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Ich muss mich vielmals bei allen Tagebuch-Freunden entschuldigen. Oder zumindest zweimal. Einmal, dafür, dass ich mit einer recht schroffen Ankündigung abgedampft bin. Das liegt daran, dass der letzte Tag in Stockholm schon so gut angefangen hat. Erst einmal hat in der Tunelbana-Station Rådmansgatan ein Wilder an einen der Stützpfosten gepinkelt. Dann wäre ich auf dem Bahnsteig fast in eine Pfütze Kotze getreten, in der ein halbes Dutzend Zigarettenkippen schwammen. Wahrscheinlich schwappt bei manchen immer noch das gute alte Wikingerblut über. Als drittes habe ich den anschließenden Pendeltåg verpasst, und der folgende hatte vierzehn Minuten Verspätung. Dafür, dass ich mich unter diesen Umständen den ganzen restlichen Tag nicht zu einem Eintrag aufraffen konnte, muss ich an Euer Verständnis appellieren.

Das zweite Mal klopfe ich mir an die Brust dafür, dass ich mit den neuen Einträgen um zwei Tage in Verzug bin. Ein unerwarteter Termin in München am zweiten Mai ist daran schuld. Leider war mein Flugticket Stockholm-München-Stockholm mit 700 Mark (also nicht mal doppelt so teuer wie zwei Wochen mit Flug, Hotel und Halbpension wahlweise in Rhodos, Kos oder Korfu) ein Billigflugticket, weshalb man sich im Reisebüro ausserstande sah, meinen Rückflug umzubuchen. Was für mich ein herber Schlag war, ist für die Leser des schwedischen Tagebuchs ein besonderes Glück, kommen sie doch auf diese Weise in den Genuss eines

3. Mai 2000

Malmö Special

Wenn einem die Arroganz der Stockholmer Reisebüros auf die Nerven geht, gibt es ein probates Mittel, sich zu rächen, nämlich ide gute alte Eisenbahn. Die ist zwar keineswegs billiger als das Flugzeug, aber es ist dennoch eine Genugtuung, diesen Raffhälsen eins ausgewischt und nicht ein weiteres Flugticket gekauft zu haben. Zeitlich ist diese Option dann zu vertreten, wenn man den Nachtzug nach Kopenhagen nimmt. Man verliert zwar einen Abend, aber zumindest am darauffolgenden Tag ist der Unterschied nicht erheblich, weil man ja ohnehin schon früh aus dem Haus muss, um dann irgendwann am späten Nachmittag an seinem Ziel anzukommen, auch wenn der Flug an sich nur zwei Stunden dauert.

Ich habe also um halb acht Uhr abends den Nachtzug nach Kopenhagen bestiegen, eine Stunde lang auf meiner Liege doof vor mich hingestarrt, und mich schließlich, um mir etwas Bettschwere anzusaufen, in das Bistro verzogen. Das Schicksal wollte es, dass sich dort nicht nur zwei Schlafwagenkellner langweilten, sondern auch der Kalle aus Berlin. Kalle ist Frührentner, Weltenbummler und stolzer Besitzer eines Mobiltelefons mit SMS, wovon nicht nur er gerne Gebrauch macht, sondern auch seine zahllosen Freunde. Kalle ließ mich großzügig an seinem pulsierenden elektronischen Sozialleben teilhaben, und klärte mich in den kurzen Pausen zwischen jeweils zwei SMS-Notizen über die Vor- und Nachteile von Amerikanern, Indern, Eng- und Holländern, Italienern und Polen auf. Derweilen wurden aus den geplanten ein oder zwei Bier fünf oder sechs, und es gelang mir endlich nach unvermeidlicher Verbrüderung, unrasierte Wange an unrasierter Wange, Kalle in den richtigen Kurswagen nach Berlin zu bugsieren, und mich selbst in der Koje nach Kopenhagen einzuschiffen.

Kalle ist ja auch nicht schlecht, aber meine Liegewagenabteilsnachbarin hätte mich natürlich mehr interessiert.

Aber nun zum Thema Malmö.

Mit gut einer Viertel Million Einwohnern ist Malmö in etwa so groß wie Augsburg. Von der ehrwürdigen Fuggerstadt hatte ihr berühmtester Sohn Berthold Brecht einmal gelästert, das beste an ihr sei der Zug nach München. Wollen wir dieses Kriterium anlegen, so ist Malmö gegenüber Augsburg haushoch überlegen, denn es verfügt nicht nur über eine ganz ausgezeichnete Zugverbindung nach Stockholm, sondern über eine noch bessere Personenfähre nach Kopenhagen. Zwischen Bahnhof und Anlegestelle Blumenrabatten wie in einem Kurpark, ein bischen Baden-Baden in Malmö.

Diese ausgezeichnete Verkehrsanbindung machte Malmö für mich zum Dreh- und Angelpunkt meiner Rückreise. Am nächsten Morgen (heute früh), mein lieber Zechkumpan Kalle war glücklicherweise in Fulda abgehängt und auf dem Anmarsch in die deutsche Landeshauptstadt war, konnte ich mich mit meiner Liegewagen-Nachbarin zusammentun und mit meinen Kenntnissen der Kopenhagener Transit-Topografie protzen. Ich führte sie gleich zum richtigen Ausgang den Bahnhof hinaus, und in den richtigen Bus zum Hafen, wodurch ich mir drei Mark sparte, weil sie mich auf eine Busfahrt einlud (das war auch mein Glück, weil ich nämlich vergessen hatte, dänisches Kleingeld mitzunehmen). Großspurig schwadronierte ich über die unterschiedlichen Tarife zwischen den beiden Reedereien Scandlines und Pilen, und so saßen wir bald im Tragflügelboot von Pilen und schauten durch das frischgeputzte Fenster auf den Öresund. Leider sieht man da nicht mehr sehr weit. Die Øresundsbro, die neue Brücke zwischen Kopenhagen und Malmö, die in ein paar Wochen eingeweiht werden wird, zieht automatisch die Augen auf sich und vernebelt den Blick in die Weite. Insbesondere die zwei mittleren Pfeiler stören, weil sie etwas höher und durch ein Netz von Stahlseilen verspannt sind. Ein Hauch von Golden Gate Bridge mitten im Herzen von Skandinavien, neckischer Zierat, aber völlig nutzlos. Zumindest kann ich nicht einsehen, wozu gerade diese zwei Pfeiler verspannt werden müssten, und die anderen nicht. Ausserdem müssten sie doch wenn dann eigentlich an einem festen Punkt, also entwedern an Land oder zumindest an einem anderen Pfeiler ansetzen. Diese Seile setzen aber mitten im freihängenden Stück zwischen zwei Pfeilern an.

Na ja, die Øresundsbro wird trotzdem hoffentlich nicht einstürzen. Abgesehen von den ästhetischen Feinheiten wird es natürlich immens vorteilhaft sein, wenn man vom Festland nach Schweden in einem Stück durchfahren kann und nicht mehr das Boot benutzen muss. Aber wird Schweden danach noch das gleiche sein wie jetzt?

In Malmö übergab ich meine neue Reisebekanntschaft der Obhut ihrer dort wartenden Freunde und hechelte mit meiner schweren Tasche durch die besagten Rabatten zum Bahnhof. Megaschock! Das Ticket nach Stockholm, das nach meiner Erinnerung sonst immer so um die hundertzwanzig Mark gekostet hatte, kostet jetzt auf einmal zweihundert Mark. Ich trugs mit Fassung. Das schönste am Super-Schnellzug X-2000 ist das ganz leichte Schaukeln. So sanft, dass man es kaum wahrnimmt. Nur der Mageninhalt schwappt sanft hin und her.