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Planet Earth is blue
and there 's nothing I can do

aus David Bowie, Space Oddity, das genausogut Scandinavian Oddity heissen könnte.

Es gibt, wie jeder weiss, nichts billigeres, als von Stockholm nach München zu fliegen. Nur muss man das in so einem Falle schon mindestens eine Woche vorher wissen. Wenn man sich aber kürzerfristig entscheiden möchte, dann wird die Sache schon ein bischen teurer. So erklärte mir der nette Herr vom Reisebüro am Telefon, dass ein Hin- und Rückflug, der fünf Tage im Vorraus gebucht wird, schlappe elftausend Kronen, also etwa 2500 Mark kostet.

Wer das gerade nicht passend zur Hand hat, für den bleibt mal wieder nur die gute alte Eisenbahn. Letztes Mal nahm ich die Pionierstrecke über Malmö. Weil ich dieses Mal besonders viel Gepäck dabeihatte, wollte ich aber nicht den Weg vom Kopenhagener Hafen zum Bahnhof nehmen, und habe mich statt dessen für die von der Schwedischen Eisenbahngesellschaft empfohlene Route von Bahnhof zu Bahnhof entschieden.

Schön blöd!

Eigentlich hatte alles ganz gut angefangen. Ich war schon eine Dreiviertelstunde vor Abfahrt des Zuges am Bahnhof, hatte alle Plätze reserviert, und saß auf einer Bank und wartete auf meinen Zug. Neben mich setzten sich vier ältere amerikanische Touristen, die, wie es bei älteren Herrschaften manchmal so ist, Panik hatten, dass sie nicht rechtzeitig in ihren Waggon hineinkämen, und mich schon vierzig Minuten vor Abfahrt des Zuges frugen, ob ich denn wüsste, wo genau der Waggon Nummer fünf hielte, und wenn nicht, ob ich ihnen zumindest sagen könnte, ob die Waggons von der Lokomotive her oder von hinten nummeriert würden. Wie immer in den praktischen Belangen des Lebens völlig unbegabt, konnte ich keine große Hilfe sein.

Aber welche Freude, als sie erfuhren, dass ich aus Deutschland sei. Es stellte sich nämlich heraus, dass die beiden Herren (die anderen waren ihre Gattinnen) alte Kameraden waren, und früher gemeinsam in Pirmasens stationiert waren. Sie konnten sogar ein paar Worte Deutsch: "Fraulain, ein Bier" - "Wo ist hier bitte die Toilette?" - "Schweinerei!". Ich hielt ein höfliches Lob für angebracht. Die beiden sprachbegabten Veteranen machten sich als Spähtrupp auf den Weg, um die genaue Position des erwarteten Waggons Nummer fünf auszukundschaften, die eine Gattin ging aufs Klo, und so blieb die übriggebliebene Gattin neben mir sitzen, eine Situation, in der ich mehr oder weniger genötigt war, das Gespräch fortzusetzen. Ob sie das schwedische Essen nicht abschäulich fände? - Wie so? Es sei fantastisch! Sie habe nirgends auf der Welt so viele McDonald gesehen wie in Schweden und Norwegen.

Der Zufall wollte es, dass die vier Amis neben mir, aber auf der anderen Seite des Mittelgangs ihre Plätze hatten. Ich täuschte natürlich sofort einen Tiefschlaf vor, aber meine Satznachbarin fing mit ihnen ein lebhaftes Gespräch an, so dass ich die Augen noch ein bischen länger zuließ.

Dann kam der Schaffner. Die Amis hatten eine Art Skandinavien-Rundreise-Ticket, und der Schaffner meinte, sie müssten jeweils fünfhundert Kronen Strafe zahlen, weil das Ticket nicht in der richtigen Art und Weise abgestempelt worden sei. Die eine Touristin rechtfertigte sich, der Schaffner in Norwegen habe aber gesagt, sie brauche keinen Stempel.

Ein Raunen ging durch den Waggon. "Norrmän!" (Norweger), rief meine Sitznachbarin. Die Norweger sind aber auch zu blöd. Können nicht mal einen Fahrschein richtig abstempeln. Der Schaffner entschied, dass von einem Norweger beraten worden zu sein, ein mildernder Umstand ist, ergänzte die Stempel, und erließ großmütig die Strafe.

In Hässleholm musste ich dann umsteigen. Ich hatte erwartet, in einen anderen Zug zu steigen. Statt dessen wird die Linie Hässleholm-Helsingborg vom privaten Bus-Unternehmen Scantrafic bedient. Der Bus kam schon mal fünfzehn Minuten zu spät. Aber trotzdem hab ich mir dabei noch nichts gedacht. Von H. nach H. ist es wirklich nur ein Katzensprung, und bei eineinhalb Stunden regulärer Fahrzeit zuzüglich fünfzehn Minuten Aufenthalt in Helsingborg bis zur Abfahrt der Fähre nach Helsingør dürfte es doch eigentlich keinen Unterschied machen. So zuckelte der Bus dröge über die leeren Landstraßen. Nirgends eine Ampel, nirgends ein Stau, nirgends eine Ampel. Kaum Fahrgäste, die zu- oder ausstiegen.

Als aber der Uhrzeiger näher und näher an die geplante Ankunftszeit rückte, rutschte auch immer unruhiger auf meinem Sitz hin und her. Na ja, dachte ich, sicher kommt es gleich hinter der nächsten Kurve. War ja schließlich noch nie in Helsingborg. Aber hinter der nächsten Kurve kam es nicht, und hinter der übenächsten auch nicht. Die angepeilte Ankunftszeit ging tatsächlich vorrüber und dann auch noch die Abfahrtszeit der Fähre. Drei Minuten danach kamen wir in Helsingborg an. Noch immer hoffend, vielleicht doch noch die Fähre zu erwischen, fragte ich den Busfahrer, wo es denn zur Fähre ginge. Der schaut mit debilem Blick durch die Windschutzscheibe und antwortet mit unbeteiligtem Grinsen, er wisse nichts von einer Fähre. Wenn ich nicht in jeder Hand zwei schwere Gepäckstücke hätte, wär ich wahrscheinlich ganz schön in Schwierigkeiten gekommen...

Ich schaffte es immerhin trotz schwerstem Gepäck und absoluter Ortsunkenntnis noch der erste am, wie sagt man? An der Landebrücke zu sein. Aber die Fähre war natürlich weg. Sieben Minuten nach Abfahrt.

Dann kam die nächste Fähre, zwanzig Minuten später, aber bei der verzögerte sich die Abfahrt um weitere fünfzehn Minuten. Ich war ganz aus dem Häuschen. Nach der Fähre musste ich den Zug von Helsingør nach Kopenhagen kriegen, denn danach kam der Nachtzug von Kopenhagen nach München, für den ich einen Liegewagenplatz reserviert hatte. Ich versuchte an Bord verzweifelt, einen Kapitän, Matrosen oder Steward zu finden, die mir Auskunft geben konnten, fand aber niemanden als die sehr kompetente Verkäuferin des Bord-Würstlstands, die mir den Fahlrplan der Strecke Helsingør - Kopenhagen vorsagte, und mir erklärte, dass ich mir keine Hoffnung mehr zu machen brauchte. Ich war darüber in einen solchen Zorn über Schweden geraten, dass mir ein homosexueller schwedischer Forstarbeiter ganz einen Pappbecher Bier spendierte. Es stellte sich dann heraus, dass dieser Forstarbeiter ebenfalls in Kopenhagen einen Anschluss kriegen musste, und dann gesellte sich zu uns noch Pashk, ein Kosovoalbaner mit zwei kleinen Kindern, in der gleichen Situation. Wir beschlossen, uns zur gemeinsamen Durchsetzung unserer Interessen gegenüber dem Zugpersonal, und ich bildete mir ein, dass wir eigentlich ein ganz überzeugendes Team abgeben müssten. Der Forstarbeiter zieht seine Kettensäge, der Albaner sein Messer und mir standen vor Wut eineienhalb Kilo Schaum vor dem Mund. Aber der Forstarbeiter bekam seinen Anschlusszug gerade noch, und Pashk erwiess sich als ein dermaßen zivilisierter und kultivierter Mensch, dass mit ihm in dieser Hinsicht wenig anzugfangen war. So blieb es schließlich mir vorbehalten, mich mit der Kopenhagener Stationsvorsteherin zu streiten.

Ältere dänische Männer haben eine sehr ruhige und sanfte Stimme, dafür haben die älteren dänischen Frauen ein umso schneidenderes Strengeres Organ. Wahrscheinlich braunchen ruhige sanfte Männer solche Frauen. Ich erzählte also meine und Pashks Geschichte, aber die Bahnhofsvorsteherin meinte nur, "Tja, die schwedische Eisenbahn!", und im Übrigen sei der Zug weggefahren, und der nächste ginge erst morgen früh um dreiviertel acht, und was wir überhaupt bei ihr wollten. Ich meinte, dass ich ganz bestimmt nicht mehr den Fehler machen würde mit einem skandinavischen Zug zu fahren, aber es wäre ja wohl nicht möglich, dass Pashk mit zwei kleinen Kindern auf dem Bahnhof übernachte würde. Es ging so eine Zeitlang hin und her, und wir wurden beide ziemlich heftig. Dann schlug sie mir vor, es gäbe noch einen Zug um zwei Uhr in der Früh mit fünfmal Umsteigen, dann sei ich sogar noch siebzehn Minuten früher in München als mit dem um dreiviertel acht. Ich sagte ich nähme diesen Zug. Ich wollte auf gar keinen Fall eine Minute länger in Kopenhagen bleiben als unbedingt nötig.

Ich übernachtete aber dann doch in Kopenhagen in einem Hotel. Wer je in Kopenhagen übernachten will, der soll sich am besten ein sogenanntes "Missionshotelet" suchen. Der Name schreckt zwar etwas ab, aber es handelt sich um ganz normale, relativ preiswerte und saubere Hotels. Abend gegessen habe ich in einem kleinen chinesischen Lokal. Sehr glutaminsäurereich. Fiel bald vom Zanken erschöpft in einen tiefen tiefen Schlaf.