot sich mir gestern. Ich kam schon früh in die Arbeit, aber nach zwei Stunden wurde ich von so heftigen Kopfschmerzen heimgesucht, dass ich bald einsehen musste, dass es keinen Sinn hat, länger auf meinem Schreibtischstuhl zu hocken, und lustlos Tageszeitungsartikel am Computer zu laden und dann doch nicht zu lesen. Ich tat also das einzig Vernünftige, und fuhr gleich wieder nach Hause, um dort - die beste Medizin gegen Kopfschmerzen - den Nachmittag vor dem schwedischen Fernsehprogramm zu verbringen und die Werbung zu studieren.

Zuallererst sei einmal angemerkt, dass die Lämmer-gleiche Leidensfähigkeit der Schweden es der ermöglicht, sich in Belangen der Seriosität oder anderer veralteter Sekundärtugenden des Einzelhandels auch der letzten Tabus zu entledigen. Einmal sah ich einer Kollegin zu, die in einer Tageszeitung blätterte und begeistert auf die ganzseitige Anzeige irgendeines freundlichen Möbelhauses zeigte. Diese Regalwand für nur 4999 Kronen werde sie sich am Wochenende kaufen. Als ich sie in der darauffolgenden Woche gefragt habe, ob sie die Regalwand gekauft hätte, berichtete sie, man habe ihr dort gesagt, die Annonce stimmte nicht, die Regalwand habe 6999 Kronen gekostet. Aber da sie schon mal dagewesen sei, hat sie sie dann trotzdem gekauft.

Aber solche kleinen Frechheiten gibt es natürlich in der Fernseh- und Plakatwerbung nicht so direkt. Aber im Großen und Ganzen lassen sich Lasses Erläuterungen so ergänzen: die schwedische Reklame versucht, zu verarschen, und dadurch die Aufmerksamkeit des Konsumenten zu gewinnen. Wir alle wissen, dass das das Beste, vielleicht sogar das einzig wirkungsvolle Konzept ist. Wer erinnert sich nicht an die Zeit der dämlichen Werbesongs. Sobald wir in der U-Bahn endlich allein waren, haben wir angefangen vor uns herzusummen, "Waschmaschinen leben länger...". Am nächsten Tag habe wir dann beobachtet, wie glückliche Familienväter im Supermarkt pfeifend ganze Einkaufswägen voll mit Entkalker-Paketen zur Kasse geschoben haben. Ein Beispiel für einen herrlichen Selbstironie-Spot: Ein schwedischer Tourist irgendwo in der Bronx nimmt einer Horde Jugendlicher, die auf irgendeinem Parkplatz Basketball spielen, den Ball weg, und erklärt mit einem wunderschönen schwedischen Akzent, er sammle Telefonnummern von Leuten auf der ganzen Welt, und er werde den Ball nicht eher zurückgeben, als er nicht von allen Spielern die Telefonnummern erhalten habe. Und dann sagt er diesen wunderschönen Satz, den sich eigentlich nur ein Schwede ausdenken kann: "No Telefone numbers - no more playing with the balls." Vielleicht werden Nicht-Schweden mir nicht folgen können, aber dieser Satz wird das Bonmot des Jahres auf allen Schulhöfen zwischen Malmö und Kiruuna werden. Dass ich nicht ganz verstanden habe, worum es bei diesem Werbespot geht, liegt sicher an meiner technischen Unbegabtheit. Es handelt sich um irgendeine bestimmte Art von Mobiltelefonen bei der irgendwas mit der Telefonnummer besonders ist. Aber ich weiss schon jetzt, dass ich eines Tages ins Geschäft gehen und sagen werde "No more playing with the Balls" und man wird mir genau das richtige Telefon in die Hand drücken.

Ein anderes Beispiel von wunderschön blöder Reklame sind die Plakate, die jetzt in Gruppen von vier bis sechs in allen U-Bahnhöfen hängen. Es ist eine Aktion einer Firma, die Lösungen zum Gebrauch des Internets mit dem Mobiltelefon anbietet. Gesucht werden Leute, die sowohl diese Firma zu managen, als auch diese Telefone zu verkaufen bereit sind, dazu Programmierer, Entwickler, ... Wer ist eigentlich überhaupt bis jetzt in dieser Firma angestellt? Auf den Plakaten sind junge Leute zu sehen, bleiche Damen mit Kurzhaarschnitt, feiste Mämner mit Doppelkinn und Kinnbart, und alle haben sie etwas gemeinsam: Sie tragen einen schwarzen Anzug und breite, schwarze Sonnenbrillen. Mindestens tausend Leute werden sich jetzt jeden Tag über diese Reklame ärgern und sich fragen, wieso man, um Telefone zu verkaufen, rumlaufen muss, wie ein verspäteter Blues Brother. Aber vielleicht wirkt ja gerade dieses Konzept, und alle Leute wollen jetzt bei dieser Firma arbeiten. Es ist das schwedische Konzept: du musst es nicht mögen, aber du musst es schlucken.

Ich selbst besitze kein Mobiltelefon, weder mit noch ohne Internet, und muss mir daher meinen Krebs auf andere Weise besorgen. Ein zuverlässiges Mittel ist das Rauchen. Alle Versuche, damit aufzuhören, sind jedesmal kläglich gescheitert. Der letzte erst heute früh. Als ich es nicht mehr ausgehalten habe, und den ersten besten "Tobaksaffär" am Sveavägen betreten habe, hat mich auch gleich das Schicksal schwer bestraft.

Der Tobaks-Verkäufer merkte nämlich schnell, dass ich nur mäßig Schwedisch konnte, und da ihm offensichtlich sehr langweilig war, nutzte er diesen Umstand, um ein Gespräch anzufangen. Ob ich denn Russe sei? Diese Frage wunderte mich ein bischen, denn ich habe nach Glimmstengeln verlangt, die als Markenzeichen ein höckriges Säugetier tragen, keines wegs nach Papyrossi. Zu schade, dass ich kein Russe sei, er kenne nämlich einen Russen, der vor zwei Jahren in Stockholm gearbeitet habe. Ich habe noch nie eine blödere und weiter hergeholte Art und Weise erlebt, um einen Small oder Big Talk einzuleiten.

Jetzt musste ich natürlich höflicherweise fragen, ob er denn selbst Russe sei. Nein woher denn, er sei Iraner, aber es treffe sich gut, dass ich Deutscher sei, denn als er vor achtzehn Jahren im Iran gearbeitet habe, hatte er zum Zwecke der Kommunikation (wahrscheinlich meinte er Telefon) für sein Land 187 Mikrowellen von Siemens gekauft (die Welt ist klein), und überhaupt, wie ich denn die schwedischen Girls fände.

Ich hatte schon Befürchtungen, was er als nächstes fragen würde, und deshalb dachte ich, es sei besser, diese Frage ausführlich zu beantworten und ihn weiter nicht zu Wort kommen zu lassen (ich werde aber hier jetzt nicht schreiben, wie ich die schwedischen Girls finde). Aber ich hatte nochmal Glück. Die Tür ging auf, und herein kamen zwei schwedische Girls. Noch nie haben sie mir so gut gefallen wie in diesem Moment. Ich flüchtete schnell aus dem Laden, und ließ die zwei schwedischen Girls in der Obhut dieses freundlichen Herrn.