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Zaza Kirmanc Dimili

About Zazaki Kirmancki Dimilki.


 
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Die Kehrseite der »modernen« Türkei

Kahraman Gündüzkanat: Die Rolle des Bildungswesens beim Demokratisierungsprozeß in der Türkei unter besonderer Berücksichtigung der Dimli- (Kï rmanc-, Zaza-) Ethnizität. LIT Verlag, Münster 1997 (Soziale Ungleichheit und Benachteiligung; 6). 238 Seiten, 48,80DM.

Wenn heute in den hiesigen Medien von der Türkei die Rede ist, so geht es fast durchweg um den Konflikt zwischen dem aufbegehrenden Islamismus und den Verteidigern der auf Kemal Atatürk zurückgehenden »modernen«, laizistischen, demokratischen, westlich orientierten Türkei.

Für Demokraten ist die Parteilichkeit klar; ein Korrespondent der Frankfurter Rundschau nannte unlängst die Gründung der türkischen Republik durch Atatürk »eine der größten friedlichen Visionen dieses Jahrhunderts« (Gerd Höhler, »Europa und die Türken«, FR vom 29.  3. 1997, S.  3), die es zu verteidigen gelte. Der konstitutionell unfriedliche Charakter dieses kemalistischen Staates war in den letzten Jahren der westlichen Öffentlichkeit anhand der Kurdenproblematik durchaus bekannt geworden, aber dieses Thema scheint in hiesigen Redaktionsstuben im Moment vom Tisch. Daß der ethnische Konflikt in Ostanatolien jedoch mehr als bloß eine Kurdenfrage darstellt, da dort weitere eigenständige Bevölkerungsgruppen leben, deren Existenz die türkische Staatsdoktrin nicht anerkennt und die, wenn sie sich nicht bedingungslos assimilieren, entsprechend behandelt werden, ist weitgehend unbekannt.

Kahraman Gündüzkanat ist Angehöriger der Dimli- oder Zaza-Ethnizität, die im ostanatolischen Dersim-Gebiet ansässig ist; zu ihr gehören schätzungsweise fünf Millionen Menschen. Gündüzkanat, der seit 1981 in Deutschland lebt, hat nun eine außerordentlich gehaltvolle und informative Studie über die Situation der Dimli/Zaza vorgelegt. Das Buch beschäftigt sich vor allem mit der Funktion des Bildungswesens als Träger des türkischen Nationalismus und erörtert die Möglichkeit emanzipativer pädagogischer Reformkonzepte; gleichwohl ist es aber mehr als ein Fachbuch für Erziehungswissenschaftler. Es gibt einen umfassenden Überblick über die Geschichte des Dersim-Landes, die traditionelle Sozialstruktur und Lebensweise, Sprache und Religion seiner Bewohner, ihren Widerstand gegen die türkische Herrschaft und die Zerstörung der traditionellen Strukturen durch die von der Türkei betriebene »Modernisierung« des als »unzivilisiert« und »kulturlos« geltenden Dersim-Gebiets.

Bei den Dimli handelt es sich um die Sprecherinnen und Sprecher des Dimilki- oder Zazaki-Idioms, einer dem Kurdischen verwandten, jedoch eigenständigen westiranisch-indogermanischen Sprache, die in der heutigen Türkei nicht in der Öffentlichkeit gesprochen werden darf. Das Dimilki ist rein mündlich überliefert; die Dimli waren überwiegend Analphabeten, nur wenige Gelehrte beherrschten die arabische Sprache und Schrift. Bemühungen um die Entwicklung einer Dimilki-Schriftsprache und die Aufzeichnung der Dimli-Traditionen erfolgen erst seit etwa zwanzig Jahren durch im Exil lebende Dimli; die Verschriftlichung soll die »herrschaftsferne«, nämlich niemals in ihrer Geschichte staatstragend gewesene Dimilki-Sprache vor dem Aussterben bewahren.

Knapp zwei Drittel der Dimli sind auch in religiöser Hinsicht in der islamisch geprägten Türkei Angehörige einer Minderheit: sie bekennen sich zum Alevismus, der Elemente des Islams, des Christentums und alter Naturreligionen unter einer ausgesprochen humanistischen Akzentsetzung vereint. Im Alevismus steht im Grunde nicht Gott, sondern der Mensch im Mittelpunkt; im religiösen Kult werden Symbole für die Würde des Menschen verehrt. Eine schriftlose Kultur hat hier eine erstaunliche Antizipation der Feuerbachschen Religionskritik geleistet. Aleviten gibt es in der Region auch unter Türken und Kurden; jedoch sind die Dimli die einzige ethnische Gruppe, die mehrheitlich den Alevismus praktiziert, während eine Minderheit sich im Laufe der Jahrhunderte dem sunnitischen Islam angeschlossen hat. Einem Islamisierungsdruck sind die Aleviten auch in der angeblich laizistischen türkischen Republik ausgesetzt, in der der Alevismus vom Staat nicht anerkannt wird; in den Schulen werden alevitische Kinder zum Besuch des sunnitisch-islamischen Religionsunterrichts gezwungen. Der seit jeher »aufgeklärten« Haltung der Aleviten entspricht eine weitgehend egalitäre, hierarchiefreie, basisdemokratische Lebensform, beruhend auf dem Gemeineigentum an Grund und Boden.

Die Türken waren im Mittelalter aus Zentralasien auf die anatolische Halbinsel eingewandert und hatten dort das Osmanische Reich errichtet, das im Laufe der Jahrhunderte durch Eroberungen eine Ausdehnung erlangte, die ungefähr dem alten byzantinischen Reich entsprach. Den unterworfenen Völkern wurden relativ weitgehende Autonomierechte gewährt; Priorität hatte das Eintreiben von Steuern, wohingegen die Sprache, Kultur und Religion der beherrschten Völker einigermaßen belanglos waren. Im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts schrumpfte das Osmanische Reich infolge der Unabhängigkeitsbewegungen diverser Völker mehr und mehr zusammen; auch in Dersim gab es Dimli-Aufstände, die jedoch niedergeschlagen wurden. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Türkei von den europäischen Siegermächten ihr heutiges Staatsgebiet zugebilligt; auf diesem Territorium leben neben Türken Kurden, Dimli, Lazen, Armenier, Tscherkessen und andere Volksgruppen. Die Gründung der türkischen Republik durch Atatürk war nun gleichbedeutend mit der Aufgabe, diesen Restbestand des Osmanischen Reiches in einen modernen Nationalstaat umzuwandeln. Während die Sultansherrschaft auf Verhältnissen bloß äußerer Unterwerfung beruht hatte, bedarf die moderne demokratische Republik der Fiktion eines souveränen Volkes, aus dessen freiem Willen sie hervorgegangen sein soll. Im Falle der Türkei war und ist das zur Konstruktion eines Staatsvolkes erforderliche Ausmaß an Gewalt besonders augenfällig. Gemäß der kemalistischen Doktrin sind alle türkischen Staatsangehörigen per definitionem Türken. Eine Besonderheit von Kurden und Dimli wurde lange Zeit nur in der Bezeichnung »Bergtürken« zum Ausdruck gebracht, bei denen es sich um einen ziemlich unzivilisierten Menschenschlag handeln sollte. Ein verdecktes Eingeständnis der Existenz anderer Volksgruppen konnten die Ideologen im Umkreis Atatürks wohl nicht immer ganz vermeiden; die daraus gezogene Konsequenz lautete stets: Assimilation oder brutale Unterdrückung. Gündüzkanat zeigt die Ambivalenzen der in diesen Kreisen vertretenen Auffassungen nach: einerseits wurde die türkische Nation nicht über die Abstammung, sondern über »Kultur« und »Zivilisation« definiert; andererseits waren zugleich bei den Ideologen der türkischen Staatsgründung kraß völkisch-rassistische Einstellungen virulent. Es wurde versucht, zu zeigen, daß die Türken indogermanischer und die »Bergtürken« türkischer Abstammung seien. Im übrigen sind es in der Türkei heute vor allem Angehörige der Unterschichten, die hinter vorgehaltener Hand recht genau über die verschiedenen ethnischen Gruppen und ihre Siedlungsgebiete Bescheid wissen, deren Existenz hingegen gerade von gebildeteren Türken zumeist bestritten wird. Als staatliche, auf Staatsdoktrinen gebaute verwandelt Bildung sich in ihr Gegenteil.

Was Gündüzkanat dieser Unterdrückung entgegenhält, ist kein »Befreiungsnationalismus«, wie ihn die militanten kurdischen Organisationen vertreten. Ein solcher kommt einfach schon deshalb nicht in Frage, weil der von der Türkei ausgehende Assimilationsdruck die Unterschiede zwischen Dimli, Kurden und Türken fließend gemacht hat, ohne doch die Substanz der Dimli-Traditionen ganz zerstören zu können; auch sind die Siedlungsgebiete der Dimli eng mit kurdischen verzahnt. Umgangssprachlich wird beispielsweise für die Dersimer Aleviten die Bezeichnung »Kýzýlbaþ « verwendet, die sich auf Dimli, Kurden und Türken gleichermaßen bezieht. Die kurdischen Organisationen wiederum bestreiten ihrerseits die Eigenständigkeit der Dimli, indem sie diese als Untergruppe der Kurden und die Dimilki-Sprache als kurdischen Dialekt bezeichnen, obgleich kurdische und Dimilki-Sprecher einander nicht oder kaum verstehen. Tatsächlich sind Kurden und Dimli von Historikern, Ethnologen und Sprachwissenschaftlern oft vermengt worden; einige große Rebellionen, die in der Geschichtsschreibung meist als »Kurdenaufstände« bezeichnet werden, waren in Wirklichkeit Erhebungen der Dimli. Viele Dimli bezeichnen sich nach außen als den Kurden zugehörig, wehren sich aber zugleich gegen kurdische Vereinnahmungsversuche. Aus der multiplen Konstellation ethnisch-sprachlicher und religiöser Gruppen in der Dersim-Region, der Koexistenz von Türken, Kurden und Dimli, unter denen sich jeweils islamische und alevitische Gruppen befinden, leitet Gündüzkanat ein vor allem an der »Befreiungspädagogik« des Brasilianers Paulo Freire wie an der bereits in den vierziger Jahren von dem türkischen Reformpädagogen Tonguç formulierten Konzeption der »Dorfinstitute« orientiertes Programm »interkultureller Erziehung« ab, das auf einen reflektierten Umgang mit traditionalen »Identitäten« zielt. Dazu gehört: bilinguale Erziehung in Dimilki- und türkischer Sprache, Information über alevitische und islamische Traditionen.

Gündüzkanat zeigt, daß der türkische Staat zur Zerstörung von Dimli-Traditionen komplementär einerseits türkisch-nationalistische Indoktrination, andererseits die Berieselung mit amerikanischer Populärkultur einsetzt. Stellenweise könnte hier der Verdacht aufkommen, die Darstellung des Autors impliziere eine antiwestliche Kulturkritik. Diese ist der Substanz nach nicht intendiert. Es wäre allerdings von Interesse, die Wirkungsweise »türkisch-islamischer« und »westlich-amerikanischer« ideologischer Effekte genauer zu beleuchten; sicher verhalten sich beide zueinander nicht widerspruchsfrei und könnten in ihrer Konfrontation Reflexionspotentiale freisetzen.

Gündüzkanat weiß natürlich, daß unter den gegenwärtigen Bedingungen die Aussichten auf eine Umsetzung seiner Reformkonzepte gleich null sind. Entwicklungen wie der israelisch-palästinensische Friedensprozeß bestärken ihn gleichwohl in der Hoffnung, daß Vergleichbares eines Tages in der Türkei auf die Tagesordnung gelangen könnte. Einstweilen ist sein Buch zunächst als Beitrag zur Förderung eines Verständigungsprozesses unter den im Exil lebenden Dimli und zur Information der europäischen Öffentlichkeit gedacht. In diesem Sinne ist ihm weite Verbreitung zu wünschen.
 
 
 
 

Henning Böke

Eine leicht gekürzte Wiedergabe der Buchbesprechung in Z. - Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 32 / Dezember 1997.
 

 

 
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Last modified:  July 30 , 1998