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Der Trend beim Schwedischen Fernsehen weg vom guten Geschmack und hin zu mehr Ekel, den ich schon neulich beklagt habe, beschleunigt sich zusehnds. Gestern wurde zwar nicht frisch aus dem Leichenkeller berichtet, dafür eine informative wissenschaftliche Sendung über die Vorteile des Facelift schon vor Beginn der zweiten Jugend. Das einzig Erfreuliche an dieser Sendung war, dass offensichtlich nicht alle Frauen, die links und rechts dicke blaue Flecken an den Tränensäcken haben, von ihren Männern verprügelt werden. Es kann auch sein, dass sie eben einfach frisch vom Facelift kommen. Natürlich waren wir auch dabei im OP. Ein sauberer Schnitt vom Auge bis zum Ohr und der Chirurg mit seiner Handschuh-Hand greift tief in den Backen hinein und zieht ihn hoch... Ich habe ja schon viel gesehen, aber da ist mir wirklich fast schlecht geworden. Der Chirurg ließ sich natürlich nicht die Gelegenheit entgehen, darauf hinzuweisen, dass ein Facelift je früher desto besser sei - wer wollte es ihm verdenken, er wär ja blöd, wenn er was anderes sagen würde. Die Patientin, es waren mittlerweile einige Tage vergangen und sie war schon wieder aus der Narkose erwacht, war der gleichen Meinung. Ich werde das jetzt mal nicht kommentieren.

Wenn das Fernsehen uns schon nichts mehr ersparen möchte, dann können natürlich die Printmedien nicht nachstehen. Die sonst eher seriöse Tageszeitung Dagens Nyheter bringt heute einen Artikel über Endoskopie, mit wunderschönen Fotos, die ich gleich mal für Euch geklaut habe.

Warum übrigens die Beschriftung auf Englisch ist, weiss ich auch nicht. Wem das nicht genügt, der könnte sich auf der Webseite noch den Film "Die Reise in den Magen" anschaun, ich habe es mir verkniffen.

Aber es gibt ja zum Glück noch Mission Impossible auf Kanal fünf mit dem netten grauhaarigen, immer sorgfältig gekämmten Agentenboss, so schön und klug wie ein seriöser Frauenarzt in einer Vorabendfernsehserie. Das tröstet mich dann immer über Dünndärme, Hautfetzen und debile Pendeltågsfahrer.

Die gestrige Folge war übrigens hoch-aktuell: Der böse Diktator von Karinthia (!) versucht den Volkswillen zu unterdrücken und zu manipulieren und wird vom amerikanischen Agententeam auf geniale Weise ohne jedes Blutvergiesen aus dem Weg geräumt. Der Brüller daran ist, dass diese Folge vor ungefähr dreissig Jahren gedreht worden ist, und der wirkliche Diktator von Karinthia wohl noch in der Krachledernen rumgelaufen ist und wohl kaum über den Klagenfurter Plattl-Tanzboden hinaus bekannt gewesen sein dürfte. Aber ich unterstelle den Mission-Impossible-Redakteuren jetzt einfach mal, dass sie wahrscheinlich gar nicht gewusst haben, dass es tatsächlich ein Land namens Karinthia gibt.

26. Mai 2000

Die Neue Wache

Es ist inzwischen schon wieder fast ein halbes Jahr her, dass sich folgendes zugetragen hat:

In dem kleinen Centrum, von meinem Arbeitsplatz aus über die Straße gelegen, einer zweistöckigen Halle mit einer recht armseligen Ansammlung der allerwichtigsten Geschäfte für den täglichen Bedarf, weigerten sich plötzlich die zwei Dutzend halbwüchsigen, die sich tagaus, tagein am Fuß der Rolletreppe langweilen, abends um acht Uhr, das Centrum zu verlassen und so die Schließung der Halle zu ermögliche. Das sei unser Centrum, beharrten sie, und die zwei Privatpolizisten, der zuständigen Bewachungsgesellschaft standen recht hilflos da, und wussten nicht, was sie tun sollten. Man könnte fast von einer Art "Centrumsbesetzung" sprechen. Es kamen noch zwei weitere Privatpolizisten, und dann noch zwei richtige Polizisten, und irgendwann mussten die Knilche wohl nach Hause zum Abendessen, und die ganze Sache löste sich friedlich auf. Ich hab das selbst nicht weiter mitgekriegt sondern nur am nächsten Tag in der Zeitung gelesen.

Es hätte sicher keine große Rolle gespielt, ob das Centrum abends abgeschlossen wird oder nicht. Vielleicht wäre es abgebrannt, vielleicht auch nicht, aber dennoch hatte die Geschichte ein Nachspiel. Da die damals zuständige Privatpolizei offenbar diesem skandalösen Treiben nicht Herr geworden ist, wurde dieser Firma anscheinend gekündigt. Es kann auch sein, dass sich die Wächter aus lauter Angst vor bösen Buben nicht mehr in dieses Centrum hineintraun, jedenfalls wechseln seit dieser Zeitdie Bewachungsunternehmen in kurzen Abständen. Heute sah ich zum ersten Mal auf dem dreieckigen Vorplatz (ich habe keine Ahnung, warum dieser Platz dreieckig ist) den Kleinbus. Auf dem Dach waren vorne hinten jeweils gleich vier orange Blinklampen, wie bei einem Baustellenfahrzeug und auf der Schiebetür aufgemalt ein großes blitzblaues Medallion, so groß, dass es eben gerade noch auf die Tür passte. Und auf dem Medallion war ein aufrecht stehender goldener Löwe, ungefähr so ähnlich wie der Löwe von Löwenbräu und um den Löwen herum stand in goldenen, gotischen Buchstaben, kreisrund geschrieben "Förenade Vakt" (vereinigte Wacht).

Statt der sonst üblichen zwei, hielten sich diesmal gleich sechs Wächter in und um das Centrum auf. Sie hatten eine UPS-braune Uniform an, und trugen - ich konnte es von der Rolltreppe deutlich sehen - alle Schulterklappen mit jeweils drei Winkeln (so heisst das doch oder?). Das war ja an sich schon mal ein erfreuliches Zeichen, sehr demokratisch, das ganze Trüppchen bekleidet den gleichen paramilitärischen Rang. Aber das seltsame war, alle waren so fröhlich, alle waren so freundlich. Ein Privatpolizist führte einen Betrunkenen aus dem Centrum, und damit aus seinem Machtbereich. Aber wie! Freundschaftlich den Arm um ihn gelegt, scherzend, und der Besoffene machte auch gar keine Anstalten, Widerstand zu leisten. Woanders stand ein gemischtes Trüppchen, zwei Wächter, zwei Zivilisten, in angeregtem Plausch mit Zigarette (vor den Toren des Centrums, drinnen ist natürlich Rauchen verboten), und wieder an anderer Stelle tätschelte sogar ein Mädchen einem vereinigten Wächter die Schulter.

Was war passiert? Hat Djurgården die schwedische Eishockeymeisterschaft gewonnen?
Versucht man sich bei Förenade Vakt an einem ganz neuen Deeskalationskonzept?
Sind aus einer der benachbarten Chemiefirmen gefährliche Nervengase ausgetreten?

Ich erledigte meine Einkäufe so schnell wie möglich und verschwand wieder hinter die sicheren Tore meiner Arbeitsstelle. Aber ich werde die Situation in den nächsten Tagen scharf beobachten.