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Lokomotivführer würden wir ja alle gerne werden. Aber wer würde gerne Lokomotivenbesitzer werden, genauer gesagt Pendeltågsbesitzer? Heute las ich in der Zeitung "metro", dass einer der drei Eigentümer, die englische Firma Soundso, ihren Anteil von 39% an Citypendeln zu verkaufen gewillt ist. Als ich gestern zur Pendeltaågsstation gehechelt bin, um meinen Zug um 21.56 Uhr zu erwischen, war ich auch tatsächlich um 21.55 da, und der Lokomotivführer hat auch ganz richtig mit der Abfahrt bis um 21.56 Uhr gewartet, aber er hat seit 21.55 Uhr nicht mehr die Tür aufgemacht. So stand ich also am Bahnsteig, konnte eine Minute lang den schönen Pendeltåg anschauen, und ihm dann bei der Abfahrt hinterherwinken. Wie ich gewunken habe, werde ich hier jetzt besser nicht beschreiben, aber ich kann jedem versichern, ich kann manchmal ziemlich cholerisch sein. Ich habe jedenfalls gekocht vor Wut!! Eine geschlagene halbe Stunde UND EINE MINUTE musste ich auf den nächsten Zug warten. Eigentlich gibt es für solche Fälle ein extra-Wartehäuschen mit Sitzgelegenheiten, wo man anderen zuhören kann, wie sie in ihr Mobiltelefon lallen. Aber ich war viel zu aufgewühlt, um mich hinzusetzen, bin statt dessen im Regen den Bahnsteig auf- und abgetigert, und hab eine nach der anderen gequalmt. Wenn ich ein bischen mehr Kleingeld hätte, würde ich sofort die 39% von Citypendeln kaufen, nur um diesen Fahrer rausschmeissen zu können.

Der Pendeltågsprivatpolizei (grüne Uniform, grünes Baseballkäppi, Räum- und Abdrängstock lässig am Gürtel baumelnd), die mich bestimmt über eine der vielen Videokameras am Bahnsteig beobachtet hatte, kam wohl mein Verhalten verdächtig vor. Jedenfalls schickte sie einen ihrer Pendeltågsprivatpolizeibeamten aus dem Pendeltågsprivatpolizeirevier zu mir hinunter, damit er dort nach dem rechten sähe. Der junge Mann baute sich in geringer, aber nicht zu geringer Entfernung von mir auf, und überwachte scharf mein Treiben. Da es aber kein Gesetz gibt, dass es einem verböte auf dem Bahnsteig zu flanieren, nicht einmal ein Gesetz, das es einem untersagte, sehr grimmig dabei zu schaun, wusste er auch nicht so recht, was er unternehmen sollte, zumal ich den ganzen Bahnsteig für mich alleine hatte. So ging ich also weiterhin auf und ab, und der junge Mann kam sich zusehends überflüssig, danach offensichtlich lächerlich vor, und weil er irgendeinen Grund vortäuschen wollte, sich bei Regen auf dem Bahnsteig hinzustellen, schaute er bald genauso böse drein, wie ich und rauchte auch eine nach der anderen (was ein guter Vorwand ist, da es auf einem Pendeltågsprivatpolizeirevier selbstverständlich strengstens verboten ist, zu rauchen). Als der nächste Pendeltåg tatsächlich kam, und sogar wirklich die Tür aufmachte, hatte ich das Glück, drei sturzbesoffenen Rotzlöffeln im Bundeswehralter gegenüberzusitzen. manchmal denke ich, es ist ganz richtig, dass es in Schweden so schwer ist, Alkohol zu besitzen. Einer der drei telefonierte drei Haltestellen lang mit einem Freund, dem er versuchte zu erklären, an welcher Rolltreppe man sich gleich zum Zwecke des gemeinsamen Weitersaufens treffen würde, die anderen beiden tranken derweil Bier aus ihrer Bierdose (natürlich streng verboten im Pendeltåg), aber nicht lustig, locker, fröhlich, sondern mit angestrengtem Blick den Büchsenrand fixierend (damit sie in ihrem Suff nicht "danebentrinken") und beschwerlich schluckend (so wie ein Bier-unerfahrener Tourist, der sich am Oktoberfest unsinnigerweise verpflichtet hat, einen ganzen Masskrug in sechzig Sekunden auszutrinken, und es ihm ganz offensichtlich schon zu den Ohren hinausläuft). Aber ich hatte Glück, und sie hatten noch nicht gekotzt, solange ich im Pendeltåg saß

Trotzdem ist mein Zorn auf den gemeinen Pendeltågsfahrer erst verraucht, als ich schon auf dem Fußweg von der Tunnelbanastation Rådmansgatan nach Hause war. An der Ecke Sveavägen/Odengatan lief ein schlankes, dunkel- und langhaariges Mädchen an mir vorbei, den ebenfalls dunklen Kunstledermantel so eng und fest um den Leib gewickelt, dass es so aussah, als hätte sie nichts drunter an, was sie noch schlanker erscheinen ließ und eilte auf den Würstlstand an der Straßenecke zu. Das war an sich schon nett. Die Freitagsnacht ist kurz, und man muss seine Wurst schnell schnell essen, damit man es noch schafft, sich vor Sonnenaufgang zu besaufen. Obwohl so viel geballte Energie mich immer fröhlich stimmt, hätte ich wohl dieses Mädchen längst vergessen, wenn ich nicht zehn Sekunden später gesehen hätte, dass sie einem Auto entsprungen war, und dass dieses Auto, und das war das Schöne an diesem Abend, zuvor mit Karacho die Verkehrsampel überfahren hat. Die Ampel lag tatsächlich wie ein geknickter Halm in einem 45o-Winkel und konnt nicht mehr leuchten. Das Auto darüber, die Motorhaube hatte einen schönen Knick nach innen, damit die Ampel Platz hat, und davor, wie vor dem Berg die Ochsen, zwei ehemalige Insassen des Autos. Eine Frau und ein Mann. Sie hatten die Motorhaube geöffnet, und sahen hinein, als überlegten sie wo sie wohl am ehesten damit beginnen sollten, den Schaden wiedergutzumachen, und ob sie wohl geeignetes Werkzeug dabeihätten, um eine umgemähte Ampel zu reparieren. Ob das schlanke Mädchen jetzt zum Würstlstand geeilt war, um Hilfe zu holen, oder ob es sich etwa gar um die Urheberin des Unglücks handelte, eine harmlose Passantin, die durch ungeschicktes Straßenüberqueren, den Autofahrer zu einem folgenschweren Ausweichmanöver gezwungen hatte, und danach Fußgängerflucht beging, weiss ich nicht, und es tat auch meinem Entzücken keinen Abbruch. Denn der Unfall an sich war höchst kunstgerecht ausgeführt, und hätte in keinem Slapstickfilm besser dargestellt werden können. Ich sollte nämlich erwähnen, dass an dieser Kreuzung der Sveavägen in der Mitte sowohl vor als auch hinter der Odengatan von jeweils einer Fußgängerinsel geteilt wird. Auf beiden Inseln stehen wiederum jeweils zwei (!) Fußgängerampeln. Sie bilden quasi eine Reihe eins, zwei, drei, vier, wobei zwischen zwei und drei die Odengatan verläft (die eigentlich so breit auch wieder nicht ist). Dieser Künstler hat es nun geschafft (oder war es die Künstlerin), von Ampel zwei kommend Ampel drei zu überfahren, und zwar ganz genau frontal, parallel zur Straße. Hätte er nur irgendwie das Lenkrad verrissen, müsste er irgendwie schräg an die Ampel gestoßen sein. Es musste sich daher entweder um einen sehr präzise geplanten Selbstmordversuch eines Pedanten handeln, oder es hat jemand versucht, auf der Mitte der Kreuzung vorwärts einzuparken, und ihm ist das Gaspedal weggerutscht.

Am nächsten Tag in der Früh kam ich beim Einkaufen noch mal an der Stelle vorbei, und was musste ich sehen:

Die ganze obere Hälfte der Ampel war abtransportiert worden. Wirklich, in Schweden klaun sie wie die Raban. Nicht mal Ampelhälften sind ihnen heilig.