Der Löwe und das Einhorn


Ein kleines Märchen...


Es war einmal ein Einhorn, das lebte in einem prächtigen Garten. Es hatte eigentlich alles, was es brauchte, es wurde beschützt und gepflegt. Der Garten wurde von den Besitzern tipptop gepflegt. Es wuchsen da herrliche Rosen, und die Bäume lieferten köstliche Früchte. Es war ein nettes kleines Reich, und in der Mitte stand der Stolz der Besitzer: ein Einhorn aus Marmor. Es thronte im Zentrum des Gartens auf seinen Sockel, es stand da Tag und Nacht, weil die Besitzer es so wollten. Und eigentlich fürte es ein schönes Leben.
Nur an manchen Tagen konnte man eine kleine Träne in seinem Auge glitzern sehen. Das geschah an jenen Tagen, an denen die Statue die Sehnsucht packte. Gerne wäre es dann von seinem Sockel gesprungen, um sich ein wenig weiter umzusehen. Aber es wusste genau, dass die Besitzer das nicht wollen würden, und schliesslich war es ein braves, junges Einhorn, das immer tat was man ihm sagte. Abgesehen davon, wo hätte es denn hingehen sollen? Um den Garten herum wuchs eine hohe Rosendecke, und dahinter lag ein Wassergraben. Es hätte sich doch schwer verletzen können bei dem Versuch, über den Zaun hinwegzusetzen. Also fand sich das Tier mit seiner Lage ab.
Doch dann, eines Nachts, hörte das Einhorn ein seltsames Geräusch. Es erschrak und drehte den Kopf in den Wind, um zu riechen, was da vorging. Es witterte tatsächlich etwas. Der Geruch war fremdartig, aber nicht unangenehm. Das Einhorn sah sich genauer um. Es war eine Vollmondnacht, und so konnte es recht weit sehen. Sie stand auf dem Sockel und spähte durch die Hecke hindurch- und erstarrte vor Schreck. Was musste sie da sehen?
Seine Mähne flatterte im Wind. Breitbeinig und stolz stand er da, hinter der Hecke. Seine AUgen glitzerten im Licht des Mondes. Das Einhorn sah kurz hinauf zu dem Mond. Einige dünne Wolken hatten sich davorgeschoben. Es sah aus, als trug der Mond einen Seidenschal. Doch dann lenkte sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Geschöpf auf der anderen Seite des Zaunes.
Es sah so gross und gefährlich aus. EIn Zittern lief über ihren Rücken. Die Besitzer hatten sie immer vor den Löwen gewarnt, die überall in der grossen weiten Welt hausten. Sie waren stärker als alle Einhörner und wild und gefährlich. "Aber warum habe ich keine Angst?", fragte sich das Einhorn. Darauf hatte es keine Antwort.
Einige Sekunden standen sich die beiden gegenüber. Der Löwe war fasziniert von den langen Beinen des Einhorns und von ihrer Mähne, die im Mondlicht glänzte. Es sah richtig schön aus. Dem Löwen gefiel sie sehr. Und sie fand auch Gefallen daran, ihn zu betrachten. Und dann begann er zu sprechen. Bei dem ersten Laut, den er von sich gab, begann das Einhorn wieder zu zittern. Seine Stimme klang so dumpf und ruhig und angenehm. SIe höte ihm die ganze Nacht zu.
Von da an sahen sich die beiden öfter. Jede Nacht, wenn ihre Besitzer schliefen, bekam das Einhorn Besuch. Es war da eine besondere Affinität zwischen den beiden. Und obwohl sie so unterschiedlich waren, der Löwe, der aus dem Norden kam, und das Einhorn, dass ihr Lebtag den Garten nicht verlassen hatte, so waren sie doch Seelenverwandte. Sie entdeckten, dass sie ähnlich dachten und fühlten.
Und eines Abends, nach 7 Vollmonden, geschah es.
Das Einhorn hatte öfters versucht, aus dem Garten zu entfliehen und zu dem Löwen zu springen, aber es hatte nicht den Mut und nicht die Kraft. Der Löwe hatte die Kraft. Mit einem riesigen Satz landete er im Garten. Da kam Leben in das Einhorn. Es verbrachte die schönste Zeit seines eintönigen Lebens. Die beiden verstanden sich prächtig. Doch die Gärtner wollten den Löwen am liebsten verscheuchen. Das Einhorn versuchte das zu ignorieren, doch dann, nach einer Viertelmondphase, musste der Löwe wieder weg.
Das Einhorn wurde traurig. Es hörte nicht mehr jeden Abend den Löwen schreien. Und es war alleine und wusste nicht ein und aus. Vielleicht würde es einen Weg finden, über den Zaun zu kommen und dann für immer wegzugehen von seinem prächtigen Gefängnis. Oder es würde einen anderen Löwen finden, den sie mochte und der jederzeit zu ihr kommen konnte. Sie wusste es nicht. Aber gerade das machte, so weh es ihr auch tat, ihr Leben lebenswert. Nicht zu wissen was passiert, einfach abwarten, das Schicksal spielen lassen. Aber trotz allem das Leben lieben und geniessen.
Das Schicksal meinte es dann am Ende doch nicht so gut. Das Einhorn traf den Löwen niemals wieder...

(fertiggestellt am 7.Juli 1998)
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© by Renate Bohac