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(aus zeitlichen Gründen kommt dieser Eintrag erst am 8. Mai ins Netz, aber ausgedacht habe ich ihn mir schon am 7.)

Heute ist ein Grund zum Feiern: Der hundertste Tagebuch-Eintrag. Dabei hat der Tag eigentlich gar nicht so feierlich angefangen: Erst einmal war ich so vertieft in Henning Mankell, dass ich nämlich mit dem Pendeltåg ein paar Stationen zu weit gefahren bin (Danke, Alyssa! Der Herr heist HENNING Mankell, nicht PETER. Wo hatte ich nur meinen Kopf). Gemerkt habe ich es dann in einem Centrum mit dem bezeichnenden Namen TUMBA. Tumba liegt noch ein paar Kilometer weiter ausserhalb Stockholms als das kleine Centrum, in dem ich arbeite. Da Tumba etwas größer ist, hat dieses Centrum tatsächlich eine bescheidene Autarkie entwickelt, was wiederum zur Folge hat, dass Tumba sein ganz eigenes, spezielles Flair hat.

Ich habe natürlich nicht allzuviel von Tumba gesehen, eigentlich nur den Bahnsteig, der nach Süden führt, wo ich ausgestiegen bin, und dann den Bahnsteig, der nach Norden führt, wo ich fünfzehn Minuten später wieder eingestiegen bin. Ausserdem im Osten die mächtige Betonburg des Tumbaner Einkaufszentrums und im Westen einen etwa vierhundert Meter langen Reihen-Mehrfamilienhaus-Riegel. Wahrscheinlich sind mir einige der idyllischeren Fleckchen entgangen, aber ich denke, ich habe doch einen ganz guten &Uuuml;berblick über Tumba - Centrum und Leute - gewonnen.

Die Tumbaner neigen im Allgemeinen nicht unbedingt zur Unterernährung. Im Vergleich mit den Stockholmern sind die Hamsterbäckchen etwa um zwanzig Prozent, und das zweite Kinn etwa um dreissig Prozent voller als den großstädtischen Nachbarn. Die jungen Herren tragen diesen Dimensionen durch die ganz eigenwillige Tumbaner Barttracht Rechnung, ein acht Millimeter schmaler, von der Unterlippe bis zum ersten Kinn führender, senkrechter Streifen, so dass man immer gleich ganz genau sieht, wo das zweite Kinn anfängt. Obwohl sein wasserblauer Blick einen leicht desorientierten Eindruck macht, pflegt der Tumbaner doch energisch und zielgerichtet auszuschreiten. Wenn man nicht schnell zur Seite springt, streift er einen im Vorübergehen, und scheint das selbst nicht einmal wahrzunehmen. Man sollte vielleicht T-Shirts drucken lassen "Ich bin stolz, ein Tumber zu sein".

Natürlich erklärt sich manches daraus, das Sonntag war. Das heisst ein Tag nach dem schwedischen National-Besauf-Wochentag. Sicher werden alle Tumbaner am Vorabend lange im Krog (Wirtshaus) des Centrums vor ihrem lacken Stor Stark gebrütet haben, und versucht haben, mit feuchtem Blick das Treiben der allerletzten Schaumbläschen zu fixieren. Dann und wann werden sie vielleicht den Kopf gehoben und die Lippen zu einem kaum hörbaren "TUM - BA" geformt haben.

7. Mai 2000

Morfårbror

Was ist Chuzpe?

Ein junger Mann bringt seine alten Eltern um, und macht vor Gericht mildernde Umstände als Vollweise geltend.

aus Salcia Landmann: Der jüdische Witz

Aus der gestrigen Ausgabe des U-Bahn-Periodikums metro: "... har mördat hans pappa." Irgendjemand hat seinen Pappa ermordet. Wer diese Zeile liest, denkt an einen achtjährigen, der im Giftschrank seiner Eltern die Videokassetten mit den besten Kettensägemassakern gefunden hat, und in der Folge einen derart herben Realitätsverlust erlitt, dass er sich selbst für den Terminator hielt, und seine Erzeuger für Darth Vader und die blutige Rosamunde. Weit gefehlt - der Lausebengel war ein achtundfünfzigjähriger notorischer Alkoholiker, und der arme Pappa hatte dennoch immerhin das vierundachzigste Lebensjahr erreicht.

Für mich äußerst gewöhnungsbedürftigt, dass die eher familiären Bezeichnungen "Pappa" und "Mamma" auch für die Eltern anderer, sogar erwachsener Leute gebraucht werden, und das sogar durchaus offiziell.

Es gibt allerdings noch andere Wörter, nämlich får und mor. Aber die werden nur in Verbindungen benutzt. Es ist nämlich neben dem Pappamord eine andere drollige Eigenart des Schwedischen, komplexe Verwandschaftsbezeichnungen durch Aneinanderreihung der Generationen zu beschreiben. fårmor ist die Großmutter väterlicherseits und mormor ist die Großmutter mütterlicherseits. Die Urgroßväter, deren jeder Mensch bekanntlich vier hat heissen dann fårfårfår, fårmorfår, und so weiter. Der Onkel heist zum Beispiel morbror oder fårbror und die Großtante Morfårsyster. Obwohl diese Nomenklatur sehr logisch und übersichtlich ist, ist sie doch für schwedische Verhältnmisse teilweise ungewöhnlich zungenbrecherisch. Ausserdem muss man ständig die Verwandtschaftsgrade genau im Kopf haben.

Ich weiss nicht genau, was es bedeutet, aber es wirft sicher ein gewisses Licht auf die schwedische Gesellschaft, das Nenn-Omas, -Opas, -Onkels, -Tanten immer der mütterlichen Seite zugeordnet werden. Wenn ich zum Beispiel sagen würde "Da vorn geht eine Oma über die Straße." - ich sage es nicht, weil es unhöflich ist -, dann müsste ich mormor sagen und nicht fårmor.