GYOJI 2

Bodhidharma war der erste Patriarch, der nach China ging, auf Geheiss seines Meisters Hannyatara. Die Reise dauerte drei Jahre mit dem Boot. Sie war schwierig, wegen Nebel, Wind, Frost und Schnee. Wind und Schnee behinderten Navigation und Sichtweite. Gewoehnliche Menschen, die sich um ihren Koerper und ihr Leben Sorgen machen, koennen sich nicht vorstellen, welcher Mut noetig war, in ein unbekanntes Land zu reisen.

All dies geschah aufgrund Bodhidharmas grossem mitleidsvollem Wunsch, das Dharma zu uebermitteln und Menschen aus ihrer Verblendung zu retten. Dies war Teil seiner unaufhoerlichen Praxis und moeglich, weil er staendig auf dem Weg des Buddha lebte. Er besass die ewige Welt der Uebermittlung und lebte in der ganzen Welt der zehn Richtungen auf die eine Art der Wahrheit. Die ganze Welt der zehn Richtungen ist die unsrige, die ganze Welt der zehn Richtungen ist die zehn Richtungen der Welt.

All unser lebendes Karma ist mit dem Palast von Bodhidharma verbunden, weil seine Erweckung ihm ermoeglichte zu sehen, dass sogar der Palast als dojo betrachtet werden kann. So ging er, ohne Furcht und Zweifel, von Indien nach China, um Menschen zu retten, die in Verblendung lebten.

Als Bodhidharma seine Heimat verlies, verbrachte er einige Tage in Vorbereitung. Er ueberquerte die suedliche See in einem grossen Schiff und kam in Koshu (China) an. Unter den Menschen an Bord des Schiffes muessen viele Priester gewesen sein, obwohl Historiker das nicht belegen koennen. Als sie am 21. September im Jahre 520 A.D. den Hafen erreichten, kannten sie niemanden [in China]. Shoku, der Gouverneur von Koshu, schickte eine Gesandtschaft, um sie willkommen zu heissen, und einen speziellen Brief an den Herrscher Butei. Als der den Brief empfing, war er sehr gluecklich und lies einen Willkommensbrief an Bodhidharma ueberbringen. Dies geschah am 1. November. Also ging Bodhidharma, der erste Patriarch in China, nach Kinko, um Butei zu treffen, den Herrscher von Ryo.

Butei fragte ihn:
"Seit ich Herrscher wurde, habe ich viele Tempel gebaut, die Sutras kopiert und mich um die Priester gekuemmert. Ich habe immer den Buddhismus unterstuetzt und kann die Dinge nicht aufzaehlen, die ich alle getan habe. Was wird der Lohn fuer solche Taten sein?"
Bodhidharma sagte: "Nichts."
Der Herrscher fragte: "Warum nichts?"
Bodhidharma antwortete:
"Was ihr getan habt, bringt kaum Verdienst. All das, was ihr erwaehnt habt, wird schliesslich nichts als Verblendung schaffen, weil es zwecks persoenlichem Nutzen geschah. Es ist eher Schatten als Form. Es scheint ein Verdienst darin zu liegen, aber in Wirklichkeit gibt es keinen."
Der Herrscher fragte wieder:
"Was sind die wahren Verdienste frommer Handlungen und religioeser Praxis?"
Bodhidharma sagte:
"Wir muessen in folgendem Zustand sein: reine Weisheit, reine Freiheit von den Fesseln der Illusion und des Leidens und der Anhaftung an persoenliche Wuensche."
Der Herrscher fragte erneut:
"Was ist das wichtigste Element der Erleuchtung?"
Bodhidharma antwortete:
"Weite Leere, nichts Heiliges."
Da fragte der Herrscher:
"Wer bist dann du, der hier vor mir steht?"
Bodhidharma sagte:
"Ich weiss es nicht."

Der Herrscher verstand die Antwort nicht und Bodhidharma erkannte, dass sie nicht harmonierten. A, 19. November ging er heimlich nach Norden, den Yangtse ueberquerend.

Am 23. November kam er in Loyang an. Er blieb im Shorinji{Shaolin}-Tempel auf dem Berg Su und praktizierte, mit dem Gesicht zur Wand, Tag und Nacht Zazen.

Der noerdliche Herrscher, gutei, kannte den wahren Wert von Bodhidharma nicht, wusste nicht einmal genug, um Scham zu empfinden, weil er Bodhidharmas Gesicht nicht kannte.

Bodhidharma, der aus dem suedlichen Indien kam, entstammte einer koeniglichen Kaste, er war der dritte Prinz von Koshi. China war ein grosses und altertuemliches, gut entwickeltes Land. Manchmal fuehlen sich Menschen aus kleinen Laendern verlegen und beschaemt angesichts grosser und entwickelter Gesellschaften, aber der erste Patriarch, Bodhidharma, hatte kein solches Gefuehl: Er diskriminierte kein Land und kein Volk, gab keines auf.

Bodhiruci [ein Nordinder, der 508 A.D. in China ankam und sich der Uebersetzung der Schriften hingab] und Koto Risshi [ein Lehrmeister] griffen manchmal Bodhidharma an, aber den kuemmerte das nicht. Wir sehen daher, dass Bodhidharma kein gewoehnlicher Gelehrter war, auch wenn die Chinesen ihn fuer einen gewoehnlichen Lehrer der Sutras und des Abidharma {"Besondere Lehre", dritter Teil des buddhistischen Kanons} hielten. Sie waren gar so einfaeltig und seicht zu denken, seine Lehre wuerde eine Sekte ausrufen, die dasselbe wie andere Abidharma-Schulen verkuendete. So dachten sie beschraenkt und verwirrt.

Bodhidharma, der erste Patriarch in China, war der 28. Patriarch in der Linie des Shakyamuni. Er verlies seine Heimat, um die Menschen in China zu erretten. Wer koennte mit ihm verglichen werden? Waere er nicht aus dem Westen [Indien] gekommen , wie haetten die Menschen im Osten das wahre Buddha-Dharma lernen koennen? Die Menschen waeren vielleicht in naerrische Anschauungen verfallen, weit von Erleuchtung und Buddhismus entfernt.

Bodhidharma uebermittelte das Wahre Gesetz in weiten Teilen des Landes, so koennen wir das Wahre Gesetz sogar in laendlichen Gegenden lernen. Heutzutage koennen alte und junge Farmer das Wahre Gesetz lernen. Alles wegen Bodhidharmas unaufhoerlicher Uebung und, weil er den Ozean zwischen Indien und China ueberquerte.

Indien und China unterscheiden sich sehr in ihren Traditionen, Verhaltensweisen, Gebraeuchen und Moral. Um [unter solchen Umstaenden] eine grosser Lehrer zu sein, sollte ein Mensch grosse Geduld, Mitleid und Heiligkeit besitzen. Nur solch eine Person kann ein Lehrer sein.

Bodhidharma hatte keinen Ort, den er sein Dojo nennen konnte, nicht einmal einen Platz zum Leben, noch kannte er irgendjemanden. Er blieb im Shorinji-Tempel auf dem Berg Su und machte neun Jahre lang Zazen. Darum nannten ihn die Leute "der Brahmane, der der Wand gegenuebersitzt".

Historiker dachten, Bodhidharma stamme aus der Shuzen-Linie [Schritt-fuer-Schritt-Meditationspraxis], aber dem war nicht so. Das Auge und der Schatz des Wahren Gesetzes, die von Buddha an Patriarchen uebermittelt wurden, konnten nur von Patriarchen wie Bodhidharma weitergegeben werden.

Das Rinkan Roku [von Eko Kakuhan] sagt, dass Bodhidharma nach Ryo und Gi ging, wo er im Shorinji-Tempel auf dem Berg Su blieb. Er fuhr mit Zazen fort, gegenueber der Wand. Das war etwas anders [als Zazen mit der Absicht der Erleuchtung zu praktizieren]. Die meisten Menschen konnten nicht verstehen, warum er sich einfach auf Zazen konzentrierte, und dachten, Zazen sei nur ein Teil des praktizierten Buddhismus. Also fragten sie, warum sich dieser Heilige nur auf Zazen konzentrierte. Folglich schrieben einige Historiker, Bodhidharma praktizierte Shuzen, und dachten, dass sein Zen, dass das lebende Buddhistische Dharma war, Asche gleichkam [nutzlos war].

Patriarchen, die das rechte Buddhistische Dharma uebermitteln, machen sich freilich nicht abhaengig von dem, was Historiker sagen. Sie konzentrieren sich auf reine Meditation, sich niemals von Zazen abwendend. Es ist wie das Yin und Yang des I-Ching.

Als Herrscher Butei aus Ryo Bodhidharma das erste Mal sah, fragte er:
"Was ist das Wichtigste bei der Erleuchtung?"
Bodhidharma sagte:
"Weite Leere, nichts Heiliges."
Der Herrscher fragte dann:
"Wer bist dann du, der hier vor mir steht?" und Bodhidharma antwortete:
"Ich weiss es nicht."

Bodhidharma erkannte, dass sie sich nicht verstanden und fragte sich, warum das so war. Daraufhin ging er nach Ryo und in den Shorinji-Tempel, wo er sich gegenueber der Wand setzte. Das war kein Shuzen. Er brachte nicht einmal ein Sutra nach China. Er brachte aber die rechte Uebermittlung des Dharma, obwohl einige Historiker naiverweise meinten, er entstamme der Shuzen-Linie. Als Bodhidharma auf dem Berg Su weilte, gab es Leute, die die Wahrheit nicht kannten: Sie waren wie bellende Hunde. Wer kann wahrhaftig Bodhidharma verstehen? Wer kann sein Mitleid und seinen wahren Platz ermessen?

Wenn wir einen wahrhaftigen und ernsten Geist haben, koennen wir uns das Mitleid Bodhidharmas vorstellen und auf der Grundlage von on [Dankbarkeit, die sich in Mitleid und Hilfe fuer andere aeussert] leben. Das grosse Mitleid von Bodhidharma ist dem von Eltern ueberlegen. Das Mitleid von Patriarchen kann nicht mit der Liebe von Eltern und Kindern verglichen werden.

Wenn wir daran denken, wie arm unser Land [Japan] ist im Vergleich mit Indien und China, ist das beunruhigend. Wir sehen keine Heiligen oder Weisen: Niemand ist spirituell entwickelt. Die spirituelle Ebene der Menschen ist unterentwickelt, seit den Anfaengen gab es niemanden in Japan, der diese profane Welt anfuehren konnte. Es existierte keine unverdorbene und friedvolle Zeit, und die Menschen kennen nicht die Bedeutung von rein und unrein, noch die von nihei-sansai [grosse Maenner; nihei steht fuer Feder und Schwert, sansai fuer Himmel, Erde und Menschen].

Noch schlimmer, sie wussten nicht von der Bewegung des gogyo [Bewegung der fuenf Planeten und ihr Einfluss auf das Land].

Der Grund fuer ihre Naivitaet war hauptsaechlich ihr Mangel an Verstaendnis fuer die Bedeutung der Sutras, der Buddhas und Patriarchen, und die Tatsache, dass kein Lehrer da war, der ihnen die Bedeutung der Sutras mitteilen konnte.

Wir hatten keinen Lehrer, weil wir nicht verstanden, wieviele Baende von Sutras und wieviele Verse es gab, und weil wir uns nur auf das intellektuelle Verstaendnis der Buchstaben richteten.

Wenn wir uns nochmals die alten Sutras und Buecher anschauen, werden wir in der Lage sein, Bewunderung fuer die Lehren unserer Vorgaenger zu empfinden. Wenn unser Wunsch stark ist, die alten Lehren zu erfassen, werden wir faehig sein, ihre wahre Bedeutung beim Lesen alter Sutras zu erfassen.

Koso aus der Han-Dynastie und Taiso aus Gi waren Herrscher, die Verse der Astrologie und physikalischen Geographie klaeren konnten. Wenn wir die Sutras klaeren, klaeren wir die Bedeutung von nihei-sansai. Wenn Menschen nicht die Erfahrung und den Einfluss eines weisen Herrschers haben, werden sie nicht wissen, wie sie sich vor ihrem Herrscher oder ihren Eltern verhalten sollen. Das waere traurig fuer den Herrscher, die Minister, die Eltern und die Kinder, wenn es keinen solchen faehigen Herrscher gaebe. Selbst wenn wir wertvolle Juwelen haetten, gaeben wir sie leichtsinnig aus, und die Zeit verfloege nutzlos. Keiner, der in eine solche Familie geboren wuerde, bekaeme eine wichtige Position, nicht einmal eine bedeutungslose. Nur wenn das Land verwirrt ist, begleiten Menschen aus armen Familien hohe Positionen.; wenn das Land beruhigt ist, hoeren wir nicht von solchen Dingen.

Warum zoegern Menschen, die rechte buddhistische Lehre zu lernen, sogar wenn sie aus laendlichen Gegenden stammen oder aus armen Familien? Warum sind sie nicht offen genug zu sehen, dass sie die Lehre unabhaengig von ihrer Herkunft lernen koennen? Wenn sie nicht offenen Geistes sind, wie koennen sie da nuetzliche Leben fuehren?

Selbst wenn wir weise sind und eine hohes Amt begleiten, muessen wir offen sein, die rechte buddhistische Lehre zu lernen. Das betrifft noch mehr die armen Menschen. Wenn wir arm sind und unser Leben dem Weg des Buddha anvertrauen, wird es fruchtbarer sein als das von irgendeinem Himmelswesen, erhabener als das jedes Koenigs auf der Welt, wertvoller als das der Goetter im Himmel und der empfindenden Wesen der drei Welten [Begierde- mit Verlangen und sexueller Lust; Form- mit Form, aber ohne Verlangen oder sexuelle Begierde; formlose Welt- ohne Form].

Bodhidharma war der dritte Sohn des Koenigs von Koshi, das im suedlichen Indien liegt. Sein Familienstammbaum kann bis zum Herrscher von Indien zurueckverfolgt werden.

Japan ist ein Land im Fernen Osten, weit entfernt von Indien. Seine Einwohner wussten nicht, wie man ehrenwerte Menschen wie Bodhidharma behandeln musste. Es gibt hier kein herausragendes Parfuem, keine Blume, kein zaniku [gepolstertes Kissen] und keinen wundervollen Palast. Japan liegt am Rand des Fernen Ostens. Wie sollten wir wissen, einen grossen Prinzen aus einem grossen Land zu empfangen? Selbst wenn wir angemessenes Verhalten gelernt haetten, waeren wir wohl immer noch unsicher gewesen, wie man sich um einen solchen Prinzen kuemmern sollte. Die Art, sich um einen Herrscher zu sorgen ist eine andere als die, sich um einen Fuersten zu kuemmern. Fuer unterschiedliche Menschen gibt es verschiedene Arten der Fuersorge, und wir kennen diese Unterschiede nicht wegen unseres Mangels an Wuerde und unserer schwachen Tugend, die uns keine Massstaebe fuers Verhalten mitgab. Wenn wir solche Verhaltensmassstaebe nicht aufrechterhalten koennen, muessen wir unseren Mangel an Wuerde und unsere schwache Tugend zuallererst klaeren.

Bodhidharma, der erste Patriarch in China, war der 28. Patriarch seit Shakyamuni Buddha. Sein kultiviertes Benehmen, Ergebnis seiner Herkunft als nobler Prinz, wurde noch feiner durch seine Uebung. Solch ein grosser und ehrenwerter Meister kam nach China ohne Sorge um sein eigenes Leben, weil er sich wuenschte, das Dharma zu uebermitteln und alle Menschen zu retten.

Bevor der erste Patriarch kam, gab es in China niemanden, der das rechte Dharma uebermitteln konnte, und keinen Patriarchen, um es weiterzugeben. Nach dem ersten Patriarchen Bodhidharma kam, ausser seinem Gefolge, niemand nach China. Das ist wie die Udumbara-Blume. Von ihrem Erbluehen an sollten wir 3000 Jahre zaehlen. Dennoch wird niemals ein anderer Patriarch wie der Erste Patriarch sein, der von Indien kam.

Unter dem sogenannten Gefolge und den Schuelern des Ersten Patriarchen gab es einige, wie die Schueler der Sutras und des Abhidharma, die auf der gleichen Ebene wie Bodhidharma standen, aber das Dharma nicht erfasst hatten. Sie sind wie diejenigen aus der Sung-Dynastie, die Steine auflasen, die sie fuer Juwelen hielten. Dies geschah wegen ihres ungenuegenden Verstaendnisses und der Unfaehigkeit, den Lehren zu lauschen.

Wenn wir nicht den urspruenglichen Samen fuer die Erleuchtung haben, koennen wir nicht sagen, dass wir Studenten in Bodhidharmas Linie sind. Wir bleiben in der Illusion des Lehrens, das nur auf Form und Namen gruendet. Das ist ja so beschaemend!

Nachdem Bodhidharma 520 nach China gekommen war und das rechte Buddhistische Dharma uebermittelt hatte, gab es einen wahren Meister [in China]; deshalb war es nicht laenger noetig, nach China zu gehen. Einige Leute gingen dennoch weiterhin nach Indien, um das Dharma zu suchen. Warum? Das war so toericht von ihnen. Es war ihr schlechtes Karma, das sie nach Indien fuehrte, wo sie bloss herumspazierten, das Dharma verleumdeten, arglistig handelten und nach und nach ihre Heimat vergassen.

War es gut fuer diese Menschen, nach Indien zu gehen, wo sie ihre Zeit unnuetz in den Bergen und am Ozean verbrachten? Wenn wir den wahren Grund nicht verstehen, warum der Patriarch von Indien nach China kam, koennen wir die Bedeutung der Uebermittlung des Buddha-Dharma an den Osten nicht klaeren. Diese Menschen verstanden nicht: Sie liefen nur in Indien herum und behaupteten, sie suchten das Buddhistische Dharma. Weil sie nicht den wahren Buddha-suchenden Geist hatten, waren sie nicht in der Lage, den richtigen Meister zu treffen. Sie trafen gar kaum Schueler und Studenten der Sutras. Warum geschah dies? Es gab wahre Meister in Indien, aber diese Menschen konnten sie nicht finden, weil sie nicht die richtige Einstellung besassen. Wir hoeren niemals von Leuten, die nach Indien gingen und einen wahren Meister fanden. Gab es solche Menschen? In der Geschichtsschreibung werden keine erwaehnt.

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