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Schaudernd eilt das Mädchen weiter
ohne Obdach, ohne Brot

Frank Wedekind

Natürlich soll in unserem heutigen Tagebuch-Eintrag die Rede nicht vom schweren Schicksal eines Mädchens sondern von dem eines mehr oder weniger ausgewachsenen Mannsbilds sein, und eigentlich ist diese Begebenheit auch gar nicht mehr ganz aktuell, aber vorgestern, als sie stattfand, hatte ich beim besten Willen keine Zeit zum Schreiben, und gestern hatte ich ein anderes Thema. Und wenn sich das vorgestrige Ereignis auch schon einige Wochen im Vorraus angekündigt hatte, wollte ich trotzdem nicht mit einer halben Geschichte den Ereignissen vorgreifen.

Am vergangenen Samstag lief nämlich mein Mietvertrag aus und ich musste umziehen. Ich begann schon sechs Wochen vorher mit der Suche nach einer neuen Bleibe, und da ich keine Lust hatte, lange zu suchen, nutzte ich den Wohnungssuch-Algorithmus der Zeitung Dågens Nyheter. Das schwedische Immobiliensystem ist sehr kompliziert. Es gibt grundsätzlich zwei verschiedene Formen des Wohnens. Das eine ist der Besitz eines eigenen Hauses, meist mit Garten, und das andere ist in der Stadt das Wohnrecht. Zu der Zeit, als Schweden noch ein sehr sozial geprägtes Land war, wurden die Mieter der Wohnungen mit einem sehr weitreichenden Wohnrecht versehen. Man durfte zwar nicht eigenmächtig Wände rausreissen, aber das war auch schon so ziemlich alles. Die Mietsteigerungen waren gesetzlich begrenzt, Kündigungen waren unmöglich, und die Verpflichtungen des Vermieters weitreichend. Dieses Wohnrecht ist vererbbar und handelbar.

Würde ich planen, eines Tages mein Leben in Stockholm zu beschließen, dann würde ich mich in die lange Warteschlange für ein Wohnrecht in Stockholm einreihen. Irgend wann in zwanzig Jahren wäre ich dann glücklicher Inhaber eines solchen Wohnrechts. Aber fürs erste muss ich mich mit dem begnügen, was eben gerade kommt.

Die gut gemeinte schwedische Wohnungspolitik hat keineswegs ein sozialistisches Paradies geschaffen, sondern hauptsächlich den Kapitalismus von den Wohnungsgesellschaften zu den Mietern hin verschoben. In den Großstädten mit Bevölkerungswachstum findet ein wilder Schacher mit dem Bostadsrätt, dem Wohnrecht statt, und viele müssen für eine renovierte Füfzimmer-Altbau-Wohnung in Stockholm 900 Mark Miete bezahlen, für das Bostadsrätt aber eine Million Mark hinblättern. Stolz erzählen einem die Leute, sie haben vor fünf Jahren irgendwo ein Bostadsrätt für zweihunderttausend Mark erworben, das jetzt unter Brüdern seine achthunderttausend wert sei.

Wer kein Kleingeld übrig hat, um in Bostadsrätter zu investieren, sondern das Dach über dem Kopf ausschließlich zur allabendlichen Lagerung seiner müden Knochen braucht, für den gibt es den Zweite-Hand-Wohnungsmarkt. Man wird Untermieter einer Person, die ein Bostadsrätt besitzt, ohne jegliche Art von gesetzlichem Anspruch. Es gibt übrigens - darauf lege ich Wert - sehr anständige Zweite-Hand-Vermieter, die lediglich eine vorrübergehend leerstehende Wohnung zum Selbstkostenpreis vermieten wollen. Aber nicht alle sind so.

Ob ich nun Glück oder Unglück hatte - ich kann es nicht ganz genau sagen. Jedenfalls landete ich als Untermieter bei Y. Y ist Student und wohnt in einem Studentenwohnheim. Während seiner Abwesenheit beziehe ich sein Einzimmerapparetment, etwa 16 Quadratmeter würde ich mal sagen. Dass die 2500 Kronen (550 Mark) im Monat reiner Selbstkostenpreis sind, muss ich ihm jetzt einfach mal glauben. Y sagte mir, es sei seiner soziale Einstellung zu verdanken, dass er diese Wohnung vermiete, und mir fiel darauf keine passende Antwort ein. Jemand habe ihm sogar 4000 Kronen dafür geboten, aber er wolle keine jungen Leute (ich unterdrückte meinen Protest). Y gab mir noch vielerlei Anweisungen, zum Beispiel, dass ich seine CDs nicht hören dürfe, niemanden in die Wohnung lassen dürfe und vor allem aufpassen müsse, dass mich der Hausmeister nicht sehe, weil die Untervermietung in einem Studentenwohnheim illegal sei. Ich hörte mir alles geduldig an und mietete mir noch extra Computer und E-Mailanschluss dazu, so dass ich in Zukunft mein Tagebuch auch zu Hause schreiben kann. Das war wie gesagt vor einigen Wochen.

Ach ja, fast hätte ich es vergessen:

Wo liegt mein neues zu Hause überhaupt?

Nie wärt Ihr daraufgekommen! Mitten im schönen Tumba. Vor einem Monat hätte ich sicher nicht gedacht, dass ich je da hinziehen würde. Andererseits denke ich mir, das muss man auch mal mitgemacht haben.

Na ja. Das war also alles vor etwa drei Wochen. Am Samstag (vorgestern) bin ich um etwa sechs Uhr von Deutschland zurückgekommen, und bis Mitternacht musste der Umzug fertig sein. Ein paar Sachen habe ich schon vorvorige Woche in mein Schreibzimmer in der Arbeit geschafft. Die stehen jetzt auf und unter meinem Schreibtisch, und ich hab keine Ahnung, wie lang sie da bleiben. In meiner neuen Bude ist einfach kein Platz. Den Herd und die Badewanne habe ich auch schon vorher geschrubbt und Kartons gepackt. Als ich dann am Samstag heimgekommen bin, hab ich erst mal ein Taxi bestellt, und mir den Löwenanteil (das waren ungefähr sechs Kartons und neun Plastiktüten nach Tumba fahren lassen. Danach hab ich einen riesigen Zwei-Arme-voll Klamotten zu den Altkleidern gebracht. Als nächstes hab ich meinen Kühlschra,k und mein Gefrierfach ausgerämt und die Fressalien meiner Nachbarin aufgedrängt. Wär doch schad, wenn man was verkommen lässt. Und dann?

Es ist wie verhext! Man glaubt, man hätte jetzt fast alles ausgeräumt und man findet immer wieder und immer wieder was. Es nimmt kein Ende. Hier ein Schränkchen, da eine Schublade, dort ein Haufen Papier, der nach aufhebenswertem durchgesen werden muss. Weil ich ein Mensch bin, der nichts wegschmeissen kann, bereitet mir so etwas immer allergrößte Qualen.

Dann kam das Schlimmste, nämlich das Putzen. Ich habe leider vergessen, einzukaufen, und deshalb hatte ich kein Abflussfrei im Haus. Wer halbwegs erfahren im Ausziehen ist, der weiss, dass man sich mit Pril oder Meister Propper zu Tode schrubben kann. Vergebene Liebesmühe. Den eingetrockneten klebrigen Schmier an Küchenarmaturen, den Gilb und Grau an Türrahmen, kriegt man nur mit Abflussfrei einigermaßen stressfrei weg (Handschuhe benutzen). Ich hatte zwar noch einen fast vollen Karton Somat (aus besseren Zeiten, in denen ich eine Spülmaschine besaß) aber das schwedische Somat ist sehr grobkörnig und löst sich nur langsam auf. Aber zum Glück war da noch eine fast volle Schachtel Aku Pads. Besser als gar nix. Es hat vielleicht sogar sein Gutes, wenn sich mein Nach-Bewohner nicht gleich auf der Klobrille das Gesäß verätzt.

So viel zu Chemie im Haushalt. Die Böden sind kein Problem. Schwedische Böden sind sehr pflegeleicht. Es gibt auch eine ganz spezielle schwedische Bodenputzinfrastruktur. Die Schwämme am Stiel mit Ausdrückvorrichtung, die in Deutschland vor dreißig Jahren leider gänzlich aus der Mode gekommen sind, oder das bückfreie Schaufel- und Besen-Set. Das unverwechselbare Boden-Putzmittel mit dem unverwechselbaren ranzigen Geruch, den ich bis an mein Lebensende mit Schweden assoziieren werde. Boden Putzen ist in Schweden ein reines Vergnügen.

Als ich dann fertig war, war es bereits 1:30 in der Früh. Ich hatte also bereits überzogen und befand mich illegal in dieser Wohnung. Da sah ich es im Flur stehen. Ich hab es natürlich schon die ganze Zeit gesehen, aber ich habe es immer wieder verdrängt.

Mein Fahrrad.

Mein Fahrrad hatte seit neun Monat einen Platten und stand deshalb immer in meinem Wohnungsflur. Aber mit Platten konnte ich es natürlich nicht nach Tumba transportieren. Also blieb mir nix anderes übrig als um halb zwei in der Früh auch noch mein Fahrrad zu flicken.

Das hatte ja auch sein Gutes. Eigentlich mag ich nämlich mein Fahrrad sehr gern. Ich bin eigentlich nicht der Typ, der leichthin Gegenstände personifiziert, aber von diesem Fahrrad möchte ich fast behaupten, es hat Charakter. Ja! Dieses Fahrrad hat wirklich Charakter. Es ist - wie soll ich es beschreiben? - Es ist ungestüm. Das ist das richtige Wort. Die meisten Fahrräder sind eher lahmarschig und fahren nicht schneller, als ihr Benutzer auf ihnen tritt. Aber mein Fahrrad. Ein Bonnke-eco. hat jemand schon mal davon gehört. Von den Leuten, die ich kenne scheine ich der einzige zu sein, dem Bonnke ein Begriff ist. Ich hab also am Schluss auch noch mein Bonnke geflickt. Dann habe ich erstmal Pause gemacht. Es war halb vier in der Früh. Jetzt würde bestimmt niemand kommen und kontrollieren, ob ich auch wirklich ausgezogen bin.

Pause war ein Hühnchen-Kebab beim Falafel-Kungen. Sozusagen mein Abschiedskebab, denn zum Falafel-Kungen werde ich wohl kaum noch mal kommen. Als ich in der Kebab-Schlange angestanden bin, wäre ich fast eingeschlafen. Danach hab ich mein Fahrrad an einer sehr versteckten Stelle angeschlossen. Es gibt in Stockholm natürlich massenhaft Fahrraddiebe. Aber an Samstagnächten sind eigentlich die Besoffenen fast noch gefährlicher, die, wenn sie ein Fahrrad sehen, den unwiderstehlichen Drang verspüren, in die Speiche zu treten. hab' das schon oft genug gesehen.

Mit den letzten Habseligkeiten, die sich zum Schluss noch so überall gefunden haben, es waren immerhin sechgs Plastiktüten voll, bin ich dann zum Pendeltåg. U-Bahn und Bus fahren am Sonntag um sechs Uhr in der Früh noch nicht. Als ich alles zum T-Centralen geschleppt hatte, hab ich um eine Minute den ersten Pendeltåg versäumt. Ich setzte mich daher am Bahnsteig auf eine Bank, der Zufall wollte es, dass sich links und rechts von mir zwei besoffene Penner setzten. Dazwischen ich mit meinen sechs Tüten. 29 Minuten hatte ich Zeit zum Warten. Einmal bin ich zwischendurch kurz eingeschlafen.

Als ich dann endlich in Tumba ankam, empfing mich ein Berg dreckiges Geschirr. Y hatte vergessen, abzuspülen. Das wusste ich natürlich schon, ich war ja schon vorher mit dem Taxi da gewesen. War mir aber in dem Moment völlig Wurst. Ich bezog das Bett (es war noch die alte Bettwäsche von Y drauf) und ratzt gleich ein bis um zwei Uhr mittags. Dann holte ich mein Fahrrad von der alten Wohnung, fuhr in die Arbeit, und schrieb meinen gestrigen Tagebuch eintrag.

So, heute war ich aber fleißig. Genug!